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Krefeld: Das Schwarze Loch: Ein Häkel-Phänomen

Krefeld : Das Schwarze Loch: Ein Häkel-Phänomen

Am Sonntag startet die Ausstellung "Häkelkosmos" im Deutschen Textilmuseum. Naturwissenschaftliche Phänomene werden im wörtlichen Sinne begreifbar gemacht. Es ist eine Entdeckungsreise.

Wissenschaftler geraten meist gehörig ins Rotieren, wenn sie Laien ihr Metier in kurzen, einfachen Begriffen erklären sollen. Besonders schwierig ist das bei Phänomen, die eigentlich ein Nichts sind - wie Schwarze Löcher. Im Deutschen Textilmuseum gibt es nun schwarze Löcher, die greifbar sind, sogar mit den Händen. Am Sonntag wird die Ausstellung "Häkelkosmos - vom Korallenriff zum Schwarzen Loch" eröffnet - und darin geht es um die begreifbare Darstellung komplexer wissenschaftlicher Themen mit künstlerischen Mitteln.

Neben den großen "Riffs" - Gemeinschaftsarbeiten, an denen 700 Leute ("Föhrer Riff") beziehungsweise 30 Frauen ("Krefelder Riff"), wie berichtet, mitwirkten, hat Museumsleiterin Annette Schieck vier Künstlerinnen ausgewählt, die sich mit der Häkelnadel mit Naturgesetzen und -phänomenen auseinandersetzen: Silke Bosbach aus Overath, Susan Feind und Ulrike Waltemathe aus Duisburg sowie Katharina Krenkel aus dem Saarland.

Die Schwarzen Löcher sind Thema bei Susan Feind. Im Obergeschoss hängen sie von einem schwarzen Himmel herab. Es sind trichterartige Schläuche - als einzige Exponate zum Anfassen freigegeben. Wer mag, darf den Kopf in die Öffnung stecken und im Schwarz verschwinden. Wie das Schwarze Loch - per Definition ein astronomisches Gebilde, das Licht und Materie schluckt - alles Existierende zum Nichts macht, so verliert sich in ihrem Inneren die optische Welt. "Die Idee ist, dass wir permanent überfordert sind, von optischen Reizen überflutet werden", sagt Feind. Wer den Kopf in die Objekte steckt, ist auf den Hörsinn beschränkt, kann von der Außenwelt abschalten - und danach wieder auftauchen. "Schwarze Löcher mit Wiederkehr", nennt Feind das. Die spiralförmigen Farbstreifen im dunklen Corpus sollen die Sogwirkung verdeutlichen. "Und wenn man nur mit schwarzer Wolle arbeitet, ist man für Farbe dankbar", sagt Feind. Zum Beispiel Weiß, Gelb, Grün - wie in "Aloeblättrige Krebsschere". Die im biologischen Fachterminus als stratiotes aloides bezeichnete Pflanze ist in NRW ausgestorben. Feind hat sie überlebensgroß nach einem alten kolorierten Stich nachgearbeitet und kopfüber präsentiert.

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Nicht immer ist die Natur 1: 1 abgebildet, oft spielen die Künstlerinnen mit Varianten des Möglichen. Damit stellt die Ausstellung vor allem den Umgang mit Materialien in den Fokus - ähnlich wie die laufende Ausstellung in den Häusern Esters und Lange. Museumsleiterin Schieck wehrt sich energisch gegen den Begriff "Handarbeitsausstellung". Hier gibt es denn auch wirklich fantasievolle und amüsante Darstellungen komplexer Wissenschaftsthemen: Waltemathes Korallenmutationen sind rote Kugeln mit Auswüchsen, die sich immer wieder zweiteilen und so vermehren. Ihre "freundlichen Familienbenutzer" in der Vitrine spielen mit Loriots Zeichentrickfilm, der das geeignete Geschenk für die ganze Familie propagiert: unschädlich, formschön, wetterfest. Die knallbunten, possierlichen Knubbel und kraken- oder pilzartigen Gebilde sind allerdings nicht harmlos: Viren, Bakterien und Zellveränderungen standen dafür Modell.

Gewitzt sind Krenkels Terrarien, in denen sie Häkellappen wie Erdschichten stapelt und die Edda-Sage vom Gotteswächter, der das Gras wachsen hören kann, mit wuchernden grünen Wollteppichen umsetzt. Ein rotes Band, das Bosbach an unterschiedlichen Orten inszeniert, fotografiert und dann in natura aus dem Foto herauswachsend ausstellt haben eigene Dynamik. Wie die Pilze aus Videoband oder die Kernspaltung von Krenkel: verschiedenfarbige Wollen zur Kugel gewickelt, dann geteilt (Kernteilung) und das Innere herausgezupft, bearbeitet und als Energiequell gedeutet.

(RP)