Krefeld: Die besten Architektur-Leistungen Europas im Van-der-Rohe-Business-Park ausgestellt

Krefeld : Die besten Architektur-Leistungen Europas im Van-der-Rohe-Business-Park ausgestellt

Noch bis Sonntag, 12. Februar, liefert eine Ausstellung im Erdgeschoss des HE-Gebäudes der früheren Verseidag (Vereinigte Seidenwebereien AG) an der Girmesgath einen Überblick über die besten Projekte europäischer Architektur. In dem von Ludwig Mies van der Rohe gebauten Industriekomplex in Krefeld am Inrath ist in Bild und Ton eine Auswahl der Beiträge der Nominierten zu sehen.

Die Jury hatte es nicht leicht: 420 Bauprojekte unterschiedlicher Nutzung und Gestaltung standen zur Auswahl, um den mit 60.000 Euro dotierten Mies-van-der-Rohe-Award zu vergeben. "Bei der Begutachtung für einen so wichtigen Preis ist die Jury gefordert, die architektonische Qualität von Projekten zu beurteilen, deren Raumprogramm, Kontext, Dimension und kulturelles Milieu sehr unterschiedlich sind. Das reiche und verschiedenartige Erbe Europas sieht sich heute mit starken Veränderungen der Umwelt und der Gesellschaft konfrontiert. Trotz der immer noch großen Unterschiede der Regionen, teilt die Jury de Auffassung, dass der Akt der Gestaltung jenseits der notwendigen Bedachtnahme auf funktionelle und wirtschaftliche Voraussetzungen das Wohlergehen, den Grad der sozialen Interaktion und das kulturelle Leben der Nutzer fördern soll", heißt es im Begleitheft zur Ausstellung.

Zum ersten Mal seit der Premiere im Jahr 1987 wird die Ausstellung der besten Bewerber um den Mies-van-der-Rohe-Award in einem Gebäude präsentiert, das der weltberühmte Bauhaus-Mitbegründer selbst geplant und gebaut hat. Das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) ist etwas Besonderes. Es hat kein eigenes Haus und keine feste Ausstellungsfläche. Von einer solchen Möglichkeit wie im Mies-van-der-Rohe-Business-Park habe sie seit Jahren geträumt, sagte Generalkuratorin Ursula Kleefisch-Jobst bei der Vorstellung der Präsentation vor wenigen Tagen. Dieser wohl renommierteste Preis Europas für die Branche werde alle zwei Jahre vergeben. 420 Projekte aus ganz Europa seien vorgeschlagen gewesen, 40 in die engere Auswahl gekommen, fünf davon seien nominiert worden. Es werde nicht nach Aktenlage entschieden, sondern alle Projekte werden von der Jury aufgesucht und begutachtet, berichtete sie. Die Ausstellung beinhaltet eine Video- und Audiotour, die mit einem Überblick der besten gebauten Projekte aus den vergangenen zwei Jahren eine kritische Bilanz zeitgenössischer europäischer Architektur zieht. Die Besucher erfahren mehr über aktuelle Architekturpositionen, lernen Bauherren und Nutzer kennen und können sich in die Geräuschkulisse der Orte vertiefen.

Das Kunstmuseum Ravensburg vom Büro Lederer Ragnarsdòttir Oei. Alt und doch neu sollte das neue Kunstmuseum erscheinen, das das historische Stadtensemble Ravensburg bereichert. Charakteristisch für die Verbindung zwischen der Stadt und dem Neubau ist beispielsweise die Verwendung von gebrauchten Ziegeln als Material für die Fassade. Die Verwendung recycelter Materialien unterstreicht auch das Interesse der Architekten an einem nachhaltigen Ansatz. Das Dach ist aus Ziegelschalen gebildet, die als Gewölbekonstruktion den Raum frei überspannen. Foto: Lammertz Thomas

Das Industrie- und Baudenkmal, welches den heutigen Business Park ausmacht, ist eng verbunden mit dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe und der industriellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt Krefeld. Gebaut wurden die Industriegebäude für die Vereinigten Seidenwebereien AG (Verseidag), ein Großunternehmen der Textilindustrie. Mies van der Rohe wurde mehrfach zur Planung und Realisierung der Fabrikbauten hinzugezogen. Ab 1930 beschäftigte er sich vor allem mit der Gestaltung des Büro- und Lagergebäudes für Herrenfutterstoffe (HE-Gebäude) sowie der Färberei. Die Verseidag-Bauten in Krefeld blieben weltweit die einzigen Industriebauten des Architekten. Für die ehemaligen Direktoren der Verseidag realisierte Mies van der Rohe zudem zwei nebeneinander gebaute Wohnhäuser, die heutigen Museen Haus Lange und Haus Esters in Krefeld.

Die Präsentation bekommt über ihre Bedeutung hinaus einen Mehrwert für Krefeld: Seit mehreren Jahren forschen Professor Norbert Hanenberg von der THM Gießen und Dr. Daniel Lohmann von der RWTH Aachen mit ihren Studenten im Bestand der früheren Vereinigten Seidenwebereien AG (Verseidag). Dazu bedienen sie sich unter anderem auch Quellen in den USA, wo der Nachlass von Ludwig Mies van der Rohe verwaltet wird. Der Industriepark in Krefeld sei das mit Abstand größte Vorhaben, das der Stararchitekt in Deutschland verwirklicht habe. Und nicht nur das, er habe am Standort Inrath eine Formensprache, gleichsam ein Vokabular angewendet, das als Grundlage für alle seine großen Projekte in den USA gedient habe. Das ABC der berühmten Bauten in Amerika hat Mies van der Rohe gleichsam am Inrath geübt.

Bürogebäude in Österreich vom Büro Baumschlager Eberle in Lustenau. Das Projekt verbindet Nachhaltigkeit und kulturelle Wertigkeit. Der Name bezieht sich auf die weltweit anerkannte angenehme Temperatur von 22 bis 26 Grad Celsius. Neben den Büros von Baumschlager Eberle und Fremdmietern befinden sich auch eine Kunstgalerie und eine Cafeteria, die den Ort insgesamt aufwerten. Foto: Lammertz Thomas
Die Philharmonie im polnischen Stettin von Barozzi/Veiga ist Sieger des Wettbewerbs. Die Philharmonie von Stettin auf dem ehemaligen Gelände des Konzerthauses gibt einem Teil der Stadt in der Nähe der Altstadt ein neues Gepräge. Das Gebäude beherbergt einen für 1000 Besucher ausgelegten Saal für sinfonische Musik, einen Kammermusiksaal für 200 Personen, einen multifunktionalen Raum für Ausstellungen und Konferenzen und ein weitläufiges Foyer. Das Bauwerk wird als Lichtelement wahrgenommen, dessen von innen erleuchtete Glasfassade unterschiedliche Eindrücke hervorruft. Die Strenge des äußeren Erscheinungsbildes und die Schlichtheit der Verkehrswege im Inneren kontrastieren mit der Expressivität der großen Halle und dem mit Blattgold geschmückten Konzertsaal. Der Grundriss wird durch einen umlaufenden Ring von Serviceeinrichtungen bestimmt. Während im Inneren alles auf den großen Saal und den Kammermusiksaal ausgerichtet ist, dient der Ring als Bindeglied zwischen dem Gebäude und seiner Umgebung. Foto: Lammertz Thomas
Das spanische Atrio Relais Châteaux Cáceres hat seine Urheberschaft bei Mansilla + Tunón Arquitectos. Im mittelalterlichen Viertel von Cáceres wurde das Gebäude auf dem Gelände eines zweigeteilten und völlig vernachlässigten Gebäudeensembles errichtet. Wie ein Einsiedlerkrebs in eine leere Muschel fügt sich der Neubau in dieses Ensemble ein. Der neue funktionale Organismus passt sich den unregelmäßigen Begrenzungen der bestehenden Gebäude an. Foto: Lammertz Thomas
Die Pläne zur Weinkellerei Antinori in Italien stammen vom Archea Associati. Das Projekt versucht, das Gebäude mit der Landschaft zu verschmelzen. Das Dach - in ein Stück Land verwandelt und mit Wein bepflanzt - wird an den Umrisslinien mit zwei horizontalen Schnitten durchbrochen, die eine Lichtzufuhr ins Innere der Anlage zulassen und den Menschen in der Kellerei durch die imaginäre Konstruktion eines Dioramas den Blick auf die Landschaft freigeben. Foto: Lammertz Thomas
Im dänischen Aarhus öffnete das Moesgaard Museum nach Plänen von Henning Larsen Architects. Die leuchtende Gras-, Moos- und Blumenlandschaft auf der geneigten Dachfläche das Museums ist ein wirkungsvolles visuelles Zeichen. Als neuer Hügel unter alten verwischt das Dach den Unterschied zwischen Gebäude und Landschaft und bietet den Besuchern einen Bereich, von dem aus sie die ländliche Umgebung des Museums bewundern können. Foto: Lammertz Thomas
In Portugal in Arquipélago entstand das Zentrum für zeitgenössische Kunst von Ribiera Grande, Azores / Menos é Mais Arquitectos / Joao Mendes Ribeiro Arquitecto. Die Gestaltung bewahrt den industriellen Charakter des bestehenden Gebäudes, einer ehemaligen Alkohol- und Tabakfabrik, und betont den Dialog zwischen diesem und dem Neubau, der ein Kunst- und Kulturzentrum, Depots, eine Mehrzweckhalle für darstellende Kunst, Workshops und Künstlerateliers beherbergt. Foto: Lammertz Thomas
Die Universität von Limerick in Irland mit medizinischer Fakultät und Studentenwohnheim, Limerick/ Grafton Architects. Die medizinische Fakultät bildet eine Art Anker, um den die anderen Gebäude lose rotieren. Während sich die Fakultät als klassische Bildungsinstitution darstellt, bilden die Unterkünfte für die Studierenden drei große Häuser. Fakultät, Pergola und die drei Häuser verbinden sich zu einer lockeren Begrenzung des öffentlichen Raums. Die Formensprache leitet sich aus der Beschäftigung mit den noch sichtbaren agrarischen Landschaftmustern ab. Foto: Lammertz Thomas
Das Kulturzentrum Rozet im holländischen Arnheim stammt von Neutelings Riedijk Architects. Die Kombination von Bibliothek, Kulturerbe-Einrichtung, Kunstzentrum und Volkshochschule macht es zu einem der bedeutendsten Bauwerke der Stadt. Ein verglaster Gang, der das Gebäude auf allen Ebenen durchzieht und als dauerhafte öffentliche Galerie genutzt wird, bildet das Herzstück. Er öffnet sich auf eine Reihe attraktiver Plätze, die jeweils als Zugang zu den diversen Einrichtungen dienen. Foto: Lammertz Thomas

Lohmann führte aus, dass es zu ergründen gelte, welche Bauten der Verseidag in welchem Maße direkt und umfänglich vom Mitbegründer des Bauhaus-Stils entstanden seien. Das Unternehmen habe über eine sehr große Bauabteilung verfügt, die in starkem Maße vom architektonischen Vorbild geprägt gewesen war. Der Avantgardist Mies van der Rohe war seiner Zeit weit voraus. In einer Art Baukastensystem hat er den Industriepark in Krefeld im laufenden Betrieb erweitert.

(RP)
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