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Der Krefelder Ralf-Günter Stefan erhält den Rheinlandtaler

Auszeichnung für Krefelder : Rheinlandtaler für den Hüter der Bücher

Ralf-Günter Stefan kümmert sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert um die historischen Bände in der Bibliothek des Museums Burg Linn. Dafür wurde er nun geehrt. Und er sorgte gleich für eine große Überraschung.

Der Mann hat Fingerspitzengefühl. Wenn Ralf-Günter Stefan die hauchfeinen Seiten eines Mercator-Atlas aus dem Jahr 1609 umblättert, kann er ins Schwärmen geraten. „Da ist hauchzartes Papiergewebe von sechs Gramm pro Blatt aufgetragen worden. Zum Vergleich: Ein normaler Briefbogen hat 80 Gramm“, erkärt er dann dem staunenden Gegenüber. Stefan kennt sich aus.  Seit mehr als einem Vierteljahrhundert betreut er ehrenamtlich die historische Bibliothek im Museum Burg Linn. Er hütet die historischen Schätze und setzt sich unermüdlich für den Erhalt und die oft mehr als notwendige Restaurierung der Bücher ein. Für dieses und sein weiteres vielfältiges kulturelles Engagement in Nordrhein-Westfalen wurde dem 66-Jährigen jetzt der Rheinlandtaler des Landschaftsverbands Rheinland verliehen.

Ralf-Günter Stefan strahlte beim Empfang der Auszeichnung - weniger, weil er selbst für etwas geehrt wurde, das er als seine große Leidenschaft empfindet. Mehr weil er eine Überraschung für Christoph Dautermann vom Museum Burg Linn hatte, ein Dankeschön, weil der Museumsmann ihn für die Ehrung vorgeschlagen hat. Aber ein bisschen ist es auch sein eigenes Glück, weil er wieder einmal einen Trüffel unter den Buchantiquitäten gefunden hat: „In Deutschland existiert nur noch eine entsprechende Ausgabe in der Universitätsbibliothek Kiel“, sagt er. Bei dem sehr gut erhaltenen Buch handelt es sich um ein kommentiertes Evangelium nach Matthäus, gedruckt 1687 im niederländischen Dordrecht. „Es ist ein seltener Druck und soll die Sammlung bereichern“, so Stefan.  „Wir besitzen etliche Bibelausgaben, auch aus den Niederlanden, aber ein solches Exemplar ist noch nicht in der Sammlung.“

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Historische Schätze aufzufinden ist manchmal Glück, häufiger aber Geduld und Detektivarbeit. Als mitlerweile pensionierter erster Kriminalhauptkommissar, der in seiner aktiven Zeit Leiter der Daktyloskopie und Spurensicherung im Polizeipräsidium Düsseldorf war, ist es Stefans Metier.

Der aktuelle Erwerb freut ihn  immens. Der niederländische Bestand der historischen Bibliothek  im Linner Museum sei ohnehin etwas Besonderes. Die Ausgaben stammen wohl aus Spenden der Krefelder Mennoniten an das Museum, die bis ins 18. Jahrhundert ausschließlich niederländische Drucke für ihre Bibliotheken erwarben.

Die Überraschung ist geglückt: „Herr Stefan hat sich nicht nur bei uns einen großen Verdienst um die Katalogisierung, Dokumentation und Konservierung von Bestände erworben. Und das alles im Ehrenamt“, sagt Dautermann. Deswegen war es ihm wichtig, den Vorschlag für die Preisvergabe seinerzeit in die Wege zu leiten. Als jüngst mit großen Patenschaftaktionen prächtige aber von der Zeit stark angenagte Atlanten und Lutherbibeln fachgerecht restauriert wurden, hatte Stefan sich engagiert eingesetzt. Und bei mancher Ausstellung hat er Stücke aus eigener Sammlung als Leihgabe ergänzt.

Außer in Krefeld engagiert sich Ralf-Günter Stefan in Düsseldorf bei der Friedrich-Spee-Gesellschaft, er arbeitet landesweit mit diversen Bibliotheken zusammen und verfasst wissenschaftliche Publikationen. Bei der Preis-Bekanntgabe 2020 wollte Stefan es zunächst gar nicht glauben. Dann setzte aber rasch die Freude über den Rheinlandtaler ein. „Das ist meine erste Auszeichnung überhaupt“, sagt er.

Die Zusammenarbeit mit dem Museum Burg Linn begann vor mehr als 25 Jahren. Für die Ausstellung „Die alte Bibliothek“ lieh er erstmals dem Haus Bücher aus seinem umfangreichen historischen Buchbestand. Damals fiel ihm sofort der beklagenswerte Zustand der Bibliothek auf. Die ältesten Ausgaben darunter, wie eine Handschrift, stammen aus dem 15. Jahrhundert. Brüchige Ledereinbände, von Mäusen angefressene Seiten, von Licht zerstörte Farben sind Zeichen der Zeit.  Einige der Publikationen lassen sich weltweit nur noch in diesem Krefelder Bestand mit seinen rund 4.000 Büchern und Atlanten nachweisen. „Soll ich mich mal darum kümmern“, fragte er damals. Aus dem vorsichtigen Angebot erwuchs eine bis heute anhaltende Aufgabe.

Die Sicherung der Bücher begann recht simpel durch Umstellen, so dass die Publikationen mit den Buchdeckeln nicht zu den Seiten wegknicken, wenn diese neben kleineren Büchern stehen. Nach und nach erfasste Stefan  jedes Buch und übertrug die Angaben in eine Datenbank. „Das genaue Erfassen von Büchern ist sehr aufwändig“, erklärt er. Jeden Band schaut er sich einzeln und Seite für Seite an. Er beschreibt den allgemeinen Zustand des Buches, listet Schäden und deren Ausmaß auf, ob Seiten fehlen – manches Buch benötigt zum Schutz vor dem weiteren Verfall besonders dringend eine Restaurierung. Auch die Notizen sowie Randbemerkungen von einstigen Besitzern nimmt er auf und welche Stiche, Zeichnungen oder Notenblätter in einem Buch vorhanden sind. „Je nachdem, was man sucht, kann es wichtig sein“, erklärt Stefan. Soweit wie möglich führt er auch die Provenienz in seine Beschreibung ein, die er durch Namenseintragungen oder Stempel nachweisen kann. „Die ältesten Werke sind alle erfasst“, so Stefan. Zurzeit dokumentiert er Publikationen aus dem 19. Jahrhundert. Etwa 500 bis 700 Exemplare stehen hier noch aus. Damit diese einmal allen Wissenschaftlern weltweit zur Verfügung stehen, möchte Stefan den Bestand in den „Karlsruher Virtuellen Katalog“ einbringen. Dabei handelt es sich um eine Meta-Suchmaschine zum Nachweis von mehreren hundert Millionen Medien in Bibliotheks- und Buchhandelskatalogen.

Als nächstes möchte Stefan eine Vitrine unmittelbar an der historischen Bibliothek im Museum Burg Linn bestücken. Dort wird er einige Schätze aus der Sammlung wie seltene Atlanten, Bücher über Geschichte und Botanik ausstellen. Das Evangelium nach Matthäus soll zunächst in die Bibliothek kommen.