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Das Textilmuseum Krefeld besitzt einen historischen Indigokasten der Firma Schönlank, Berlin

Textilmuseum Krefeld : Wie die Kleider blau wurden

Die Kunst des Färbens beherrschen die Menschen seit der Antike. Eine der kostbarsten Farben war Blau - gewonnen aus der Indigo-Pflanze. Erst seit 120 Jahren wird der Farbstoff synthetisch hergestellt. Eine Zeitreise.

Die Köpenicker Straße in Berlin hat eine bewegte Geschichte. Von jeher ist sie Sitz zahlreicher Unternehmen: Fahrgeschäft- und Schuhhersteller, Uniform-Schneider, Neue Philharmonie, Druckerei. Vieles siedelte sich dort über die Jahrhunderte an. Im Haus Nummer 71 hatte 1880 die Firma Salomon Schönlank ihren Sitz. Damals war Berlin bereits eine Millionenstadt und ideal für das Schönlank’sche Gewerbe: Gustav und Wilhelm Schönlank waren Importeure von Indigo und Cochenille –  pflanzlichen Farbstoffen für Textlilien. Ein Indigo-Koffer aus jener Zeit gehört zur Sammlung des Deutschen Textilmuseums und passte perfekt in die Ausstellung  „Zeitkolorit – Mode und Chemie im Farbenrausch. 1850 bis 1930“. Der von außen schmucklose Kasten und sein kostbares Innenleben stammen aus der Blütezeit des Farbenhandels.

Indigo, das ist der Farbstoff, der Jeans blau macht.  Es ist auch das Blau der Tuareg. Jene Farbe, die sich von den Fasern beim Tragen abreibt und einen bläulichen Schimmer auf der Haut hinterlässt. Die Tuareg haben so die Bezeichnung „blaues Volk“ erhalten. Und Träger ungewaschener Jeans wissen auch, was gemeint ist .

Mode aus dem 19. Jahrhundert im Textilmuseum: Indigo färbte Kleider blau. In diesem Tageskleid von etwa 1850 ist der teure Farbstoff sparsam eingesetzt, um das Grün des Blattmusters zu umranden. Foto: Petra Diederichs

Heute wird Indigo synthetisch hergestellt. Aber Farbe und Eigenschaften sind unverändert: Als die Brüder Schönlank 1847 ihre Firma gründeten, wurde das kostbare Blau ausschließlich aus Pflanzen gewonnen, die in exotischen Ländern wuchsen: Java, Indien, Guatemala. In Europa war es ein kostbares Gut, unerlässlich für Uniformen von Militär und Marine. Blau signalisierte Bedeutung. Aber auch für zivile Kleidung wurden Stoffe seit der Antike mit Indigofera tinctoria, jener Pflanze mit elliptisch geformten, gefiederten Blättern, gefärbt.

Die Natur zeigte sich nicht überall gleich. „Es kam sehr darauf an, wo die Indigopflanzen wuchsen. Die aus Bengalen hatten eine Topqualität“, sagt Annette Schieck, Leiterin der Deutschen Textilmuseums. Andere Herkunft, andere Qualität, anderer Preis. Die Handelsvertreter in Sachen „Blau“, die zu jener Zeit mit solchen hölzernen Schatzkoffern unterwegs waren, präsentierten ihren Kunden eine breite Marge.

Das kostbare Blau wurde in Flaschen aufbewahrt. Foto: Petra Diederichs

Der Linner Kasten zeigt sehr genau: In den Fächern unten rechts sind die gepressten Indigobestände ziemlich ausgedünnt. „Da hat man wohl öfters eine Probe abgegeben“, sagt Schieck. Oben links ist der Würfel noch fast komplett: teure Qualität, die nicht großzügig verteilt wurde. Die Kästchen sind nummeriert von 1, top und teuer, abwärts bis 40. Das Laienauge erkennt nur einen vagen Unterschied in der Farbintensität.

Die Federn dieses Fächers wurden mit Indigo sanft gefärbt. Foto: Petra Diederichs

Auch in Deutschland hat man die blau färbende Pflanze kultiviert, vor allem in Thüringen wurde ab etwa 1800 Indigo angebaut, das aus Kleinasien kam. Erfurt war ein Zentrum für blaugefärbte Tuche. Dort hat die Redewendung „blau machen“ ihren Ursprung: Das textile Gewebe wurde in eine farbige Lösung gelegt, die aus Pflanzenfasern, Wasser und Urin bestand. So nahm es zunächst einen Grünton an. Durch den Oxidationsprozess mit dem Sauerstoff in der Luft, verfärbte es sich allmählich blau. In dieser Zeit hatte der Färber nichts zu tun, sondern Zeit für andere Dinge. Er konnte „blau machen“.

Mitte der 1850er Jahre begann die Industrie mit der Entwicklung synthetischer Farbstoffe. Die Färbereien waren nicht mehr auf die kostbaren Pflanzen angewiesen. Ab 1897 entsteht die blaue Farbe in deutschen Labors. Mit Folgen: Um das Jahr 1900 lag der Import von pflanzlichem Indigo nur noch bei vier Prozent, erzählt Annette Schieck. Deutschland exportierte nun synthetisches Blau in alle Welt. Mit den neuen Möglichkeiten der chemischen Industrie brachen auch die Preise ein. Blau war nun auch für Alltags- und Arbeitskleidung gefragt. Der „Blaumann“ stammt aus jener Zeit. Und von Amerika aus startete die Jeans ihren Erfolgszug um die Welt. Auch heute noch sind Jeans indigo-gefärbt. Es gibt ökologische Labels, die dazu wieder echte Pflanzen nutzen.

Viele Jahrzehnte lang hatten vor allem die Briten mit Exporten aus ihrer Kolonie Indien  vom Handel mit Indigo profitierten. Dort wurden Bauern per Pachtvertrag noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts dazu gezwungen, eine bestimmte Anbaufläche für Indigo vorzuhalten. Überteuertes Saatgut, Verkaufspreise unter dem Marktwert und verschärfte Handelsschwierigkeiten gipfelten in den sogenannten Indigo-Unruhen zwischen  1859 und 1862. Erst im Jahr 1918 wurde in Indien das Anbau-Gebot . Da spielte die Pflanze längst keine Rolle mehr auf de. Der synthetische Ersatz hatte sich durchgesetzt.

Der Indigo-Musterkasten erzählt vieles. Woher die Firma Schönlank ihr Blau bezog allerdings, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Vielleicht ist es ein Hinweis, das Wilhelm Schönlank 1888  zum Generalkonsul der Republik Salvador ernannt worden ist.