Krefeld: Der Sektenarzt und die Colonia Dignidad

Krefeld: Der Sektenarzt und die Colonia Dignidad

Die Geschichte der Colonia Dignidad ist voll von Gräueltaten: Folter, Qualen, Missbrauch. Seit Wochen beherrscht die Flucht ihres Sektenarztes, Hartmut Hopp, deutschlandweit die Schlagzeilen. Er floh wie Albert Schreiber zuvor auch nach Krefeld – und hat Kontakt zur Krefelder "Freien Volksmission".

Die Geschichte der Colonia Dignidad ist voll von Gräueltaten: Folter, Qualen, Missbrauch. Seit Wochen beherrscht die Flucht ihres Sektenarztes, Hartmut Hopp, deutschlandweit die Schlagzeilen. Er floh wie Albert Schreiber zuvor auch nach Krefeld — und hat Kontakt zur Krefelder "Freien Volksmission".

Es ist eine Geschichte, die so grausam klingt, dass man sie für Fiktion halten möchte. Sie berichtet von gefolterten Menschen, missbrauchten Kindern — und von Menschen, die in dieser Sekte zwielichtige Rollen spielten. Was seit den Sechziger Jahren bis in die Neunziger Jahre in der chilenischen Colonia Dignidad ("Kolonie der Würde") passierte, hat der Journalist Friedrich Paul Heller in seinem Buch "Lederhosen, Dutt und Giftgas" aufgeschrieben.

Hellers Buch ist derzeit in Krefeld ein Verkaufsschlager. Wohnstätte-Chef Thomas Siegert liest es, Staatsanwalt Klaus Schreiber auch. Beide sagen: "Es ist unvorstellbar, was da passiert ist."

Dies ist die Geschichte der chilenischen Colonia Dignidad, die spätestens mit dem Fall Hartmut Hopp auch die Geschichte des Schlupfloches Krefeld ist. Hopps Adoptivsohn und Schwiegertochter zogen nach Krefeld, Hopps Bruder wohnt hier, andere Familien aus der Colonia Dignidad ebenfalls. Viele Experten, die sich mit der Foltersekte beschäftigten, auch Heller, sehen den Grund für die Anziehungskraft Krefelds in der "Freien Volksmission" am Herbertzhof, der freikirchlichen Gemeinde von Ewald Frank. Seitdem Hopp von dort ein Fax an die Medien sendete, steht fest: Es gibt diese Verbindung.

Bisher hatte der Prediger Ewald Frank, der monatlich Hunderte von Anhängern am Herbertzhof um sich schart und apokalyptische Szenarien predigt, gegenüber unserer Zeitung stets ausweichend reagiert, wenn man ihn auf die Verbindung zur Colonia Dignidad ansprach.

Die Geschichte der Colonia Dignidad beginnt in den Fünfziger Jahren. Sektenchef Paul Schäfer, geboren am 4. Dezember 1921, im Zweiten Weltkrieg wegen eines fehlenden Auges Sanitäter, arbeitet in der Gründerzeit der Bundesrepublik in Jugend- und Erwachsenenheimen.

Die Arbeitsverhältnisse enden nach kurzer Zeit wieder. 1954 gründet Schäfer mit einigen Anhängern vom Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden die "Private Social Mission", deren Mitglieder in Gronau, Siegburg und Hamburg leben. Schäfer bastelt sich eine Privatreligion — mit fundamentalistischen Zügen.

Als in Deutschland Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs gegen Paul Schäfer laufen, geht er 1961 mit 200 Anhängern, darunter getrennte Eltern und Kinder, nach Chile und gründet auf einem Grundstück vor den Anden, 400 Kilometer südlich von Santiago de Chile, die "Colonia Dignidad." Viele der Kinder wurden faktisch entführt, den Eltern wurde gesagt, es sei eine "Chorfahrt". Alle sind Sektenführer Paul Schäfer hörig. Friedrich Paul Heller schreibt: "Die Colonia Dignidad war von Anfang an auf einen Massenbetrug begründet. Von drei oder vier Ausnahmen abgesehen, bestand die Gruppe aus Menschen mit geringer Bildung."

Die 13 000 Hektar große Kolonie professionalisiert sich rasch: Die Bewohner roden Wälder, bauen Wege und Dämme, Wohngebäude, eine Mühle, ein Krankenhaus. Das Gelände wird von einem 2,80 Meter hohen Zaun umschlossen, gehalten von 8000 Betonpfählen. In diesen Mauern herrscht nur einer: der despotische Päderast Paul Schäfer. Er bestimmt den Tagesablauf der Siedler: arbeiten, singen deutscher Volkslieder, zwischendurch Gebete und Schäfers endlose Predigten zu Themen, die den wirren Herrn beschäftigen.

Es ist ein System von Bedrohung und Strafe, Gewalt und Hörigkeit. Zentrales Element ist jedoch laut Heller die Unterdrückung der Sexualität: Männer und Frauen schlafen und arbeiten getrennt, Ehen lässt Schäfer nicht zu. Keiner der jungen Siedler wird aufgeklärt. Dem Wochenmagazin "Die Zeit" berichtet Opfer Klaus Schnellenkamp 2005 sogar, wie in Schulbüchern alles zugeklebt wurde, was mit Familie zu tun hat. Die unterlassene Aufklärung hatte System — sie unterstützte das Missbrauchssystem von Schäfer und seinem helfenden Führungszirkel. Täglich lässt er Jahrzehnte lang die Jungen zu sich kommen und missbraucht sie.

Insbesondere Efrain Vedder, eines der Opfer von Hartmut Hopp und späterer Kämpfer gegen die Foltersekte, beschreibt die Gräueltaten in seinem Interviewbuch "Weg vom Leben: 35 Jahre Gefangenschaft in der deutschen Sekte Colonia Dignidad". Demnach habe Schäfer die Jungen penetriert, aber habe Potenzprobleme gehabt. "Mit der Zeit gewöhnt man sich an den sexuellen Mißbrauch, man wird immun dagegen. Es hat keinen Sinn, sich Schäfer zu widersetzen. Er hat immer eine Pistole griffbereit auf dem Nachtschrank. Und alle da draußen sind auf seiner Seite", sagte das Opfer Thomas Müller 1997 in einem Interview mit dem "Spiegel".

Schäfers sexuelle Praktiken mischen sich mit religiösem Wahn, schreibt Heller. Aber in der Colonia Dignidad gibt es keine christlichen Symbole und Riten, keine Sakramente. Schäfer predigt nur, manchmal unendlich lang.

Immer wieder versuchen Menschen aus der Colonia Dignidad zu fliehen, doch Schäfers Netz von Informanten und Kontakte zur chilenischen Regierungen verhindern dies. Seit 1973, nach dem Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende regiert in Chile der Diktator Augusto Pinochet. Sein Geheimdienst, die DINA, nutzt die Colonia Dignidad fortan als ihr Folterlager — das ist neben dem Kindesmissbrauch die andere dunkle Seite der Deutschenkolonie. Dutzende Menschen verschwinden in dieser Zeit in der Kolonie.

Friedrich Paul Heller schreibt: "Die Colonia Dignidad diente der DINA als örtliches Haftzentrum, als Folterschule, als Vernichtungslager, als Kommunikationskanal zum Ausland, als Schmuggelzentrum und als Platz für Schießübungen." Das Vermögen der Colonia Dignidad soll auch heute noch riesig sein. Erwirtschaftet wurde es laut Heller aus vielen Quellen: Deutsche Rentenzahlungen gingen auf ein Sammelkonto, dazu besaß die Colonia einen Steinbruch und verkaufte landwirtschaftliche Produkte. Steuerliche Vorteile besaß sie durch ihre Gemeinnützigkeit.

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Das schleichende Ende des Foltersystems Colonia Dignidad wird auch von Deutschland eingeläutet: 1977 nimmt sich Amnesty International in Deutschland des Falls an. Die Colonia Dignidad besitzt da schon Verbindungen in die BRD: Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) hat die Colonia Dignidad besucht, die Deutsche Botschaft besuchte das Gelände, der Bundesnachrichtendienst soll laut Heller in enger Verbindung zur CD gearbeitet haben.

1984 gerät das Konstrukt der Colonia weiter ins Wanken, zwei Familien fliehen, berichten in Deutschland von den wahren Zuständen. Schäfer predigt derweil immer düsterer, redet vom Weltende. Die Bundespolitik distanziert sich öffentlich von der Colonia. Seit 1985 ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft, den die Wurzeln der Colonia liegen auch in Siegburg.

Am 22. Februar 1988 wird Sektenarzt Hartmut Hopp vor einem Untersuchungsausschuss für Menschenrechte in Bonn vernommen. Er soll aufklären, ob sich Deutsche unfreiwillig in der Colonia Dignidad befinden. Hopp bleibt vage und darf wieder gehen.

1990 endet die Diktatur in Chile, 1991 löst der demokratisch gewählte Präsident Patriio Aylwin die Colonia auf, Paul Schäfer kämpft um sein "Lebenswerk". Ab 1995 beginnen Polizei und Justiz Ermittlungen in der Colonia Dignidad. 1996 wird Paul Schäfer von chilenischen Eltern verklagt. Es ist Hartmut Hopp, der mit der Polizei verhandelt.

Er hat laut Heller die ganze Zeit enge Verbindungen zu Pinochet und der DINA. Hopp soll auch Kenntnis von den Millionenkonten der Colonia Dignidad haben, die noch existieren sollen. In einem Fax, das Hopp unserer Zeitung sendete, schreibt er vor wenigen Tagen: "Was Mittel der Gemeinschaft oder Gesellschaft anbetrifft, habe ich selber weder darüber jemals verfügt noch Vollmachten gehabt."

Wer ist Hartmut Hopp? Heller hat in seinem Buch viele Fakten über den am 24. Mai 1944 in Hinterpommern geborenen Arzt gesammelt: 1961 geht er als 17-Jähriger mit Paul Schäfer nach Chile. Er soll in jungen Jahren ebenfalls von Schäfer missbraucht worden sein, berichtet Heller. Hopp darf später in den USA studieren: Medizin, Klavier, Gesang. Dort soll ihm das Leben so gut gefallen, dass er nicht in die Colonia zurück will. Erst das Versprechen, dass er heiraten darf, hat Hopp zurückgeholt. Um 1977 heiratet er die Frau, mit der er auch heute noch in Krefeld lebt. Dorothea Witthahn ist zehn Jahre älter als Hopp.

Hopp ist "Sektenarzt" der Colonia Dignidad. Das Krankenhaus ist eine der zentralen Einrichtungen in der Siedlung. Auch Chilenen werden dort untersucht. Aber im Krankenhaus wird auch gefoltert. Siedlern, die nicht gefügig sind, werden laut Heller Elektroschocks verpasst, alternativ werden sie mit Valium abgefüllt oder ihnen werden Psychopharmaka gespritzt. Dies bestätigt 2005 Hopps Kollegin, Gisela Seewald, gegenüber der chilenischen Justiz.

Wegen eines anderen Vergehens hat Hopp bereits gesessen: 2005 wird er wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz in Haft genommen und verurteilt: 18 Monate auf Bewährung. Er kommt aber nach einem Herzinfarkt von der Zelle ins Krankenhaus. Die Ermittlungen laufen weiter: Anfang dieses Jahres wird Hartmut Hopp erstinstanzlich zu fünf Jahren Haft wegen "Beihilfe zum sexuellen Missbrauch" verurteilt. Hopp flieht jedoch im Mai 2011 nach Deutschland, bevor ihn die chilenische Justiz festnehmen konnte. Jetzt lebt er in Krefeld.

Geschichte scheint sich hier zu wiederholen. Es gibt in Krefeld einen Fall, der ähnlich wie der von Hopp gelagert ist; auch Albert Schreiber, der zum Führungszirkel der Colonia zählte, floh nach Krefeld. Das Ehepaar hatte in der Colonia Dignidad fünf Kinder, zwischen 1970 und 1978 geboren. Eines davon, eine Tochter, lebt in Krefeld mit Hopps Sohn. Heller schreibt: "Albert Schreiber, einer der engen Gefolgsleute Schäfers, war Buchhalter der Colonia Dignidad und damit auch für die zahlreichen dunklen Geschäfte der Sekte zuständig." In Chile wird Schreiber angeklagt, weil er sich weigert, ein Kind aus der Colonia an die Justiz zu übergeben.

Er flüchtet 2004 nach Krefeld. 2006 fordert Ermittlungsrichter Jorge Zepeda die Auslieferung — dies widerspricht gegen das Grundgesetz, wie bei Hopp jetzt. Auch gegen Schreiber ermittelt die Justiz, damals musste der Krefelder Staatsanwalt Klaus Schreiber das Verfahren gegen Albert Schreiber einstellen. "Es gab keine Zeugen, es gab keine Beweise", sagt der Staatsanwalt heute. Was allerdings feststeht: Auch Albert Schreiber hatte Kontakt zur "Freien Volksmission" — regelmäßig besuchte er die Treffen am Herbertzhof.

Die Unterlagen zum alten Fall Albert hat Staatsanwalt Klaus Schreiber behalten, konnte aber 2008 kaum ahnen, dass ihn die Colonia Dignidad drei Jahre später wieder beschäftigen würde. Jetzt sammelt der Krefelder Staatsanwalt Beweise gegen Hartmut Hopp, 67 Jahre alt. "Er ist der Jüngste aus dem Führungszirkel", sagt Klaus Schreiber. Es gibt Hoffnung, dass Hopp der Prozess gemacht wird.

Im Fall Schäfer ist dies gelungen, die Justiz hat ihr Urteil noch rechtzeitig sprechen dürfen:

Nach acht Jahren Flucht wird der 1997 verschwundene Paul Schäfer in Argentinien festgenommen. Das Quartier in Argentinien hatte Hartmut Hopp mit seiner Frau Dorothea Witthahn 1997 ausgekundschaftet. 2006 wird Paul Schäfer im Alter von 84 Jahren verurteilt — für den Missbrauch von 25 Kindern erhält er 20 Jahre Haftstrafe. Das Terrorregime von Paul Schäfer ist beendet, er stirbt 2010 als unfreier Mann im Gefängnis. Viele aus dem Führungszirkel blieben auf freiem Fuß — manche bis heute.

(RP/rl/das)
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