Krefeld : Die Rosenberg

Seit rund 40 Jahren ist Marianne Rosenberg (56) im Geschäft. Sie hat alles erlebt: Jubel, Anfeindungen, Misserfolge, Comebacks. Ihre aktuelle Tour führt sie heute nach Krefeld. Gespräch mit einer Frau, die ihren Frieden gefunden hat.

Vier Jahrzehnte harte Arbeit, ein Lied: Neun von zehn Menschen, die den Namen Marianne Rosenberg hören, denken an diesen einen Schlager: "Er gehört zu mir". Er ist Pflichtprogramm in jedem Partyzelt, er wird mitgegrölt von Frauen, Männern, Heteros und Schwulen. Dass sie 23 Alben veröffentlicht hat, zahlreiche andere erfolgreiche Singles hatte, in Filmen mitgespielt und mit Größen der Neuen Deutschen Welle zusammengearbeitet hat, geht in diesem Gegröle allzu häufig unter.

Das Lied stammt aus dem Jahr 1975, kein Lied ihres aktuellen Albums "Regenrhythmus" klingt nur annähernd danach, aber das stört sie nicht, im Gegenteil. "Ich empfinde es als großes Kompliment, dass die Menschen ein Lied mit mir verbinden, das ihnen offenbar etwas bedeutet. Mir geht es genauso, wenn ich Gloria Gaynor höre. Da warte ich auch auf ,I will survive'", sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Ihre Stimme klingt unaufgeregt, geradezu warmherzig. Aus ihr spricht eine Abgeklärtheit, die jemand erreicht, der sich schon lang nicht mehr vom Urteil anderer abhängig macht.

Seit sie 15 ist, steht Marianne Rosenberg, die gebürtige Berlinerin, auf der Bühne. Sie stammt aus einer Sinti- und Roma-Familie, als Kind wurde sie von Mitschülern als Zigeunerin beschimpft. Ihr Vater, Otto Rosenberg, überlebte als Jugendlicher das Konzentrationslager in Auschwitz. Der Erfolg der jungen Marianne, die bei einem Nachwuchswettbewerb entdeckt wurde und 1970 mit "Mr. Paul McCartney" ihren ersten Hit hatte, verschaffte der Familie einen bescheidenen Wohlstand.

"Es war nicht meine Karriere, sondern unsere", sagte sie einmal und meinte damit ihre Familie. 1971 reiste sie nach Rio de Janeiro und nahm vor 40 000 Zuschauern an einem Gesangswettbewerb teil. Schon im Vorfeld hatte Jury-Mitglied Paul Simon verkündet, er werde "der Deutschen" keinen einzigen Punkt geben. Der Grund: Seine Familie ist jüdisch. Sie hätte ihre Geschichte erzählen können, doch sie ließ es. "Unsere Geschichte erschreckt die Leute", hatte ihr Vater ihr gesagt.

Mitte der 70er erreichte sie den Zenit ihres Erfolgs. Songs wie "Er gehört zu mir" und "Marleen" machten sie zu einer der populärsten Sängerinnen Deutschlands. Auch danach absolvierte sie erfolgreiche Touren und tauchte immer wieder in den Charts auf, doch das ganz große Publikum erreichte sie nicht mehr. Für die Masse wurde sie die etwas unnahbare, grell geschminkte Diva mit der Tremolo-Stimme, die "Er gehört zu mir" singt.

Aufgehört hat sie trotzdem nie. Wer welches Bild von ihr hat, wer sie wie findet, könne sie eh nicht kontrollieren, sagt sie. "Die Medien basteln sich ihr eigenes Bild zusammen. Ich bin entspannt." Sie liebe es, Musik zu machen, sie habe immer noch ihr Publikum ("vom 17-Jährigen bis zur 70-Jährigen"), und sie hat einen nüchternen Blick auf das aktuelle Musikgeschäft.

"Die Industrie setzt auf Masse, in den Playlists der Radios herrscht Inzucht. Jedes Lied klingt gleich." Sie findet es gut, dass sich die Menschen vermehrt ihre eigenen Charts zusammenstellen, sich aus dem Internet ziehen, was ihnen gefällt. "Befreiungsschlag von verordneter Musik", nennt sie das.

Marianne Rosenberg hat sich selbst schon lange befreit, sie ist der Zynismus-Falle ausgewichen, ihr In-sich-ruhen wirkt ehrlich. Und sie freut sich darauf, in der Kufa "Er gehört zu mir" zu schmettern. Weil sie schon lange weiß, wo sie hingehört.

(RP)
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