Die Realschulen haben Probleme, Hauptschüler intensiv zu betreuen

Schulpolitik in Krefeld: Realschulen: Man lässt uns und Hauptschüler im Stich

Christa Lunkenheimer und Stefan Emunds von der Albert-Schweitzer-Realschule berichten, vor welchen Schwierigkeiten eine Realschule steht, wenn sie Hauptschüler fördern wollen. Es fehlt an Personal und an Ressourcen.

Es war politischer Wille, die Hauptschulen in Krefeld abzuschaffen. Doch die Kinder, für die Unterricht auf Hauptschulniveau der richtige ist, gibt es natürlich noch. Für sie ist der Weg, ihre Schullaufbahn an der Gesamtschule fortzusetzen, nun alternativlos geworden. Denn die weit verbreitete Meinung, dass Realschulen ab sofort durchgehend separate Bildungsgänge für Hauptschüler anbieten, ist schlicht falsch. Das erklären Christa Lunkenheimer und Stefan Emunds von der Albert-Schweitzer-Schule.

Die Realschule in der Innenstadt ist die einzige in Krefeld – und eine von nur zehn Realschulen in Nordrhein-Westfalen -, die ab der siebten Klasse einen Hauptschulzweig nach §132c des Schulgesetzes eingerichtet hat – auf Weisung der Stadt und der Bezirksregierung. Dieser ist für Schüler bestimmt, die die Erprobungsstufe nicht schaffen  und eigentlich an die Hauptschule wechseln müssten (ein Wechsel an die Gesamtschule ist nicht vorgesehen). Die Schulleiterin klärt auf: „Wir sind kein Ersatz der Hauptschule. Es ist nicht vorgesehen, dass der Anteil der Kinder mit Hauptschulempfehlung in Klasse fünf sich erhöht. Wir bleiben in den Klassen fünf und sechs eine reine Realschule – und mit Realschul-Lehrplan, der zum Beispiel die zweite Fremdsprache in Klasse sechs vorsieht.“ Konrektor Emunds ergänzt: „Was wir laut Schulgesetz ausschließlich tun dürfen, ist, die Aufgaben der Hauptschule für diejenigen Kinder zu übernehmen, die die Realschul-Erprobungsstufe nicht schaffen.“ In diesem ersten Jahrgang sind es sieben.

Die Realschule hat zudem keine freie Hand in der Organisation neuer Bildungsgänge. Laut Schulgesetz ist eine „äußere Differenzierung“ für mehr als zehn Unterrichtsstunden nicht erlaubt. Das bedeutet, dass das Bilden von separaten Hauptschulklassen unter dem Dach einer Realschule überhaupt nicht mit dem Schulgesetz vereinbar ist. „Dadurch zwingen wir Kinder in Realschulklassen, die ja in der Erprobungsstufe eigentlich schon nachgewiesen haben, dass sie diesen Lehrplänen nicht gerecht werden können und eigentlich besser nach den Plänen der Hauptschulen unterrichtet werden müssten“, sagt Emunds. Weder Klassengrößen noch Personalschlüssel seien darauf ausgelegt, diesen Nachteil so auszugleichen, wie es für die Schüler wichtig wäre.

„Wir versuchen zu verhindern, dass die Hauptschüler größere Nachteile erfahren“, sagt Christa Lunkenheimer. „Wir können Differenzieren, unterschiedliche Arbeitsblätter und Klassenarbeiten machen, unterschiedliche Noten geben, Schüler fördern. Aber wir haben faktisch nicht die Zeit, uns so um die Kinder zu kümmern, wie es an der Hauptschule gemacht wurde.“ Und: „Wir sind eine Realschule. Unser Ziel ist es, möglichst viele Schüler hier auf Realschulniveau zu einem guten Abschluss zu bringen.“

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Auch die ausgeprägte Ausrichtung der Hauptschulen, ihren Anvertrauten den Weg in den Beruf zu ebnen, könne die Realschule nicht leisten. „Wir können zum Beispiel die Kinder nicht in Klasse acht für drei Wochen ins Praktikum schicken – und sie dann danach wieder in die Klassen setzen, die im Unterrichtsstoff in dieser Zeit weitergemacht haben.“ Das gesamte Berufsvorbereitungskonzept müsse überarbeitet werden.

Die Schließung der Hauptschulen, berichten die beiden Lehrer, sei für viele Hauptschullehrer ein Schlag ins Gesicht gewesen: „Die haben verdammt gute Arbeit gemacht, hatten Expertise, ganz schwierige Schüler ins Berufsleben zu bringen – und sind dann einfach für überflüssig erklärt worden“, sagt Emunds. Es sei insgesamt nicht zu Ende gedacht worden, wie es weitergeht. „Eine politische Entscheidung muss nicht eine pädagogisch sinnvolle sein“, sagt Schulleiterin Lunkenheimer. „Hätte man Menschen gefragt, die die Suppe nun auslöffeln müssen, wäre die Entscheidung anders gefallen. Aber wir sind nicht gefragt worden. Und im Schulausschuss sitzen nicht Leute, die in Schulen tätig sind.“

Erfahren, dass, wie Emunds formuliert, „uns die Aufgabe zuteil wird, das zu lösen“, haben die Schulleiterin und der 2. Konrektor im Mai vergangenen Jahres – wenige Monate vor dem Start des neuen Hauptschulzweiges an ihrer Schule . „Da mussten wir uns schnell etwas  überlegen.“ Ein fertiges Konzept, wie das Angebot für die Hauptschüler auszusehen hat, gibt es seitens Stadt oder Landesregierung nicht und wird nun gezwungenermaßen schulintern entwickelt. „Wir haben immer gehofft, uns würde ein Konzept vorgelegt werden, das eine Art Handreichung darstellen könnte“, sagt Emunds. Es blieb bei der Hoffnung.

Die einzige Vorgabe ist, dass es zehn Stunden äußere Differenzierung geben muss. Kollegen, die vorher an Hauptschulen gearbeitet haben, seien willkommene Ratgeber, erzählen die beiden Pädagogen. Gravierender Lehrermangel und chronische Unterbesetzung sowie fehlende räumliche Kapazitäten machten die Aufgabe nicht leichter. Sie versuchen nun, in Grundschulen und in Elterngesprächen viel Aufklärungsarbeit zu leisten. „Eltern hören Hauptschulzweig und stellen sich vor, dass es getrennte Klassen gibt. Sie müssen aber verstehen, was das für die Kinder heißt“, sagt Lunkenheimer. Und: „Am liebsten würde ich auch mal  Kommunalpolitiker beraten.“