Krefeld: Der die Gedichte deutet

Krefeld : Der die Gedichte deutet

Der Krefelder Henning Heske hat 26 Gedichte von Heinrich Heine und Günter Grass bis Julia Trompeter mit eigenen Interpretationen veröffentlicht. Der Band wird im März auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Dabei wird dort auch das Nieder-rheinische Literaturhaus Krefeld vorgestellt.

Blau ist die Farbe der Poesie. Gelb hingegen fristet in der Literatur ein Schattendasein. Völlig zu Unrecht, findet Henning Heske. Das belegt der Krefelder Autor unter anderem mit einem Gedicht von Hellmut Opitz. In "Vier Minuten im Mai" beschreibt der Bielefelder Lyriker einen Abend, an dem die Luft so sprudelnd ist, "als habe jemand eine Brausetablette" hineingeworfen, alles leuchtet um die Wette: Rapsfelder, das Sommerkleid einer attraktiven Frau und der Neid der anderen Leute. "Die reinste Gelbverschwendung", konstatiert Opitz. Von der der Farbe geht Heske aus bei seinen Gedanken zum Gedicht. Er erinnert an die Strahlkraft von van Goghs Sonnenblumen in der Kunst, erklärt, dass G elb für Goethe die "nächste Farbe am Licht" war und in China der Begriff "Gelbe Literatur" ein Euphemismus für Pornografie ist.

"Fensterschau" , 127 Seiten, gebunden. Preis: 19,90 Euro. ISBN-Nummer: 978-3-944011-71-4. Foto: Petra Diederichs

Gedichtinterpretationen zu 26 Texten von 21 nordrhein-westfälischen Autorinnen und Autoren hat Heske jetzt in dem Buch "Fensterschau" vorgelegt. Es ist kein Lehrbuch, sondern ein kluges Lesebuch, das Gedanken eines Schriftstellers, der selbst Lyrik verfasst, sammelt zu ausgewählten Gedichten von Heinrich Heine (1797-1856) über Günter Grass (1927-2015) bis zu Julia Trompeter (*1980) und Marie Martin (*1982). Erschienen ist es in der Edition Virgines. Heske und Verleger Georg Aehling werden es am 17. März um 11 Uhr im Literatursalon auf der Leipziger Buchmesse präsentieren - und damit auch das Niederrheinische Literaturhaus vorstellen.

Denn hier, an der Gutenbergstraße, entstand die Idee zu "Fensterschau". Der Autor und Lyriker Heske betreut seit 2013 die Literaturhaus-Reihe "1 Gedicht". Er stellt jeweils einen zeitgenössischen Autor vor, ordnet sein Werk ein, erzählt aus der Biografie und weist auf Finessen und Eigenheiten hin. Dann liest der Autor, und im Anschluss gibt es Gespräch und Interpretationen. "Lesarten" hört Heske lieber als den schulisch belasteten Begriff Interpretation. Und das passt auch besser zu seinen Texten, die er an die Werke anschließt und die wie Scheinwerfer verschiedene Aspekte aufleuchten lassen.

Heske und die Lyrik - diese Geschichte beginnt mit ersten selbstverfassten Gedichten in der Schulzeit und zieht sich durchs Studium von Mathe und Erdkunde. Germanistik wollte er wegen seiner schlechten Erfahrungen mit seinen Deutschlehrern zunächst nicht studieren. "Aber in den Semesterferien habe ich immer geschrieben, auch Jugendbücher", erzählt er. Und dann kam irgendwann die Germanistik als drittes Studienfach dazu. Doch so richtig in Fahrt kam die Sache durch Goethe und Marcel Reich-Ranicki.

Das ergab sich so: Heskes Lieblingsgedicht ist Goethes "Auf dem See". Dass dieses ausgerechnet nicht unter jenen 98 Goethe-Gedichten war, die Literaturkritiker Reich-Ranicki in seine Frankfurter Anthologie aufgenommen hatte, fuchste den Krefelder. Also schrieb er seine eigene Interpretation und schickte sie an den Literaturpapst. Acht Monate lang hörte er nichts, dann kam ein großer Umschlag aus Frankfurt. Dass sein Manuskript retour gesandt würde, hatte Heske erwartet, aber nicht, dass Reich-Ranicki handschriftlich anmerken würde, der junge Krefelder möge doch ein, zwei Sätze hinzufügen, warum das Gedicht ihm persönlich so gefalle. Dann würde Heske mit dem "See" in die Anthologie aufgenommen. Es war der Beginn einer für Heske lehrreichen Zusammenarbeit.

"Lyrik ist in der Lage, mit wenigen Worten ans Herz zu fassen", sagt Verleger Aehling. Dass er ebenso wie Heske Mathematiker mit Literaturbegeisterung ist, könnte Zufall sein. Oder Schicksal. Er erkannte, dass viele Menschen zu Gedichten eine im wörtlichen Sinne begreifbare Auseinandersetzung und Einordnung wollen, und hat sich für Heskes Konzept interessiert. Den kleinen Düsseldorfer Verlag hat er aus Liebhaberei gegründet. Seit er als Oberstudienrat im Ruhestand ist, fließt seine ganze Energie in die "Königsdisziplin der Literatur".

Der Band ist liebevoll gestaltet, der Umschlag zeigt ein Buchstabenbild von Gesine Lersch-van der Grinten. Die Kunststiftung NRW hat das Buch gefördert, das in einer Auflage von 500 erschienen ist. "Deshalb ist NRW das Thema", sagt Aehling. Die Zugehörigkeit resultiert nicht immer aus dem Geburts- oder Arbeitsort. Manchmal hat jemand auch nur eine Zeit lang hier gewirkt. So kommt auch Günter Grass in die Runde zu den gebürtigen Krefeldern Liesel Willems (Hüls) und Frank Schmitter (mittlerweile Berlin). Wie Grass in "Im Ei" die existenziellen Fragen stellt, gehört zu den spannendsten Passagen des Buchs, die Heske gewandt philosophisch einordnet. Nicht nur Lyrikfans werden aber auch manche Neuentdeckung machen.

(RP)