Krefeld: Ein deutsches Flüchtlingsmärchen

Krefeld: Ein deutsches Flüchtlingsmärchen

Es ist Liebesgeschichte und Auseinandersetzung mit romantisierenden Vorstellungen von exotischen Welten zugleich: "Ich bin doch kein "Stadtmusikant" hatte jetzt Premiere im Kresch: Ein Stück mit vielen Ebenen.

Für viele Flüchtlinge mag Deutschland - die westliche Welt im Allgemeinen - erscheinen wie ein Märchen: ein Land in dem Milch und Honig fließen. Doch sind diese Vorstellungen genauso verzerrt, wie etwa unsere romantisierenden Vorstellungen von den mystischen Geheimnissen des Morgenlandes. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen märchenhaften Vorstellungen, Erwartungen und Gegenerwartungen, Gewohnheiten und Perspektiven spielt das neue Stück des Kresch-Theaters, des Kinder- und Jugendtheaterzentrum der Stadt Krefeld. "Ich bin kein Stadtmusikant" von Jakob Nain unter der Regie von Helmut Wenderoth, zeichnet in gut einer Stunde ein mitreißend leichtfüßiges Kabinettstück rund um die besondere Beziehung zweier Menschen, aufgeladen mit vielen Bedeutungsebenen. Das Stück ist in Kooperation mit einer Projektgruppe der Internationalen Förderklassen am Berufskolleg Vera Beckers entstanden, die im Vorfeld im Rahmen eines Workshops einbezogen wurden.

Zwei Persönlichkeiten, die unterschiedliche Perspektiven mitbringen, deren Aufeinandertreffen zwar auf die Folie der Flüchtlingsthematik aufgezogen ist, aber eigentlich auch gut ohne diese thematische Fokussierung funktionieren würde, liefern die Keimzelle. Der eine, ein junger allein reisender Flüchtling - allerdings ist Schauspieler Predrag Kalaba gar nicht mehr so jung - trifft in Person einer Sachbearbeiterin auf seine Traumfrau. Diese (vortrefflich verkörpert von Christina Beyerhaus) ist in vielerlei Hinsicht typisch deutsch. Mit einem gewissen Hang zur Pedanterie, doch gleichzeitig versehen mit charmanten Macken, die immer wieder durchbrechen. Er ist ein Charmeur, im sich unentwegt drehenden Rad der Bürokratie gefangen, mit seinen Träumen und Sehnsucht nach Normalität. Doch ist die Frau auch in ihrem alltäglichen Hamsterrad, ihr Leben ist auch kein Märchen.

Dabei gewinnt die durch das Stück geisternde Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten mehr und mehr eine symbolhafte Tragkraft. Flüchten die Tiere dort nicht auch vor ihrem Schicksal? Doch der junge Mann, der sich - vielleicht? - in den Erlebnissen der märchenhaften Tiere wiederfindet, mag kein Stadtmusikant sein, möchte sich nicht in diese Rolle fügen.

Die beiden Figuren reflektieren immer wieder ihre Situation, wenden sich in kurzen Monologen dem Publikum zu und erzählen aus ihrem Leben. Besondere "Erkenntnisse" - Schlagworte - werden im Laufe des Stückes auf eine große tafelartige Wand im Hintergrund der Szenerie geschrieben. Diese füllt sich mehr und mehr und öffnet den Blick auf Koordinaten der Figuren. Gegenpole, die dann doch mehr gemein haben als es scheint; nur der Blickwinkel ist anders.

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Auch Wissenswertes aus dem Themenfeld der Flüchtlingssituation in Deutschland wird eingeflochten, doch lebt die Geschichte von den Flirtversuchen des jungen Mannes, der einfach nicht locker lassen möchte; wenngleich auch die Frau immer wieder versucht zu signalisieren, dass es Regeln gebe, dass es so nicht gehe, geschmeichelt fühlt sie sich doch. Alles steigert sich behutsam, bis der Mann plötzlich nicht mehr auftaucht; er ist jetzt im Ruhrgebiet - dort heißen die Flüsse Kanal. Wird jetzt alles anders?

Eine schöne Premiere. Das Publikum in der ausverkauften Fabrik Heeder applaudierte begeistert.

Das Stück ist empfohlen für Zuschauer ab 14 Jahre. Info über weitere Vorstellungen und Kartenreservierung unter www.kresch.de

(RP)