Serie Heimat: Der Herzensmann

Serie Heimat: Der Herzensmann

Er liebt seine Heimat - und er repariert die Herzen seiner neuen niederrheinischen Heimat. Franz Xaver Schmidt ist Herzchirurg. Das Herz ist für ihn beides: Organ und Hort der Poesie.

Eine Herzensangelegenheit ist laut Duden "etwas, was für jemanden ganz persönlich von großer Wichtigkeit ist, was jemandem am Herzen liegt". Hobbys können Herzensangelegenheit sein. Oder die Heimat. Oder der Beruf, wenn man ihn denn leidenschaftlich ausübt. Was aber, wenn das Herz, das einem schwer werden oder lachen oder brechen kann - wenn dieses Herz kaputt ist? Franz Xaver Schmid kennt alle Regungen des Herzens, und doch hat er eine ungewöhnliche Herzensangelegenheit: das Herz selbst. Schmid ist Herzchirurg.

Er kommt etwas später zum vereinbarten Treffen - eine Operation hat etwas länger gedauert. In den ersten Minuten wirkt er ein wenig abwesend - man spürt: Da steigt jemand aus den Tiefen der Konzentration an die Oberfläche seines Arbeitszimmers im Krefelder Helios-Klinikum. Schwierige Operation? Ein Herzschrittmacher, antwortet Schmid, beherrschbar, aber die Konzentration ist immer da. Muss man besonders kaltblütig sein, um Herzchirurg zu werden? "Kaltblütig würde ich nicht sagen. Es ist eine Mischung aus Empathie und Konzentration", erwidert Schmid, "wichtig ist, dass man während der Operation konzentriert ist auf das, was zu tun ist, und sich nicht ablenken lässt von Gefühlen." Herzchirurgen, sagt er etwas später, arbeiten immer unter Zeitdruck. Das Herz ist in eben doppeltem Sinne unser Innerstes: die Pumpe, die alles am Leben hält, und Sitz all unserer Gefühle, sofern sie nur groß genug sind. Liebe. Hass. Trauer. Freude. Angst. Es gibt die Rede vom gebrochenen Herzen - medizinisch gesehen liegt dem ein krankes Herz zugrunde. Gefühle, wenn sie übermächtig werden, machen diesen unerhörten Muskel wirklich krank. Und dann sind es Chirurgen wie Schmid, die die Blutpumpe reparieren. Hoffentlich.

Eben weil es immer ums Ganze geht, wenn es ums Herz geht, ist Empathie wichtig. Es gibt auch Situationen, in denen er nervös ist, berichtet Schmid: besser: besonders angespannt. Schmid erzählt von einer Frau, Mitte 30, die mit zwei misslungene Herzklappenimplantationen zu ihm zum Helios kam. Im ersten Fall war die Klappe nicht dicht, im zweiten gab es an den Rändern eine Entzündung. Bakterien, erklärt Schmid, setzen sich dort gerne fest, weil es dort keine Blutadern und also keine Weißen Blutkörperchen als Abwehrkräfte gibt. Sollte man einen dritten Versuch wagen? "Es gab Kollegen", sagt Schmid, "die sagten, dass eine dritte Operation zu riskant ist." Sein Gesicht spiegelt, als er das berichtet, für Momente die stille Dramatik dieses Gesprächs wider. "Soll man einer jungen Frau sagen: Da geht nichts mehr", sagt Schmid leise wie zu sich selbst und gibt die Antwort still: Kopfschütteln. Er wagte es, und es ging alles gut, oder, wie Wissenschaftler ein Happy-End umschreiben: "Das Ergebnis ist sehr gut." Warum braucht eine Frau Mitte 30 eine neue Herzklappe? Entweder ein angeborener Herzfehler oder eine unentdeckte bakterielle Entzündung: "Mandelentzündung, eingewachsener Nagel, verschleppte Bronchitis, Nasennebenhöhlenentzündung", antwortet Schmid. Kreisen Bakterien erst einmal in der Blutbahn, können sie jedes andere Organ angreifen. Deswegen ist es so wichtig, ein Antibiotikum sorgfältig zu nehmen und Entzündungen wirklich auszutherapieren.

Herz-Patienten sind dankbar, denn auch sie wissen: Es geht, wenn es um ihr Herz geht, ums Ganze. Wie in der Liebe. Wie beim Hass. Hinter Schmid hängt ein Gemälde an der Wand - ein knatschbuntes Herz vor dunklem Hintergrund. Sicher kein Zufall: Wer über das Herz nachdenkt, bekommt rasch den doppelten Blick. Vorn das bunte Leben, hinten der dunkle Grund, aus dem wir kommen und in den wir zurückgehen werden. Das Bild stammt von einem Künstler, den Schmid operiert hat und der das Gefühl hatte, ein zweites Leben zu bekommen. Verliert man, wenn man mit dem Organ namens Herz zu tun hat, diese ganze wunderbare Poetik des Herzens? Klingen all die großartigen Redensarten hohl, die uns wie nichts über die Lippen gehen, aber doch Geschenke einer tief um den Menschen wissenden Sprache sind? Hat man noch eine Herzensheimat, wenn man Herzen repariert?

Man hat. Seine Heimat, sagt Schmid, sei Niederbayern, speziell Regensburg. Und Herzklopfen hatte er zuletzt, als sein Sohn ihm mitteilte, dass er heiraten wolle. Herz bleibt Herz, und es ist kein einsamer Jäger, wie im Titel des großartigen, tieftraurigen Romans von Carson McCullers behauptet wird. Ein Herz erst bei sich, wenn es zum Herzen findet. Zur Heimat gehören immer zwei.

(RP)