Der Maler der Mies-Welt: Moritz Götze malt für Mies van der Rohe Business Park in Krefeld

Kunst in Krefeld : Der Maler der Mies-Welt

Etwas Pop Art, etwas Comic, etwas Wimmelbild: Moritz Götze hat für den Mies van der Rohe Business Park den Architekten gemalt.

Als die Anfrage aus Krefeld kam, wusste Moritz Götze nur bedingt, was ihn erwartete. Wolf Reinhard Leendertz wollte für sein Büro im Mies van der Rohe Business Park ein wandfüllendes Gemälde des Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Der Künstler aus Halle an der Saale war mit seinem von Pop Art und mittelalterlichen Illustrationen inspirierten Stil der Wunschkandidat.

„Mies war mir natürlich bekannt, wegen des Bauhauses, das in Weimar und Dessau ansässig war. Aber in Krefeld war ich bis dahin noch nie“, sagt Götze, der in der DDR aufgewachsen ist. „Ich wusste, es ist eine textile Stadt und eine der wenigen im Westen, die ich verorten konnte, weil meine Mutter, Inge Götze, die Professorin an der Kunsthochschule Halle Burg Giebichenstein war, dort in den 80er Jahren mal ausgestellt hat“, erzählt Götze. Er packte die Koffer und reiste nach Krefeld, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen.

Er war beeindruckt. Die Gebäude, die Mies vor einem knappen Jahrhundert für den Seidenkonzern Verseidag entworfen hat, offenbarten ihm eine Zukunftsvision aus der Vergangenheit. „Ich habe einige Jahre zuvor an einer Ausstellung teilgenommen mit dem Titel ,Land der Ideen’. Da gab es natürlich viel Bauhaus. Vieles aus dieser Zeit ist heute noch von Bedeutung“, sagt Götze. „Zum Beispiel der Werkskünstler: Dass zum Künstler auch das Handwerkliche gehört. Das zu beherrschen ist das Rüstzeug, das einem Souveränität gibt.“ Das gilt auch für Götzes Leben. Er ist in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. Die Mutter: Textilkünstlerin, die als Studentin, Professorin und schließlich Dekanin die Kunsthochschule in Halle prägte. Vater Wasja: Bühnenbildner, Maler, Dichter und Liedermacher. „Er war der erste Pop-Art-Künstler in der DDR“, erzählt Götze. Er selbst hat eine Ausbildung zum Tischler gemacht. Das Bauen und Bilden, das Verhältnis zum Material verbindet ihn mit Mies.

Der Künstler Moritz Götze hat ein Faible für Musik – wie diese Aufnahme aus seinem Privatarchiv  beweist. Foto: M. Götze

Als Künstler ist Moritz Götze Autodidakt. Doch der 54-Jährige genießt Renommee: 1994 hatte er eine Gastprofessur an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris, 1996 erhielt er den Kunstförderpreis des Landes Sachsen-Anhalt und von 2000 bis 2004 zeichnete er verantwortlich für das Design der Leipziger Buchmesse.

Für einen Besuch der Museumsvillen Esters und Lange hat Götzes Stippvisite in Krefeld nicht gereicht, er hat sich auf den Komplex der Verseidag konzentriert, der Thema seiner Arbeit werden sollte. „Die Anlage hat mich sehr beeindruckt, schon durch ihr Konzept: Die Shedhalle ist so gebaut, dass sie gespiegelt werden kann, das Gebäude so, dass es aufgestockt werden kann. Alles ist so, dass es wirtschaftlicher Entwicklung Raum gibt. Das sagt viel über die Zuversicht in das wirtschaftliche Wachstum aus.“

Götze nennt seine Malerei „Sammelbild“. Einflüsse aus der Pop Art und aus dem Comic verbinden sich mit der Stilistik mittelalterlicher Buchillustration. Feine Ironie und ein scharfer Blick fürs Wesentliche in den Details kommen dabei zusammen. Im Mittelpunkt des etwa 2 mal 3 Meter großen Gemäldes ist das rote Kesselhaus. Mies mit der Zigarre ist der wohl bekanntesten Fotografie entlehnt. Die grünen Socken, sagt Götze, seien künstlerische Freiheit. Bei der Krawatte hat er recherchiert. „Das ist ein Textilmuster jener Zeit.“ Solche Winzigkeiten sind ihm wichtig: „Ich arbeite viel zu geschichtlichen Themen.“ So ist keine Einzelheit seines Bildes belanglos, alles lässt sich erklären, deuten und als Hinweis für Spurensucher betrachten. „Die gelbe Fläche ist die Bühne, auf der alles spielt“, erzählt der Künstler. Hier sind die Insignien des Baukünstlers; Hinweise aufs Malen und Messen, auf Pläne und Positionen lassen sich finden.

In die Kulisse der Krefelder Industriebauten kommen schon die Einflüsse der künftigen Weltkarriere. Pläne des Barcelona-Pavillons für die Weltausstellung 1929 hat Götze skizziert. Das Flugzeug und die ferne Skyline verweisen auf Mies van der Rohes Emigration 1936 nach Amerika. Spekulieren und Deuteln ist erlaubt. Eine Annahme aber ist falsch: Die blonde Frau bei Mies ist nicht dessen Partnerin und Muse Lilly Reich. „In der Pop Art gehört eine schöne Frau einfach dazu.“ Das Kleid, das sie trägt, aber hat Bedeutung. „Das Muster ist ein zeitgenössisches Textildessin.“

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