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Das TheaterKrefeld zeigt "Tschick" als schicke Bühnenshow

Theater in Krefeld : So schick geht „Tschick“

Aus Herrndorfs Jugendbuch hat Maja Delinic ein junges Stück gemacht mit großartigen Darstellern, an dem auch Menschen ihr Vergnügen haben, die schon etwas länger erwachsen sind. Die Premiere bezauberte das Publikum.

Wolfgang Herrndorf wollte es wissen: Was für ein Mensch war er als Zwölfjähriger?  Zur Spurensuche hat er die Bücher noch einmal gelesen, die ihn damals begeistert hatten. Dazu gehörten „Herr der Fliegen“ und „Huckleberry Finn“. Und so hat sich in ihm die Idee festgesetzt, einen Jugendroman zu schreiben. So hat es Herrndorf 2011 in einem Interview mit der FAZ erzählt. Es war ihm aufgefallen, dass alle Geschichten Parallelen hatten: Immer fehlten die erwachsenen Bezugspersonen, gab es eine große Reise und viel Wasser. Das war die Keimzelle von „Tschick“.

Zweieinhalb Jahre später hat der Autor, der an einem unheilbaren Hirntumor litt, den Freitod gewählt. „Tschick“ ist inzwischen Schullektüre. Und weitaus mehr als ein Jugendbuch. Das beweist das Theater, das die Bühnenfassung von Robert Koall in der Fabrik Heeder zeigt. Die Premiere war ein großer Erfolg, weil einfach alles stimmt: Regie, Bühne und Schauspieler, aber auch die Balance von Humor und Traurigkeit.

Maik ist ein Einzelgänger. Er lebt in einer Villa mit Pool. Die Mutter tarnt Aufenthalte in der Entzugsklinik als Beautyfarm-Ferien, der Vater  Eskapaden mit der Freundin als Geschäftsreise. Die Sommerferien soll Maik ganz allein zu Hause verbringen.  Doch das Schlimmste: Maik findet sich langweilig, sein Leben öde. Bis Tschick auftaucht. Der kommt aus Russland,  trinkt zu viel Alkohol und gibt den Oberlässigen. Mit einem geklauten Lada machen sie sich auf eine Reise in die „Walachei“.

Es ist ein Roadtrip, der Maik verändern wird. Am Ende des Sommers weiß er, dass er mit seinen verwirrenden Gedanken nicht allein ist, dass es im Leben Schlimmeres gibt als eine alkoholkranke Mutter und nicht alle Menschen so schlecht sind, wie Erwachsene das oft erzählen.

Maja Delinics zweite Regiearbeit ist ein funkelndes Glanzstück, eine große Bühnenshow. Statt auf Pseudojugendlichkeit zu setzen, verlegt sie das Sommerabenteuer in die Erinnerung von Maik. Philipp Sommer ist der sympathische Schlaks, der aus sicherer Entfernung für Mädchen schwärmt, sich nichts traut, weil er sich selbst nicht vertraut, sich  aber Tschick anvertraut, den Henning Kallweit mit unbeschreiblicher Coolness zwischen Großmaul und gut verpackter Verletzlichkeit changieren lässt. Es ist eine besondere Freundschaft, in der die Unsicherheiten, zahllosen Fragen und Zweifel Heranwachsender sie zusammenschweißen. Die Jungs-Fantasien vom Leben riesiger Insekten auf fernen Planeten, ihre Betrachtungen über die Reisebusladungen voller beiger Rentner und ihr mit diversen Kampftechniken ausgetragenes Kräftemessen haben Witz. Die dazwischen gut verpackte Melancholie, die Gedanken an die Sterblichkeit und die Wunden, die das Leben schlägt,  geben Tiefe.  Sommer und Kallweit sind Top-Besetzungen und agieren im Zusammenspiel mit Carolin Schupa auf den Punkt. Da geht keine Pointe verloren, bleibt kein wehmütiger Ton ungenutzt. Mal segeln Federn ins Publikum, mal Sätze wie „Man kann nicht immer die Luft anhalten. Aber doch ziemlich lange“.

Schupa wechselt die Rollen schneller, als ein Lada anspringt. Sie ist die Alki-Mutter, die innere Stimme, die Öko-Mama, das Naseweis-Kind, die arrogante Schulschönheit und viel mehr. Vor allem ist sie Isa, das verwahrloste Mädchen von der Müllkippe mit dem frühreifen Mundwerk und dem großen, bangen Herzen. In Sekundenbruchteilen wechselt sie Charakter, die Stimmen und die Mimik und krönt die schauspielerische Leistung mit Gesangstalent.

Ria Papadopoulou hat die Bühne mit verspiegelten Elementen bestückt, die sich zum Lada, zum Esstisch einer Familie, zu einem Müllberg zusammenbauen lassen oder Projektionsfläche für Regen, Stroboskop-Lichteffekte oder Selbtsbespiegelungen bieten. Mit der Bühnenmusik von Clemens Gutjahr und den Videoeinspielungen von Peter Issig hat die Geschichte mächtig Drive, wirkt jung und frisch – und lässt Zuschauer, bei denen die achte Klasse ein bisschen länger zurückliegt, sich erinnern: Wer war ich eigentlich mit  zwölf, 14 oder 16?