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Premiere in der Fabrik Heeder : Der Schmerz der Hinterbliebenen in Krefeld

Premiere in der Fabrik Heeder : Der Schmerz der Hinterbliebenen in Krefeld

Ein Abend, der unter die Haut geht: "Aus der Zeit fallen" von David Grossman handelt von Menschen, die ihr Kind verloren haben. Der Autor saß bei der Premiere im Publikum. Die Zuschauer waren ergriffen.

Das Zentrum des Lebens ist ein großer Küchentisch. Hier werden sie am Ende alle zusammensitzen und heiße Suppe löffeln: der Mann, die Frau, der Schuster, die Hebamme und der Zentaur. Sie alle werden die Notwendigkeit begriffen haben, den Tod zu überleben - im schlimmstmöglichen Schmerz. Sie sind verbunden im Leid. Alle haben ihr Kind verloren.

Davon erzählt David Grossmans Stück "Aus der Zeit fallen", das jetzt in der Fabrik Heeder Premiere hatte. Der Autor, in dessen Leben der Tod seines Sohnes eine tiefe Wunde geschlagen hat, sitzt an diesem Abend im Publikum. Das gibt der Vorstellung eine zusätzliche Intensität. Es gibt lange Momente der Stille, als die Bühnenscheinwerfer verlöschen, bevor der Applaus beginnt.

Diese anderthalb Stunden muss man aushalten können. Eva Spott, Vera Maria Schmidt, Bruno Winzen, Felix Banholzer und Joachim Henschke werfen sich mit solcher Wucht in das Leid ihrer Figuren, dass sich niemand entziehen kann. Ohnehin fühlt sich das Publikum ganz nah am Geschehen: Die Fabrik Heeder ist mit gesammelten Stühlen möbliert. Die Bühnenfläche wird von drei Seiten umrahmt - ein bisschen so, als säße man auch als Zuschauer mit am Tisch. Die Bühne von Gabriele Trinczek und die zeitlosen Kostüme von Kirsten Dephoff vermitteln Vertrautheit. Es sind die Leute von nebenan, die das Schicksal getroffen hat. Aber man könnte es auch selbst sein.

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"Schmerz hat man doch lieber aus zweiter Hand", sagt der Zentaur (Joachim Henschke). Drücken ist aber keine Option. Das Trauma lässt sich nicht überwinden: Da kann der Mann (Bruno Winzen) noch so viel rennen und versuchen, in jenes unbestimmbare "Dort" zu kommen, wo der verstorbene Sohn jetzt sein muss. Ihm bleibt der Atem weg. Am Ende wird er trotzdem aussprechen müssen, was passiert ist - und seine Worte ertragen. Die Frau (Eva Spott) klammert sich vergeblich an Kochrezepte und an das Versprechen, das sie ihrem Mann: zu sein und gemeinsam um das Kind zu trauern. Doch es gibt keinen Alltag mehr, wenn ein geliebter Mensch aus der gemeinsamen Zeit herausgefallen ist. Bleiben, weitermachen, sich dem Unausweichlichen stellen, ist ihr Weg.

Dedi Baron, die israelische Regisseurin, die den Text ihres Landsmannes Grossman gemeinsam mit Orit Gal Lichtenstadt dramatisiert hat, lässt den Sätzen Raum, damit sie hallen können. Es sind herausgeschrieene Sätze wie "Das Kind verwest im Grab", bittere Erkenntnisse wie "Nicht einmal eine Mutter kann ihr Kind am Leben halten". Aber es sind die leisen, fast leichtfüßig daherkommenden Sätze, die sich mit Widerhaken in der Magengrube festsetzen und steckenbleiben: "Er starb im August. Am Ende des Monats fragte ich mich, wie ich weitergehen sollte in den September - wenn er im August blieb." Für die Hebamme ist auch fünf Jahre nach dem Tod ihrer Tochter jedes Wort Marter - sie stottert. Ein bezeichnendes Detail.

Zugleich inszeniert Baron extrem körperbetont. Manche Szenen erreichen die Eindringlichkeit eines Tanztheaters. Die Trauernden krümmen sich, erstarren, suchen Zuflucht unter der Tischplatte oder geben sich wilder Paarungsgymnastik hin, als wollten sie sich beweisen, dass sie noch lebendig sind. Es misslingt, die körperliche Annäherung artet in Gewalt aus. Der "ewige unsterbliche Tod" lastet auf allem und jedem. Es gibt keine Erlösung. Jeder versucht, das namenlose Unglück auf seine Weise zu schultern. Aber das Leid verbindet - ein winziger Funken Hoffnung. Der Applaus ist ruhig, aber dauert minutenlang.

Weitere Aufführungen am 29. Mai, am 10., 20. und 26. Juni; jeweils 20 Uhr, Fabrik Heeder, Virchowstraße 130. Dauer ca. 80 Minuten, keine Pause. Kartentelefon 02151 805125

(RP)