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Krefeld: "Ebrius Maximus" — Schüler hat als Surrealist Erfolg im Internet

Krefeld : "Ebrius Maximus" — Schüler hat als Surrealist Erfolg im Internet

Mehr als seinen Künstlernamen gibt "Ebrius Maximus" nicht von sich preis. Ein Hausbesuch mit Bilderschau bei einem Online-Phänomen.

Man ist auf vieles gefasst, wenn man das Zimmer eines 23-jährigen Mannes in einem Plattenbau betritt. Auf alte Pizzakartons, schmutzige Wäsche, einen großen Flachbild-Fernseher, eine Wasserpfeife vielleicht.

Farbspritzer zieren Möbel und Wände

Doch dieses ist anders. Hier liegt überhaupt nichts rum. Das Wichtigste hängt — eher provisorisch, aber dennoch beeindruckend: 30, 40, wenn nicht noch mehr Bilder zieren die Wände. Entstanden sind sie auf der Staffelei am Fußende des Betts, dort, wo Farbspritzer die Wände und den Schreibtisch mit dem altersschwachen, kiloschweren Computer bedecken.

In knalligen Acrylfarben zeigen sie surrealistische Szenen: Körper mit Löchern, Früchte im Weltall, Landschaften mit menschlichen und tierischen Zügen, ein Fantasy-Monster, aus dessen Maul Säure spritzt und ein zähnefletschender Hund springt. Entstanden nachmittags und in mancher Nachtschicht.

An seiner Fachoberschule kennt ihn keiner als Künstler

An der Krefelder Fachoberschule, die der Künstler besucht, ahnt keiner etwas von der Leidenschaft ihres Mitschülers. Denn keiner weiß, wer sich "Ebrius Maximus" verbirgt. Übersetzt heißt das "Vollrausch", ist aber keine Anspielung auf Wochenenden in Großraumdiscos, sondern auf den Zustand, der ihn manchmal beim Malen befällt. Das kann man eine Marotte nennen oder eine PR-Strategie, doch der Künstler sagt: "Ich bin einfach nicht heiß drauf, dass mein Name kursiert."

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Es gebe schlicht keinen Grund, selbst in die Öffentlichkeit zu gehen — "anders ist das mit meiner Kunst". Die findet im Internet ihre Fans, etwa im Künstler-Forum "Deviant Art". Die Facebook-Seite "Ebrius Art" hat 707 Fans aus aller Welt.

Lernen von Bob Ross und Wikipedia

"Ebrius" prahlt nicht, heischt nicht nach Aufmerksamkeit, erzählt nur auf Nachfrage, hütet sich vor einfachen Wahrheiten, nimmt keine Steilvorlage an um sich abzugrenzen gegen den Rest seiner Generation. "Was ist typisch? Ich weiß nicht, ob ich es bin, und es ist mir auch relativ egal." Mit leiser Stimme redet er, zögernd, immer auf der Suche nach den richtigen Worten.

Und entwaffnend ehrlich. Erst vor etwa zwei Jahren habe er mit der Malerei angefangen, sagt er, gelernt habe er unter anderem von — Bob Ross. Die TV-Sendung des amerikanischen Hippie-Malers mit dem ergrauten Afro-Schopf ist Kult, eine Mischung aus "Sendung mit der Maus" und "Telekolleg" in 403 Folgen. Ebrius ist auch interessiert an griechischer, römischer, chinesischer Mythologie und Symbolik — aber er liest keine imposanten Bücher darüber, sondern klickt sich durch die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Und Wimmelbilder mochte er auch schon immer.

"Zeichnungen haben nur eine kurze Halbwertszeit"

Lange hatte er gezeichnet, seit frühester Kindheit. Fantasy-Szenen, Fabelwesen, Alchemisten-Labore. Bevorzugt mit Bleistift oder Kugelschreiber. "Dann ist mir aufgefallen, dass Zeichnungen eine kurze Halbwertszeit haben. Man konsumiert sie schnell weg, da bleibt nichts hängen." Außerdem mag er Farben. Sattes Rubinrot, grelles Neongrün.

Und dann stieß er irgendwann, irgendwo auf die Surrealisten, auf Dalí und René Magritte. "Das hat mich gepackt, das war etwas anderes als das einmillionste Bild einer Blume." Was ja auch schön sein könne, doch, keine Frage, aber "mir persönlich fehlt da die Aussage". Im Surrealismus hingegen könne man alles ausdrücken.

Ziel: Bilder nicht übermalen müssen, um Leinwand zu sparen

Für ihn geht es darin jetzt mit kleinen Schritten voran. Neulich hat er zwei Bilder verkauft, für 120 Euro insgesamt und inklusive Versand.

Freundschaftspreis hin oder her: Dass das finanziell gesehen Irrsinn ist, weiß Ebrius. "Ein fleißiger Pfandsammler verdient mehr", sagt er. "Macht aber nichts. Es gab nie den Plan, dass meine Kunst wirtschaftlich Zukunft haben sollte." Vorerst ist das Ziel, fertige Bilder nicht übermalen zu müssen, um Leinwände zu sparen. "Bei mir ist aber die Hoffnung verloren, dass ich noch mal etwas Anständiges, Solides mache", sagt er mit Nachdruck. "Die Kunst gibt mir zu viel, als dass ich sie aufgeben könnte."

Tausche Anonymität gegen Ausstellung?

Erstmal will er das Fach-Abi machen, Fachrichtung Gestaltung, und danach vielleicht ein Kunststudium, aber wer weiß schon, ob das klappt. "Technisch habe ich jedenfalls noch viel Luft nach oben", sagt er lachend.

Ebrius' Herzenswunsch: In Krefeld ankommen, Kontakte knüpfen zu anderen Künstlern, vielleicht die Möglichkeit zu einer Ausstellung bekommen. Ab welchem Punkt es sich lohnt die Anonymität aufzugeben verhandelt er jeden Tag neu mit sich selbst — Künstlerische Freiheit.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das sind die Bilder von "Ebrius Maximus"

(RP)