Krefeld: "Die Gedanken sind frei" – Liederstreit im Rat

Krefeld: "Die Gedanken sind frei" – Liederstreit im Rat

Mit einem Jahrhunderte alten Volkslied protestierten Uerdinger Bürger gegen die Bücherei-Schließung. Ausgerechnet jene Politiker, die das Bücherei-Aus besiegelt hatten, sangen dagegen. Krefeld diskutiert: War das eine Provokation?

Es war wohl eine der skurrilsten Situationen, die die Krefelder Politik je erlebt hat; selbst allergrößte Rathausinsider konnten sich gestern nicht an Vergleichbares erinnern: Aus Protest gegen die Schließung der Uerdinger Bücherei hatten sich am Dienstag 20 Uerdinger im Publikum von ihren Plätzen erhoben und ein Lied angestimmt, mit dem sie sich seit Wochen Mut machen: "Jeder Mensch muss es wissen, dass wir Bücher vermissen, denn das Lesen macht frei, Uerdinger Bücherei." Sie adaptierten dafür das 230 Jahre alte Volkslied "Die Gedanken sind frei". In der Ratssitzung wurden sie jedoch übertönt von einzelnen Politikern der Haushaltsmehrheit, die im Refrain den Originaltext sangen: "Die Gedanken sind frei".

Es gab irritierte Blicke in diesen Minuten; einige Besucher waren sichtlich peinlich berührt, andere fragten sich, ob angesichts der Ernsthaftigkeit der Beschlüsse das Verfallen in Klamauk die richtige Reaktion ist.

Seit Jahrhunderten wird "Die Gedanken sind frei" in immer neuen Versionen von solchen besungen, die politische Unterdrückung anprangern. "Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, ich spotte der Pein und menschlicher Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: Die Gedanken sind frei", heißt es im bekannten Original.

Die Geschichte des Volkslieds reicht bis ins Jahr 1780 – damals wurde es auf Flugblättern veröffentlicht, die Melodie kam Jahrzehnte später hinzu. Es fand Einzug in die Volksliedsammlung "Des Knaben Wunderhorn" von Achim von Arnim und Clemens Brentano, die jeder Germanistik-Student kennen muss. Im 19. Jahrhundert sangen es Studentenverbindungen. Auch Sophie Scholl soll das Lied vor der Zelle ihres von den Nazis inhaftierten Vaters auf der Blockflöte gespielt haben. Es gibt seitdem viele populärkulturelle Versionen: Nena, Achim Reichel, Bobo In The White Wooden House.

Das ist also die bewegte Tradition, in der das Uerdinger Lied nun steht. Julia Trapp hat sich diese Version ausgedacht, und sie zeichnet ein düsteres Bild von einem Uerdingen ohne Bücherei: "Jeder Mensch muss es wissen, dass wir Bücher vermissen." Seit der Pressemitteilung der Stadtverwaltung von gestern steht endgültig fest, dass die Bücherei sofort geschlossen wird. Die Uerdinger singen: "Und sperrt ihr sie zu, die schwere Eichentüre find ich nimmermehr Ruh, denn Unrecht ich spüre. Das Hoffen und Bangen, das nimmt uns gefangen, wir bleiben dabei: 100 Jahre Bücherei."

Die Haushaltsmehrheit argumentiert nicht mit Fragen von Recht und Unrecht, sondern mit Sparzwang. Auch im letzten Vers intonierte der Rat sein "Die Gedanken sind frei" – und wer da FDP-Fraktionschef Joachim C. Heitmann inbrünstig singen sah, der konnte auch eine andere Antwort finden, als den Gesang peinlich oder irritierend zu nennen: Die Politiker bestätigten sich im verbrüdernden Gesang gegenseitig in ihrem Entschluss, eine unpopuläre Entscheidung gefällt zu haben, die aber nach ihrer politischen Interpretation der Stadt weiterhilft. Sie freuten sich womöglich, dass in einem demokratisch gewählten Rat die Gedanken frei sein dürfen.

Welch bemerkenswerter Abend – Krefelds Politik und Krefelder Bürger singen gemeinsam im Seidenweberhaus, wenn auch nicht ein Lied. Bleibt für alle der Trost, den der Dichter Seume um 1800 aufgeschrieben hat: "Wo man singt, da laß' dich ruhig nieder,: böse Menschen haben keine Lieder."

(RP/rl)