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Krefeld: Der Jahrhundert-Blick

Krefeld : Der Jahrhundert-Blick

Durch den Abriss des Papst-Johannes-Hauses gibt es derzeit einen einzigartigen Blick auf die Nordfassade der Stadtkirche St. Dionysius. Karlheinz-Petermann, Architekt des Kirchenumbaus, erklärt die Skulpturen und Reliefs, die man derzeit erstmals wieder voll sieht.

Jeden Tag fällt das Papst-Johannes-Haus ein Stückchen mehr —und jeden Tag wird der Blick auf die gut 250 Jahre alte Stadtkirche St. Dionysius prächtiger. Dieser Anblick ist nicht von Dauer — schon Mitte Mai will die Volksbank mit dem Rohbau ihrer Hauptgeschäftsstelle auf der Fläche des ehemaligen Papsthauses beginnen.

"So einen Blick auf unsere Stadtkirche werden wir in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr haben", sagt der vor dem Rathaus an der St.-Anton-Straße stehende Architekt Karlheinz Petermann.

Er hat die Wiedererrichtung der Turmspitze von St. Dionysius als Architekt begleitet, kennt das Bauwerk Stadtkirche wie seine eigene Westentasche. "Ich bin überwältigt, bisher sah man den Turm von St. Dionysius immer von der Rheinstraße aus komplett, nun erstmals auch von Norden aus. Ich könnte mich daran gewöhnen."

Engel, Posaunen, Kreuze

Fasziniert ist Petermann insbesondere von den Skulpturen und Reliefs, die nun erstmals voll zu sehen sind. Der Architekt besitzt zwar sehr viel Literatur zur Dionysiuskirche, doch auch dort existieren nur wenige Informationen darüber, welche Kunst an der 1754 errichteten Stadtkirche zu sehen ist. Auf Detailbildern ist zu erkennen, dass das Relief über dem Nordportal Christus als den gekreuzigten Auferstandenen zeigt. Rechts und links davon sind Engel mit Posaunen zu erkennen.

"Bei genauem Hinsehen entdeckt man aber, dass ein Engel seine Posaune bereits verloren hat", sagt Petermann. Durch Witterung brechen immer häufiger alte Tuffsteine, die als Zierelemente angesetzt sind. "Aus diesem Grund werden wir auch in wenigen Wochen mit der Sanierung der westlichen Fassade der Kirche beginnen", erklärt Petermann.

Auch die beiden 3,50 Meter hohen Skulpturen auf dem Nordgiebel hat sich Petermann angesehen — rechts vom Giebel ist seiner Meinung nach Evangelist Lukas mit der Schriftenrolle in der Hand zu sehen, die linke Skulptur trägt ein Schwert in der Hand.

Die Figur am Turm ist nach Einschätzung von Petermann der Krefelder Stadtpatron Dionysius, der in die Rheinstraße — also auf seine Krefelder — blickt. Sein Pendant auf der südlichen Seite des Turms ist St. Norbertus zu sehen, "das ist, wie nur wenige Krefelder wissen, der zweite Patron von St. Dionysius", sagt Petermann.

Natürlich war der Kirchenvorstand vor dem Bau der Volksbank in Sorge, dass die Stadtkirche unter dem Abriss des Papst-Johannes-Hauses leiden würde; auch weil künftig eine Tiefgarage unter die Geschäftsstelle der Volksbank gebaut werden soll. "Inzwischen sind diese Sorgen aber genommen", sagt Petermann, der sich über das derzeit eher regnerische Wetter ausnahmsweise freut. "Wenn es die ganze Zeit trocken wäre, würde sich mehr Staub auf die Kirche legen."

(RP/rl)