Krefeld: Der König der Webstühle

Krefeld: Der König der Webstühle

Im Haus der Seidenkultur gibt es eine Rarität: einen 100 Jahre alten Samtwebstuhl. Er soll saniert werden, dafür sammelt der Förderverein Geld. Wenn der Stuhl wieder funktioniert, hat Krefeld eine textile Sensation mehr.

Seine Existenz ist eine Besonderheit; wenn er demnächst wieder einsatzfähig ist, wird er zur Sensation: Ein gut 100 Jahre alter Samtwebstuhl steht im Haus der Seidenkultur. Hier ist der historische Websaal der Paramentenweberei Hubert Gotzes erhalten: acht Web-stühle, sechs sind funktionstüchtig. Der Samtwebstuhl muss restauriert werden. Wenn der Webmeister daran wieder arbeiten kann, ist das eine Attraktion, denn Samtweb-stühle wie dieser sind selten. Deshalb will der Förderverein ihn instand setzen lassen. "Die Herrichtung würde etwa 30 000 Euro kosten", sagt Dieter Brenner vom Haus der Seidenkultur. Rund 7000 Euro sind bereits gesammelt.

Der Samtwebstuhl sieht imposant aus. Selbst der Laie kann ihn auf einen Blick von einem Seidenwebstuhl unterscheiden. Denn jeder Faden, der von einer der zahlreichen Spulen läuft, ist mit einem Gewicht beschwert – für die gleichmäßige Spannung. "Samtweberei ist aufwändiger als Seidenweberei. Wir nennen sie die Königsklasse", sagt Günther Oehms. Er ist Webmeister, einer der Letzten jener Zunft, die Krefeld als Samt- und Seidenstadt im 18. Jahrhundert Weltruhm und Geld gebracht hat.

Tageswerk: 50 Zentimeter Samt

5600 Fäden sind gespannt. Das ungeübte Auge verliert schnell den Überblick, wie hier Kett- und Schussfäden und die Lochkarten für das Jacquardmuster funktionieren. Bei der Arbeit werden Ruten eingewebt, hauchdünne Nadeln, die nach oben offen sind. Wenn sie später herausgezogen werden, haben die gewebten Fäden Schlingen gebildet, die der Webmeister mit einer Art Skalpell, dem Trichette-Messer, aufschneidet. So entsteht der Flor. "Ein Weber schaffte im Schnitt 1,50 Meter Seide am Tag; bei Samt höchstens 50 Zentimeter", sagt Oehms. Deshalb war Samt so wertvoll und dem Adel vorbehalten. Königsklasse eben.

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Der erste Kettsamt ist im 14. Jahrhundert in Italien erwähnt. Die Italiener und die Franzosen waren für ihre edlen Stoffe berühmt. Friedrich II. wollte im späten 18. Jahrhundert solchen Glanz auch für sein Reich. Er ließ in Leipzig, Meißen und Krefeld Samtwebereien errichten. Der König förderte durch Monopole die Seidenweberei in Krefeld – und brachte damit die Stadt zur wirtschaftlichen Blüte. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Hälfte der Krefelder Bevölkerung in der Seidenindustrie beschäftigt. Es war ein hartes Brot. Die meisten bekamen von den Seidenindustriellen einen Webstuhl nach Hause gestellt. Um 1768 liefen für die Brüder von der Leyen 700 Webstühle in Krefeld. Zwölf- bis 18-Stunden-Arbeitstage waren die Regel. "Jeder Weber hat seinen Rhythmus, den muss er einhalten. Wenn er mitten im Rapport aufhört und am nächsten Tag weitermacht, kann man den Unterschied sehen", sagt Oehms, der als Fachmann jedes Detail erkennt. Würde gar ein anderer Weber die Handarbeit fortsetzen, wäre der Unterschied deutlicher.

Das Alter des Krefelder Samtwebstuhls lässt sich nicht genau datieren. "Das Haus ist 1868 erbaut worden. 1908 wurde es von Hubert Gotzes übernommen – mit den acht Webstühlen. Wir wissen, dass es in St. Stephan noch Messgewänder aus den 1930er Jahren gibt, die hier entstanden sind", sagt Brenner. Nach dem Krieg sei der Samtwebstuhl aber vermutlich nicht mehr in Betrieb gegangen.

Doch nicht nur die Vergangenheit will das Haus lebendig halten. Die laufende Ausstellung zeigt, was Textil aus Krefeld in der Gegenwart und in der Zukunft leisten kann. Feinste Gewebe für die Medizin (wie Blutfilter) oder für die Industrie kommen aus Krefeld, ebenso die Segel der Gorch Fock, schusssichere Westen oder Tarnstoffe, die Armeen aus aller Welt für ihre Uniformen einsetzen. Auch das ist Königsklasse.

(RP)
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