Krefeld: Die Opfer von Gewalt haben keine Lobby

Krefeld: Die Opfer von Gewalt haben keine Lobby

Der Weiße Ring hat im vergangenen Jahr 211 Opfer von Straftaten betreut. Meistens handelte es sich um Sexualdelikte.

Gedemütigt, geschlagen, missbraucht - Opfer von Gewalttaten haben keine Lobby. "Sie werden vergessen. Es ist ganz wichtig, dass bei allen Maßnahmen das Wohl und der Schutz des Opfers einen besonders hohen Stellenwert einnehmen", sagt Walter Domröse, Ex-Kripobeamter und Leiter der Krefelder Außenstelle des Weißen Rings. "Opfer dürfen nicht noch zusätzlich zur Tat belastet werden." Die Zahlen für Krefeld sind alarmierend: 3812 Opfer von Straftaten gab es allein 2017. "Das geht vom Diebstahl bis zu Mord und Totschlag", so Kriminalkommissarin Ute Nöthen, seit 20 Jahren Opferschutzbeauftragte bei der Krefelder Polizei. Und die Statistik legt schonungslos offen: 792 Personen wurden Opfer von Gewaltverbrechen. Das reicht von der gefährlichen Körperverletzung über Sexual-, Raub- und Tötungsdelikte bis zur Geiselnahme.

Alle Fälle haben eines gemeinsam: Sie verändern schlagartig das Leben der Opfer. So auch bei einer 25-jährigen Krefelderin. Die junge Frau hatte einen Bekannten gebeten, bei der Renovierung ihrer Wohnung zu helfen. Erst floss Alkohol, später Blut. Der Helfer wurde zudringlich, was die 25-Jährige ablehnte. Was folgte, war brutale Gewalt: Das Opfer wurde geschlagen und missbraucht. Der Körper der jungen Frau war mit Schnittverletzungen und Brandwunden durch Zigaretten übersät, der Täter schlug ihr zwei Zähne aus. Die Polizei weiß: Beim Thema sexueller Missbrauch ist die Dunkelziffer sehr hoch. Schätzungen zufolge liegt sie bei rund 85 Prozent. Ähnlich verhält es sich auch bei häuslicher Gewalt. In Deutschland hat jede achte Frau Erfahrungen damit gemacht. Und diese Verbrechen beschränkten sich nicht bloß auf eine bestimmte Gesellschaftsgruppe, sondern gehen quer durch alle Schichten.

Die 25-jährige Krefelderin alarmierte sofort die Polizei. Und ein ineinandergreifendes System verschiedener Abteilungen setzte sich sofort im Präsidium am Nordwall in Bewegung. Während die Experten der Kripo dem Täter auf der Spur waren, greift parallel die Versorgung im Krankenhaus sowie wie die spätere Behandlung in einer Traumaklinik. "Der polizeiliche Opferschutz ist eine Säule unserer Arbeit. Aber wir sind dankbar, dass der Weiße Ring bei Betreuung und Beratung hilft, wenn das Opfer es will", versichert Ute Nöthen. "Eine schnellstmögliche Weitervermittlung an Hilfe ist wichtig."

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Der Weiße Ring wurde auch für die junge Krefelderin aktiv. "Von der Bezahlung der Krankenhausrechnung, über die Suche nach einem Platz in der Traumaklinik bis zur Begleitung zum Anwalt, Bereiche in denen wir unterstützend tätig werden, sind vielfältig", so Domröse. Für die junge Frau besorgte die Hilfsorganisation auch eine andere Wohnung. "In den Räumen, in denen die Tat geschehen war, konnte sie nicht mehr leben", sagt der 64-jährige Ex-Kripomann.

Seit 2015 gibt es zwischen den beiden Landesverbänden des Weißen Rings sowie dem Innenministerium eine Kooperationsvereinbarung. "Durch diese Vereinbarung wird die gute Zusammenarbeit manifestiert und darüber hinaus wird ein positives Signal für den Opferschutz innerhalb der Polizei und der Öffentlichkeit gesetzt", so Kriminalkommissarin Ute Nöthen. "Die Kooperationsvereinbarung sieht vor, im Rahmen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen dem Weißen Ring und den Polizeibehörden den Opferschutz sowie die Hilfe für Opfer von Straftaten zu fördern, kriminalpräventive Aktivitäten und Projekte zu unterstützen sowie die Netzwerkarbeit auf kommunaler Ebene zu stärken."

Der Weiße Ring in Krefeld hat im vergangenen Jahr 211 Opfer von Straftaten betreut. Das Spektrum der Fälle reicht von Handtaschenraub bis zum versuchten Mord. "Bedrückend", so Domröse: Bei 31 Prozent der Delikte handelt es sich um sexuelle Gewalt. Es folgen "Häusliche Gewalt" (13 Prozent) und Körperverletzung (12 Prozent). "Ein wichtiger Teil der Arbeit des Weißen Rings ist die Vorbeugung", erklärt der 64-jährige Ex-Kriminalbeamte. Zum Beispiel bei Senioren: Bei Vorträgen zu Themen wie Enkeltrick oder Trick- und Taschendiebstahl sollen ältere Menschen lernen, aufmerksam zu sein und sich an der Wohnungstür richtig zu verhalten.

(RP)
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