Der Goldene Drache im Theater Krefeld ist ein berührendes Musikdrama um den Zahn in der Suppe

Theaterpremiere in Krefeld : Musikdrama um den Zahn in der Thai-Suppe

Kleine Form und große Wirkung: Die Kammeroper „Der Goldene Drache“ ist bewegend und anspruchsvoll. Das Premierenpublikum war beeindruckt.

Die Hoffnungen in den goldenen Westen enden mit Zahnschmerzen. Klischeehaft flink und fleißig hackt die Belegschaft Gemüse in der winzigen Küche des Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurants, dessen Name das Einzige ist, was hier noch Glanz verspricht: „Der Goldene Drache“. Die Wirklichkeit ist hart für die asiatischen Einwanderer. Den Jüngsten trifft es besonders schwer. Ein kariöser Zahn plagt ihn. Das ist der Beginn einer Katastrophe: Denn ohne Papiere und Krankenversicherung kann er nicht zum Arzt. Die Kollegen bieten Hilfe mit einer Rohrzange an.

Das ist das erste Mal, wo es zartbesaiteten Zuschauern mulmig wird. Denn Petra Luisa Meyer hat „Der Goldene Drache“ als „On Stage“-Stück inszeniert: Das Publikum sitzt mit den Akteuren auf der Bühne. Manchmal ist es dem Geschehen näher, als es angenehm ist. Die Welt mit illegalen Einwanderer, Zwangsprostitution, Alkoholismus und Gewalt rückt ganz nah heran. Man amüsiert sich noch, wenn der gezogene Zahn in der bestellten Thai-Suppe einer Stewardess landet, schüttelt sich, wenn die ihn später in den Mund nimmt, fühlt sich beklommen, wenn sie ihn am Ende in den Fluss wirft, der schon die Leiche des verbluteten Küchnhelfers in seine Heimat geführt hat.

Peter Eötvös hat Roland Schimmelpfennigs Libretto zum Musiktheater gemacht. Die Klänge gehen unter die Haut, schüren Stimmungen: mal im Hackrhythmus der Küchenarbeit, mal mit chinesisch verspielter Lieblichkeit, mal dräuend und unheilvoll oder fast lyrisch. Yorgos Ziavras ist ein Präzionsarbeiter, die Niederrheinischen Sinfoniker folgen mit der Genauigkeit einer Schweizer Uhr: die Geige singt, der Bass kratzt, Gongs klingeln, Woks machen Rhythmus. Die Musik zieht in die Geschichte. Meyer beherrscht dazu die virtuose Personenführung – und die Sänger machen beherzt mit. Sie schaffen Charaktere, die fesseln. Eine große Leistung. Denn hier spielen fünf Leute 18 Figuren quer durch alle Altersgruppen: Männer als Frauen, Frauen als Männer. Das klingt verwirrend, bringt das Konzept des Absurden aber zum Schwingen. Die Welt ist eine Kombüse mit Steg zwischen den Zuschauerblöcken, angelegt wie der Tisch, auf dem Sushi-Delikatessen schaulaufen. Das Spiel mit den Klischees vom Asia-Kitsch beherrscht Dietlind Konold (Bühne und Kostüme) vom Papierlampion bis zum Drachenteppich. Gleichzeitig ist das Podest Laufsteg für bewegende Schicksale. An der Oberfläche wirkt vieles witzig, was im Abgang bitter nachschmeckt.

Das Ensemble singt nicht nur die strapaziösen Partien mit großen Stimmen und immenser Konzentration, sondern meistert die Rollen voller Spielfreude: Monica Mascus, Peter Koppelmann und Rafael Bruck wechseln Kostüme und Biografien in Windeseile. Panagiota Sofroniadou hat als schmerzgeplagter „Kleiner“ Gelegenheit, ihren klaren Sopran mit einem berührenden Klagegesang zu zeigen. Die mutigsten Auftritte hat James Park als zur Prostitution gezwungene Asiatin. Eine großartige Verkörperung der schillerndsten Figur an einem Abend, der alles andere als Fast food ist.

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