Krefeld: Der bröckelnde Held von St. Dionysius

Krefeld : Der bröckelnde Held von St. Dionysius

Acht stille Beobachter aus Tuffstein wachen auf dem Dach der Dionysiuskirche über Krefeld. Bei der Kirchensanierung sorgen sich die Architekten besonders um den Schutzpatron: Der Heilige Dionysius ist von der Witterung gezeichnet – er ist inzwischen sogar gesichtslos.

Acht stille Beobachter aus Tuffstein wachen auf dem Dach der Dionysiuskirche über Krefeld. Bei der Kirchensanierung sorgen sich die Architekten besonders um den Schutzpatron: Der Heilige Dionysius ist von der Witterung gezeichnet — er ist inzwischen sogar gesichtslos.

Grimmig funkelt das schwarze Ungetüm dem Betrachter entgegen. Die Beine fühlen sich jetzt schon an wie Blei. 88, 89, 90 — vorsichtig unter dem Blick des gruseligen Turmwächters geht es weiter die Leiterstufen hoch — aufs Dach von St. Dionysius. Doch hier in windiger Höhe 24 Meter über den Köpfen der Krefelder Passanten hat der furchteinflößende Wächter anscheinend nicht gut genug aufgepasst.

Denn hier an der Südseite steht der heilige Dionysius in luftiger Höhe — ohne Nase, ohne Mund, ohne Hand. "Die Windverhältnisse hier oben, dazu Regen und Sand wirken auf das Gestein wie ein Dampfstrahler. Das geht schon an die Substanz", erklärt Architekt Thomas Petermann. Seit sechs Jahren saniert er zusammen mit seinem Team die Dionysiuskirche und versucht die Substanz Stück für Stück wieder aufzubauen. Nach der West- und Nordfassade der Kirche sind die Handwerker inzwischen zum Herzstück — dem Schutzpatron der Kirche — vorgedrungen. Doch er sieht mitgenommen aus der Heilige. Das Jesuskind, das er auf dem Arm hält, hat keinen Kopf mehr, die Mitra hat große Risse, und die Vögel haben sich an seiner Kopfbedeckung schon zu schaffen gemacht — weiß zieren die Spuren den bröckelnden Tuffstein.

Mit einer kleinen Kamera dokumentiert Petermann jeden Quadratzentimeter der Skulptur, fühlt über Risse, tastet vorsichtig einzelne Stellen ab. "Aber wir müssen erst mit dem Denkmalschutz sprechen, was wir machen, ob wir nur das Notwendigste reparieren oder die Figur komplett sanieren — das ist natürlich auch eine Kostenfrage", sagt Petermann. Insgesamt acht stille Beobachter wachen auf dem Dach der Dionysiuskirche über Krefeld. Nicht jeden davon konnten die Architekten identifizieren. "Aber das ist das spannende an dieser Arbeit — man gräbt sich in Archive, liest Dokumente und erforscht die Kirchengeschichte zum Rekonstruieren", erklärt Thomas Petermann, der inzwischen auch detektivische Arbeit am Bau leistet.

Doch ob der heilige Dionysius tatsächlich bald wieder ein Gesicht haben wird, ist noch unklar. "Die Nase wird wahrscheinlich auch weiterhin fehlen", erklärt Petermann und ergänzt: "Ich finde es wichtig, dass die schützende Hand über dem Jesuskind ergänzt wird und der Kopf des Kindes — diese Details fehlen mir sehr — auch vom Platz aus gesehen." Alle anderen Details der Skulpturen, die von unten sowieso nicht erkennbar sind, werden wohl auch nicht nachgearbeitet werden. Das Jesuskind auf dem Schoß des Dionysius hält außerdem auch noch das Modell der Krefelder Stadtkirche in der Hand — jedoch ohne Kirchturmspitze. Ein Detail, das der Architekt auch ganz gerne wieder an der Skulptur sehen würde.

Bisher kostete die Maßnahme an der Stadtkirche 650 000 Euro für den ersten und zweiten Bauabschnitt. Insgesamt wird die Kirchensanierung wohl bis zu vier Millionen kosten — und voraussichtlich 2015 abgeschlossen sein. "Aber die Gemeinde muss zwischendurch auch einmal Luft holen, das ist bei so einem Mammutprojekt wichtig — daher machen wir die Bauabschnitte hintereinander, so dass auch nicht immer alles eingerüstet ist", sagt der Architekt und klettert schon wieder eine Etage höher. Hier werden am Gesims Fugen geöffnet, Tuffsteine ausgetauscht und neu verfugt. 1850 Quadratmeter müssen insgesamt an der Stadtkirche bearbeitet werden. "Wir versuchen aber da Substanz zu erhalten, wo es geht", erklärt Karl-Heinz Petermann.

Während an der Westseite der Krieg in Form von Einschusslöchern Spuren hinterlassen hat, ist es nun an der Südseite die Witterung, die dem alten Gemäuer zu schaffen macht. Es ist Karl-Heinz Petermanns 35. Kirche, die er als Architekt saniert: "Man sieht an diesem Projekt, dass so eine Kirche nicht für die Ewigkeit gebaut ist — hier stößt die Ewigkeit an ihre Grenzen."

(RP)
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