1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Das Krefeld Seidenwebrhaus im Spiegel der RP-Berichte

Städtebau in Krefeld : Vom Niedergang des Seidenweberhauses

Kein anderes Gebäude der Stadt hat im Nachkriegsdeutschland für so viele Schlagzeilen gesorgt wie das Seidenweberhaus. Der Blick ins Archiv ist gnadenlos: 20 Jahre lang trat die Debatte um den Theaterplatz auf der Stelle.

Das Wort „Reformstau“ für den Theaterplatz fällt erstmals im September 2000. Benutzt hat den Begriff der damalige Intendant des Theaters, Jens Pesel, im Rahmen einer Debatte über die Neugestaltung des Theaterplatzes. Aus dem Bericht in der RP geht hervor, dass auch der Abriss des Seidenweberhauses schon eine Option war: Die Leiterin des Planungsamtes, so hieß es, „wollte das Seidenweberhaus nicht unbedingt abreißen lassen, weil dieses Objekt ein beliebtes Postkartenmotiv geworden ist. Theater-Intendant Jens Pesel bedauerte, dass die für Krefeld wichtige Fläche immer ungastlich und unattraktiv geblieben ist. Er sah für Bücherei und Theater nach einem Reformstau großen Veränderungsbedarf.“

Spätestens im Jahr 2000 ist also die Problemlage manifest, die bis heute den Theaterplatz prägt: Drogensucht, Tristesse, Sehnsucht nach einem Neuanfang. Zwei Jahrzehnte blieb es dabei. Erst im November 2018, genauer am 26. November, hat der Rat der Stadt die Kraft zum Neuanfang gefunden: Er beschloss den Abriss des Seidenweberhauses.  

Dabei stand das Seidenweberhaus für einen Phase der Modernisierung Krefelds. 1970 wurde Horten eröffnet; dafür wurde der alte Crefelder Hof abgerissen. 1970 wurden auch die Pläne für das Seidenweberhaus auf den Weg gebracht – Krefeld wollte modern werden. Vorausgegangen war ein Jahrzehnt Debatte über den Neubau einer Veranstaltungshalle; lange war auch der Sprödentalplatz im Gespräch gewesen. Am Ende setzte sich  der Theaterplatz als Standort für die Halle durch; 1972 erfolgte die Grundsteinlegung, 1976 die Einweihung. 

Die Krefelder haben von Anfang an gefremdelt mit dem neuen Bau im Stil des Brutalismus.  In einem Bericht der RP zur Eröffnung 1976 hießt es: „Nun wandern die Krefelder um das neue Haus herum und fragen sich: Finden wir es schön?“ Ein Namenswettbewerb aus dem Eröffnungsjahr spiegelt das Unbehagen wider: Im RP-Bericht ist von Spottnamen wie „Idiotenhügel“, „Schandfleck“ oder „Termitenbau“ die Rede. Die Bürgerschaft war gespalten, die Stadt wollte den Riss augenzwinkernd hinweglächeln: „Die Eröffnung“, berichtete die RP, „wird mit zwei Plakaten verkündet. Auf dem einen sieht man die lächelnden Krefelder die Eröffnung ihres Seidenweberhauses erwarten. Auf dem anderen konstatieren die mürrischen trocken: Der Betonklotz wird eröffnet.“

 Irgendwann in den 90er Jahren siedelte sich die Drogenszene auf dem Theaterplatz an, die zuvor auf dem Neumarkt gewesen ist. Damit begann der Niedergang des Areals und des Seidenweberhauses, und damals begann auch der Prozess, der offenbarte, wie eine Stadtgesellschaft keine Antwort auf eine solche Entwicklung findet. Am Ende war öffentliches Vermögen ruiniert und der Ruf der Innenstadt schwer angeschlagen.

Im Jahr 2000 wurde auch bereits über einen Drogenkonsumraum debattiert, der damals noch  Fixerstube hieß. Die RP berichtete von konträren Positionen im Rat: „Während die CDU ihre großen Bedenken gegen eine Legalisierung (gemeint war: von Drogen) vertiefte, halten SPD und Grüne Stube und Streetworker für wichtiger denn je.“ Beschlossen wurde die „Stube“ für Fixer nie. Die Skepsis, ob ein Drogenkonsumraum wirklich als weiteres Hilfsangebot für Drogenabhängige gebraucht oder die Situation auf dem Theaterplatz entschärfen kann, überwog immer wieder.  Zuletzt titelte die RP im April 2019: „Caritas: Drogenkonsumraum löst kein Problem auf dem Theaterplatz.“

Wie wenig geliebt das Seidenweberhaus schon um die Jahrtausendwende war, zeigt ein Vorstoß der Grünen aus dem Jahr 2001: Die Grünen, schrieb die RP, wollten „von den hohen Betriebskosten des Seidenweberhauses runter, der Bau soll verkauft werden - auch wenn die Erlöse dafür nur spärlich wären.“

Der Theaterplatz wurde seit der Jahrtausendwende als Ganzes als massives städtebauliches Problem wahrgenommen. Schon früh zeichnete sich ab, dass Städteplaner den ganzen Platz  neu gestalten wollten.  Doch es blieb beim Wunschdenken. 2003 berichtet die RP aus dem zuständigen, nichtöffentlich tagenden Unterausschuss des Rates. Dort war von einem Investitionsbedarf für eine umfassende Neugestaltung in Höhe von 70 Millionen Euro die Rede. Doch „die Stadt hat lediglich 12,5 Millionen in ihrem Haushalt: für die neue Bücherei (Mediothek) und weitere Seidenweberhaus- und Platzkosmetik.“  Das war, wie sich zeigen sollte, eine Weichenstellung, weil eine Absage an eine ambitionierte Neuordnung des Theaterplatzes. Im Februar 2004 titelt die RP schließlich: „Aus der Traum vom neuen Theaterplatz.“ Was gebaut wurde, war eine neue Mediathek, die später auch als gelungener und großer Wurf gefeiert wurde. Sie blieb aber ein schöner Neubau auf einem Platz, dessen Probleme ungelöst blieben und immer schlimmer wurden. 

2010 war der Theaterplatz ein „lost place“, ein verlorener Ort. Probleme mit der allgegenwärtigen Drogenszene, Verschmutzung und Verwahrlosung des Seidenweberhauses waren zur Floskel geworden: selbstverständlich. In einem RP-Bericht vom April 2010 über einen CDU-Diskussionsabend hieß es: „Sanierungsbedürftige Altbauten im Südwesten, tristes Ambiente auf dem Theaterplatz – es gab viel zu besprechen beim Info-Abend der CDU zum Thema Innenstadt, an der sich rund 100 Anwohner und Verbandsvertreter beteiligten.“

An diesem Abend wurde auch eine Idee diskutiert, die im Kern purer Verzweiflung geschuldet war: „Das Seidenweberhaus illuminieren“. Solche Ideen gab es fortan immer wieder: das Seidenwebrhaus anstreichen, anstrahlen, bepflanzen – umgesetzt wurde nichts davon, wohl auch aus der Einsicht, dass sich durch Kosmetik am Äußeren die grundsätzlich verfahrene städtebauliche Lage nicht ändern würde.

 Die Stadtgesellschaft kapitulierte. Was später noch vorgeschlagen wurde, sprach von Hilflosigkeit. Die FDP regte immer mal wieder an, die Hochbeete auf dem Theaterplatz zu entfernen, um der Drogenszene Sitzmöglichkeiten und Deckung zu nehmen. Ein Toilettenagen sollte dafür werben, nicht den Platz und seine Gebäude als Pissoir zu benutzen. Das war ebenso vergeblich wie Überlegungen, auf dem Theaterplatz mehr Feste zu feiern, dort eine Art Markthalle oder ein Studentenwohnheim zu bauen. Auch das Angebot des Krefelder Unternehmers Gerald Wagener, auf dem Theaterplatz an Stelle des Seidenweberhauses ein Hotel mit Veranstaltungskomplex zu bauen, wurde abgelehnt; die Politik und der damalige Planungsdezernent Martin Linne setzten auf die üblichen kommunalen Planungsprozesse.

Am Ende war es ein solcher Planungsprozess, der dann doch Bewegung in die Sache brachte.  Die Sanierungskosten für das Stadthaus liefen aus dem Ruder, der Rat zog die Notbremse und rang sich zu einer Rochade durch: Aus für die Sanierung und Abriss des Seidenweberhauses, Neubau eines Rathauses an der Stelle und einer neuen Halle an anderem Ort. Im November 2018 titelte die RP: „Historisch: SPD besiegelt Neuanfang auf dem Theaterplatz“ – indem sie auf die Linie der CDU einschwenkte und besagte Rochade mittrug. Am 26. November 2018 machte der Stadtrat den Sack zu und beschloss den Abriss des Seidenweberhaues. Die RP titelte am nächsten Tag: „Ein Abend der Meilensteine im Rat:  Der Rat hat gestern Abend Weichenstellungen vorgenommen, die Krefeld verändern werden.“

Überblickt man die Entwicklung, ist das Ergebnis ernüchternd: Zwei Jahrzehnte Stillstand, zwei Jahrzehnte Debatten, die sich im Kreise drehen, zwei Jahrzehnte Klagen über sattsam bekannte Problem, als wären sie gerade erst entdeckt worden.

Archive lesen sollte vielleicht zur Pflicht werden.