Die Letzte einer DDR-Familie: Marion Brasch stellt im Theater Krefeld ihre Romane vor

Lesungen in Krefeld : Die Letzte einer DDR-Familie - Marion Brasch erinnert sich

Die Tochter des DDR-Kulturministers las im Theater. Sie gab nicht alle Familiengeheimnisse preis.

Familiengeschichte – das ist etwas zutiefst Menschliches und wurde zum Thema bei der Lesung von Marion Brasch. Auf Einladung des Anderen Buchladens las sie im Glasfoyer des Theaters. Aus der Sicht einer Vierjährigen, die wegläuft, schildert sie die erste Szene in „Ab jetzt ist Ruhe“.

„Ich türme“, sagt das kleine Mädchen 1965 und zitiert damit ihre jüdische Mutter, die vor den Nationalsozialisten aus Österreich geflohen ist. England und Kanada, wo jüdische Flüchtlinge oft von den Vereinigten Königreichen interniert wurden, sind ihre Stationen. Mit ihrem Mann lebt die Mutter mit den vier Kindern, die in etwa vier bis fünf Jahren Abstand geboren werden, in der DDR. Der Vater ist überzeugt von der Staatsdoktrin und wird stellvertretender Kultusminister.

„Der Roman bildet einen Teil des letzten Jahrhunderts ab“, sagte zur Einführung Wolfgang Behl vom Anderen Buchladen, der die Schriftstellerin, Jahrgang 1961, eingeladen hatte. Sie positionierte sich in ihrer Familie: „Ich bin die Letzte“, sagte sie unsentimental und sachlich. Und doch merkt man ihrer Auswahl der vorgelesenen Passagen an, dass sie Gefühlvolles nicht preisgeben möchte. Mit „Ach, das lese ich nicht“, und „ich will nicht zu viel preisgeben“ verwahrte sie sich auf liebenswürdige Weise vor einem zu deutlichen Zugriff des Publikums auf das Geschriebene. Lieber erzählte sie von den drei größeren Brüdern; von ihres Vaters Verbannung nach Moskau nach den Widerständigkeiten des ältesten Sohns Thomas (1945 bis 2001) oder von der Geburt des ersten Neffen. Dessen Mutter war Bettina Wegner; Kindsvater Thomas verbüßte eine Gefängnisstrafe wegen „Staatsfeindlicher Hetze“. „Aber“, so Marion Bracht, „ich erzähle die Geschichte einer Familie, die versucht klarzukommen.“ Auch im Osten hatte eine gewisse bürgerliche Haltung Bestand. Erstaunlich daran ist für Marion Bracht nach wie vor das Erstaunen des Westens über das bunte Leben hinter diesen grauen Mauern. „Über das Schreiben“, so sagt sie, „habe ich meinen Vater besser kennengelernt.“

Anders verhält es sich mit dem fiktionalen Schreiben. Mt ihrer ausgedachten Gestalt Toni habe sie gern Zeit verbracht. Sie trage eine vermeintliche Schuld mit sich herum, während der Gegenspieler Alex eine wahre Schuld trage. „Ich halte die Fäden in der Hand und muss aufpassen, dass sie nicht zu viel verraten“, sagt die Schriftstellerin Marion Brasch.

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