Zum Tage: Ebenbild Gottes

Zum Tage: Ebenbild Gottes

Im rauen Winter 334, als viele an der eisigen Kälte starben, lag am Stadttor von Amiens ein Armer, kaum bekleidet, und bettelte. Martin, ein damals noch junger Gardeoffizier, kam vorbei und ließ sich von dem Geschick dieses Menschen anrühren. Er zog das Schwert, schnitt seinen Soldatenmantel mitten durch und gab die eine Hälfte dem anderen, die andere legte er sich wieder um. In der folgenden Nacht aber erschien ihm Christus und trug jenen Gewandteil. Niemand als er selbst sei der Bettler gewesen. So wie er einst gesprochen habe: Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.

Diese Legende ist vielleicht das bekannteste Zeugnis in der ungemein großen Wirkungsgeschichte des Gleichnisses vom Endgericht (Mt 25,31-46). Sie erinnert uns an die Kinder, die am Martinstag mit leuchtenden Fackeln durch die abendlichen Straßen ziehen und von ihm singen. "St. Martin ritt durch Schnee und Wind" .... Oder erinnert zum Beispiel an das preußische Edikt vom 9. Oktober 1807, mit dem Martinitag 1810 sei die Leibeigenschaft aufgehoben.

Im genannten Gleichnis werden die Menschen geschieden nach denen, die sich der Hungrigen, Obdachlosen und oder sonst Bedürftigen angenommen haben oder eben nicht. Die Geschichte der christlichen Caritas fußt auf diesen Worten. In den Stiftungsinschriften der mittelalterlichen Hospitäler wird auf sie zurückgegriffen. Die Befreiungstheologen sehen in ihr eine grundlegende Botschaft: Am "Sakrament des Nächsten" vorbei gibt es keinen Weg zu Gott. Der Gefolterte und Slum-Bewohner ist das Ebenbild Gottes.

Ich half einmal einem Menschen mit einer geistigen Behinderung und merkte erst viel später, mit welchen Begabungen er ausgestattet war, ein Ebenbild Gottes.

PFARRER CHRISTOPH ZETTNER, PFARRER IN ST. NIKOLAUS, KREFELD-OST

(RP)