Krefeld: Die kleine Kneipe namens Aquarium

Krefeld: Die kleine Kneipe namens Aquarium

Das "Aquarium" in Linn ist klassisch familiärer Treffpunkt: Wirtin Lissy ist eine Instanz, ihre Frikos sind berühmt. Ein Gast formuliert, was alle denken: "Hier fühlt man sich wohl. Und dass man sich wohlfühlt, das liegt an Lissy."

Sanft schimmert das Licht durch die große, von einer Pergola beschatteten Scheibe - und sofort wird klar, wie die kleine Kneipe in Linn zu ihrem Namen gekommen ist: "Aquarium" heißt das Miniatur-Lokal am Kreuzweg, oft kleben lustige bunte Fische am Fenster, das fast die gesamte Front des Schankraums einnimmt. Drinnen ist es nicht kalt und nass, wie der Name vermuten lassen könnte, sondern warm und gemütlich. Und das liegt vor allem an Vitalis Vaegs.

Die riesige Fensterscheibe hat dem "Aquarium" seinen Namen gegeben. Manchmal dekoriert die Wirtin das Glas mit bunten Fischen. Foto: CArola Puvogel

Seit elf Jahren ist "Lissy", wie sie von allen Gästen genannt wird, Wirtin des Aquariums. Personal beschäftigt sie nicht. Ist Lissy krank, bleibt das Aquarium zu. "Als ich letztes Jahr im Krankenhaus war, haben alle Gäste für mich gebetet", sagt die 64-Jährige und tätschelt einem ihrer Stammgäste dankbar die Schulter. "Die Lissy sorgt für uns", sagt er, lächelt, und nimmt sich eine Mini-Frikadelle von einem der Teller, auf dem sich lecker-rustikal Käsewürfel Blutwurst, Fleischwurst und eben Frikos türmen.

Seit vielen Jahren treffen sich diese Herren aus Linn freitagsabends bei Lissy im Aquarium. Für sie ist die kleine Kneipe ihre "Klönstube". Foto: CArola Puvogel

Jeden Freitagabend um 19 Uhr treffen sich Linner Herren gesetzten Alters bei Lissy, diskutieren die Weltlage, das lokale Geschehen und zischen das eine oder andere Bierchen. Frikos gibt es später, meist gegen 20.30 Uhr teilt die Wirtin die vorbereiteten Teller aus. "Hier fühlt man sich wohl. Und dass man sich wohlfühlt, das liegt an Lissy", sagt einer. "Das Aquarium ist unsere Klönstube, wir sind wie eine große Familie", erklärt ein anderer.

Zwischendurch geht Lissy mal eben rüber in ihre Wohnung auf der anderen Straßenseite. Die Lieblingsschuhe sind kaputt und einer der Stammgäste ist pensionierter Schuhmachermeister. Die Schuhe wandern in einen Beutel, selbstverständlich, dass er seiner Lissy aushilft. Die Wirtin zapft unterdessen die nächste Runde Bier. Hier bleibt so schnell kein Glas leer.

Eine zweite Stammgäste-Gruppe hat sich vorn an der kleinen Theke versammelt. Gern vermitteln die Herren die Grundzüge des Knobelns - verbunden mit der Warnung, dass es beim Knobeln keine Vorteile bringe, wenn man studiert habe. Willig lassen sie sich fotografieren: "Meine Frau weiß, wo ich bin", scherzt einer zur allgemeinen Erheiterung. Wer beim Knobeln verliert, zahlt eine Runde: Ein Glöckchen wird geläutet und das gesamte Lokal singt zur Melodie von "Kling Glöckchen" ein lieb gemeintes Spottlied auf den Verlierer.

Lissy wuselt unterdessen mit ihrem Tablett zwischen den Gästen herum, kennt jeden beim Namen, weiß Bescheid über Familien, Kinder, Krankheitsgeschichten. Lissy ist die gute Seele der Nachbarschaft: "Sie hat das Herz am rechten Fleck", sind die Stammgäste sich einig. Dass alle sich duzen, ist sowieso klar.

Gern erzählt wird die Geschichte, wie "ihre" Lissy beherzt eingegriffen hat, als der betagte Nachbar von gegenüber sich nicht mehr alleine versorgen konnte. Selbstverständlich, dass die Wirtin alles in Bewegung setzte und die Anwohner mobilisierte, um dem alten Mann zu helfen und dafür zu sorgen, dass er in seiner letzten Lebensphase nicht allein war. "Ich mach dir dat jut!", habe der Senior aus Dankbarkeit immer gesagt - und sein Versprechen mit einem besonderen Vermächtnis gehalten: Er bedenkt die Wirtin in seinem Testament, vererbt ihr die Hälfte seines Hauses - ein Geschenk, das die bescheidene Frau nur nach vielen Zweifeln und langem Ringen mit sich selbst annimmt.

Ein Jahr später lädt sie alle Nachbarn zu einem Fest in den Garten des Hauses gegenüber des Aquariums ein. Ein kleiner Junge, erzählt Lissy, nimmt sie an diesem Tag an die Hand und zeigt ihr einen großen Regenbogen, der sich über Linn spannt. "Guck mal Lissy", sagt der Sechsjährige, "der alte Mann, der hier mal gewohnt hat, freut sich, dass wir in seinem Garten feiern."

(RP)