Das Bistum Aachen erinnert an Bischof Hemmerle. Er wäre am 5. April 90 Jahre alt geworden.

Bischof Hemmerle : Ein unvergessener Menschenfreund

Menschlich, freundlich, poetisch begabt, intellektuell brillant – im Bistum Aachen ist er unvergessen: Bischof Klaus Hemmerle, der am 3. April 90 Jahre alt geworden wäre. Erinnerung an einen außerordentlichen deutschen Theologen.

Rückblicken wohnt mitunter lähmende Nostalgie inne. Im Falle von Bischof Klaus Hemmerle stößt man rasch auf Bezüge zur Gegenwart. Manche seiner Sätze haben prophetische Kraft: „Das dritte Jahrtausend ist die Stunde des Volkes Gottes, und der Laie ist der Ernstfall der Kirche“, hat er etwa gesagt. Es ging um Priestermangel, Zusammenlegungen von Gemeinden und die Frage, ob das ein Dilemma ist. Hemmerles Antwort: Dies könne eine Chance sein zu einem „neuen Stil des Miteinanders“. Typisch für Hemmerle: In die Geschichte des Bistums Aachen ging er nicht als Unheilsprophet ein, sondern als kluger Menschenfreund. Das Bistum Aachen erinnert anlässlich des 90. Geburtstages von Klaus Hemmerle an einen überaus populären Bischof, der vor 90 Jahren am 3.April 1929 geboren wurde und vor 25 Jahren,  am 23. Januar 1994, gestorben ist.

Wer war dieser Bischof? Einer, der ihn kannte und ihm keineswegs ungetrübt und sofort nahestand, war der in Krefeld lebende Arbeiterpriester Albert Koolen. Koolen ist Priester, lebt aber als Arbeiter – nahe bei den Menschen, das ist die Devise. Hemmerle hat diese Lebensform akzeptiert und Koolen  sogar die förmliche kirchliche Erlaubnis dazu gegeben,  obwohl ihm Koolens Ansatz wohl fremd blieb. „Meine in manchen Fragen kompromisslose Haltung“, erinnert sich Koolen, „hat ihn, den überragenden intellektuellen Denker mit ausgeprägtem Hang zu spielerisch-künstlerischer Leichtigkeit, eher abgeschreckt.“

Was Koolen da schreibt, ist eine brillante Kurzbeschreibung von Hemmerle. Der Bischof war nie nur Theologe, sondern auch Publizist und Poet, der zu erstaunlichen Versen fähig war. Einen „Abend am Meer“ hat Hemmerle  in Versen so beschrieben: „Wo die Felsen Ball spielen/ mit der Sonne,/ bis sie ins Meer fällt/ und es rot küsst,/ ehe die Nacht siegt/ mit ihren anderen Sternen.“ Dazu passt, dass Hemmerle auch malte: luftige, leichte Aquarelle.

Die Lust am Umgang mit Sprache ist für Theologen alles anderes als zweitrangig: Sprache ist der Ort, wo die Welt vielfältig zu werden beginnt und sich entscheidet, ob Menschen Gott begegnen. Hemmerle war schon deshalb ein begnadeter Theologe, weil ihm der Sinn für die poetische Schicht der Sprache gegeben war. Vielleicht bringt das ja auch Offenheit im Geiste mit sich. So ist es bezeichnend, dass auch Koolen zu diesem Stichwort findet, wenn er sich an Hemmerle erinnert: „Heute würde ich sagen, dass wir uns im gemeinsamen Anliegen, eine grundsätzliche Offenheit für die religiöse Fragestellung zu bewahren und die katholische Kirche nicht einfachhin untergehen zu lassen, sicher näherkommen würden.“

Diese Gedenktafel erinnert an Klaus Hemmerle. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Hemmerle, so erinnert sich Koolen weiter, habe sich für jede Person viel Zeit genommen. „So hatte ich auch als Student Gelegenheit, ihm meine Sicht von Kirche und Welt zu sagen. Er hat mich zum Priester geweiht und später nach vielen Gesprächen und Diskussionen mit den anderen der Bistumsleitung eine kleine Gruppe, unter anderem auch mich, zum ‚Leben und Arbeiten im entkirchlichten Milieu’ offiziell beauftragt, zum Arbeiterpriester.“ Spätestens da habe Koolen gemerkt, dass Hemmerles theologische und kirchliche Sicht keineswegs eingeengt, „sondern von einer Weite beseelt war, die wir leider heute oft vergebens suchen“.

Ein anderer Weggefährte bestätigt und bekräftigt diese Eindrücke. Der Oppumer Pfarrer Hans Russmann begegnete dem Bischof als junger Theologe und erinnert sich so: „Fasziniert haben mich seine großen intellektuellen Fähigkeiten, die Weite seines theologischen Denkens, verbunden mit einer ganz großen  Menschenfreundlichkeit. Er war ganz und gar nicht klerikal und hatte eine offene, unkomplizierte Art,  Menschen zu begegnen.“ Hermmerle sei ein ausgesprochen guter Zuhörer gewesen, „konnte sich auf fremde Welten einlassen und trat niemals belehrend auf.“ Hemmerle war, resümiert Russmann,  „ein sehr menschlicher Bischof, mit einer großen spirituellen Tiefe, ein Bischof vor dem man keine Angst haben musste“.

Hemmerle hat in Freiburg Theologie studiert und empfing 1952 die Priesterweihe. Nach  Promotion und Habilitation 1967 wurde er Geistlicher Direktor des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) in Bonn. In diesem Amt prägte die Katholikentage in Essen (1968), Trier (1970) und Mönchengladbach (1974) und die Würzburger Synode der deutschen Bistümer (1971-1975) entscheidend mit. 1975 wurde er Bischof von Aachen. Er starb 1994 mit nur 64 Jahren an Krebs. Die Beerdigung fand unter großer Anteilnahme statt.

Sein Werk und sein Andenken werden im  Klaus-Hemmerle-Werk gepflegt. Dort sind übersichtlich Lebensbilder, vor allem Texte von Hemmerle zusammengetragen. Man liest sich schnell fest.  Zu den schönsten Stücken gehört ein Brief an eine dritte Grundschulklasse, in dem er jeden Schüler einzeln anspricht. Das klingt dann so: „Thomas bitte ich ganz herzlich, seine drei großen Geschwister zu grüßen. (...)  Der Elke wünsche ich, dass sie weiterhin eine so schöne Schrift behält. (...)  Den Sven bitte ich, ein wenig für mich zu beten, damit ich tatsächlich das Bistum Aachen gut leite.“ Das Gebet des Jungen ist, so scheint es, in Erfüllung gegangen. Hermmerle war ein auch ein Bischog der Kinder, der sich seiner Frömmigkeit kindliche Ehrfurcht bewahrt hat. Zu seinen schönsten Texten, den man auf der Hemmerle-Internetseite nachlesen gehört ein Stück über „die Einfalt des Herzerns“:  „Wo Glaube und Liebe mächtig werden,“ heißt es da, „machen sie das Herz einfältig.“

Beim Begräbnis Hemmerles fand ein  anderer großer deutscher Bischof berückend schöne Worte über ihn: Kardinal Lehmann. Vielleicht, sagte er in seiner Predigt, werde „ein heiligmäßiger Priester und Bischof zu Grabe getragen,  ohne dass man es richtig bemerkt hat“.

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