Krefeld: Dem Tod von der Schippe gesprungen

Krefeld: Dem Tod von der Schippe gesprungen

Mit acht Jahren war Ingo von Knobelsdorff dem Tod geweiht. Nach Kriegsende drohte er ausgezehrt und krank zu sterben. Ein Schweizer hat dem Vertriebenenjungen aus Schlesien das Leben gerettet. Eine Hoffnungsgeschichte.

Mit acht Jahren war Ingo von Knobelsdorff dem Tod geweiht. Hunger, Strapazen und Tuberkulose hatten seinen Körper ausgemergelt. "Woran ich mich leider sehr gut erinnern kann, sind die Hungerödeme an den Beinen. Sie haben gestunken", erinnert er sich heute. Er sitzt an einem sonnigen Wintertag in einem traumschönen Raum mit Blick in einen gepflegten Garten, als er das berichtet, und so recht bekommt man die Bilder aus seinem Lebensbericht nicht mit der Gegenwart des Erzählers zusammen. So ist das wohl immer, wenn Leute seiner Generation zu erzählen beginnen: Sind sie doch Zeugen eines Weltuntergangs aus einer Zeit, als Europa zum Schlachthaus wurde.

Der Krieg war vorbei, von Knobelsdorff war mit seiner Familie aus seiner schlesischen Heimat in den Westen geflohen - dennoch schien es, dass Gevatter Tod ihn noch einholen würde. Dann geschah etwas wie ein Wunder: Knobelsdorff gehörte zu den 44.000 deutschen Kindern in Nachkriegsdeutschland, die in der Schweiz aufgepäppelt wurden. Päppeln klingt zu harmlos: Viele waren auf den Tod geschwächt. Der Mann, der das erzählt, lebt heute in Krefeld. Er hat wie viele seiner Generation Fürchterliches erlebt, aber auch Rettendes, Tröstendes, Gutes.

Von Knobelsdorffs Familie gehörte zu jenem preußischen Adel, dem die Nazis immer mit Misstrauen begegnet waren. Sein Vater geriet 1943 in Stalingrad in russische Gefangenschaft. Er gehörte dort zum "Bund deutscher Offiziere", die die Deutschen in Flugblättern dazu aufforderten, Hitler die Gefolgschaft zu versagen. Für die Nazis waren diese Offiziere Verräter, von Knobelsdorff ist überzeugt, dass sein Vater diese Flugblätter aus Überzeugung mitgetragen hat und nicht unter dem Druck der Sowjets. Der Vater kam erst 1950 aus sowjetischer Gefangenschaft frei und starb kurz darauf.

Für Ingo von Knobelsdorffs Mutter hatte die Angelegenheit fürchterliche Folgen. Die Nazis haben sie im Zuge der Sippenhaft inhaftiert, schwer misshandelt und gefoltert - in einer Weise, die man nicht aufschreiben kann, so widerwärtig war es. "Am schlimmsten", sagt Knobelsdorf irgendwann, "waren die Frauen unter den Folterern; sie wussten genau, wo es Frauen besonders wehtut."

Die Mutter kam etwa ein Jahr nach ihrer Verhaftung als seelisch gebrochene Frau wieder frei. Sie musste sich von ihrem Mann scheiden lassen; andernfalls, so die Drohung, würde man ihr die Kinder wegnehmen. "Heute würde man sagen: Sie litt an einer posttraumatischen Belastungsstörung", berichtet von Knobelsdorff. Angstzustände, Weinkrämpfe, Alpträume, immer wieder: Angst, Angst, Angst. Einerseits. Andererseits hat diese Frau mit einer unfassbaren Tapferkeit die Dinge getan, die zu tun waren, um Kinder und Familie durchzubringen.

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Als der Krieg verloren war, floh die Familie in den Westen. Zuvor vergrub die Mutter Tafelsilber aus dem Hausstand. Nach Kriegsende, berichtet Knobelsdorff, ist sie in einer Nacht- und Nebelaktion wieder auf das heimatliche Gut zurückgekehrt, hat den kleinen Schatz ausgegraben und in den Westen geschafft. Die Familie lebte dort mittlerweile in Schleswig-Holstein auf einem kleinen Hof mit Land, das man ihnen als Vertriebene zugewiesen hatte. "Wir waren nicht willkommen", erinnert sich von Knobelsdorff. Mit dem Familiensilber wurden ein Pferd und ein Pflug gekauft.

Die Anfänge im Westen waren elend. "Wir lebten anfangs in einer Nissenhütte", sagt von Knobelsdorff. Viele Flüchtlinge wurden in solchen Blechhütten - mehr Wellblechzelte als feste Behausungen - untergebracht, in denen man der Witterung fast ungeschützt ausgesetzt war, der Hitze ebenso wie der Kälte. Und die Winter 1946 und '47 waren extrem hart. In dieser Zeit driftete das Kind Ingo mehr und mehr an den Rand des Todes. Bis die Rettung aus der Schweiz kam.

Er gehörte zu den Glücklichen, die ab 1947 in der Schweiz für etwa eineinhalb Jahre gesundgepflegt wurden. "Für die Familien war es fürchterlich, denn sie mussten ihre Kinder aus der Hand geben", erinnert sich von Knobelsdorff. Für die Kleinen begann die Reise in die rettende Schweiz mit einer beklemmenden Prozedur: Sie wurden kahlgeschoren und entlaust. "Ich bekam ein Kreuz auf den Kopf gemalt als Zeichen für die Grundreinigung", erzählt er. Gut kann er sich noch an einen Schokoladentrunk erinnern - er war ebenso köstlich wie kalorienreich und durfte nur langsam getrunken werden. Kinder wie er mussten langsam an Nahrung gewöhnt werden. Finanziert wurde der Kuraufenthalt von Schweizer Bürgern. "Für mich hat ein Kinderarzt Namens von Erlach bezahlt", sagt von Knobelsdorff; heute erinnert eine Erlachgasse in Bern an diesen Mann. Von Knobelsdorff hatte in den ersten Schweizer Wochen fürchterliches Heimweh. Andererseits lernte er schon auf der Zugfahrt in die Schweiz ein neues Leben kennen: saubere Bettwäsche, Wärme, Verpflegung, Zuwendung durch Krankenschwestern. Selbst elektrisches Licht wurde anfangs bestaunt, denn er kam aus der Kargheit einer Nissenhütte. Als von Knobelsdorff nach eineinhalb Jahren aus der Schweiz nach Hause kam, sprach er Schwyzerdütsch und war kerngesund. Dennoch blieben die Nachkriegsjahre hart. Der Vater kehrte 1950 aus russischer Gefangenschaft zurück und starb bald darauf. Die Familie verschlug es nach Bad Schwartau bei Lübeck, wo von Knobelsdorff das Abitur machte. Mit Bad Schwartau verbindet er harte wie gute Erinnerungen. Als Oberschüler hat er im Hafen gejobbt - die Arbeiter dort nannten den Abiturienten "Gehirnfatzke". Anfangs trieben sie üble Scherze mit ihm: Wiesen ihm beim Abladen von Holzstämmen das schwere Ende der Baumstämme zu, wo ihm der Stamm regelmäßig wegrutschte und ihm die Hände blutig-riss.

Doch dann kam die Wende: Die Arbeiter bekamen Mitleid mit dem Jungen, der knapp dem Tode entronnen war und den sie in ruppigem Mitgefühl "Krepierling" nannten. Fortan wurden ihm nur leichte Arbeiten zugewiesen, und sie teilten mit ihm ihr Essen. "Es war eine tolle Zeit", resümiert von Knobelsdorff. Nach dem Abitur entschied er sich für eine Laufbahn in der jungen Bundeswehr. Er hatte Erfahrungen mit zwei Faschismen gemacht - der Nazi- und der stalinistischen Diktatur in der jungen DDR. Jetzt wollte er in einem Bereich tätig sein, in dem er auf junge Menschen erzieherisch einwirken konnte, um etwas von dem weiterzugeben, was er gelernt hatte: dass Diktatur und Fanatismus jeglicher Couleur nur Leid und Unglück über die Völker bringen. "Da konnte ich eigentlich nur Lehrer, Pfarrer oder Soldat in der Demokratie werden", sagt von Knobelsdorff. So baute er die demokratische Bundeswehr mit auf. Ende der 80er Jahre wechselte er in die freie Wirtschaft.

Sein Schicksal als Kind wurde 2008 Thema eines Buches, das die Kinderhilfsaktion der Schweizer dokumentierte: Bernd Haunfelder: Not und Hoffnung. Deutsche Kinder und die Schweiz (Aschendorff Verlag Münster).

(RP)
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