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Coronavirus in Krefeld: Dank, Freude, Tränen - das Corona-Tagebuch

Corona-Alltag : Dank, Freude, Tränen: Das Corona-Tagebuch

Wir haben Geschichten und Geschichtchen gesammelt über eine Stadt im Corona-Ausnahmezustand.

Notizen aus einer Stadt im Corona-Modus: Die Innenstadt war am Donnerstag deutlich leerer als am Mittwoch, aber keineswegs menschenleer. Leer waren die Geschäfte. Unwirklich. Wie sagte eine  Kundin beim Drogeristen dm:  „Also wenn die Schulen nicht geschlossen hätten, würde ich ja denken, dass es sich um einen riesigen Marketing-Gag handelt.“ Es ist kein Gag, es ist Corona.

Tatsächlich leer:Die Regale für Toilettenpapier waren bei dm am Donnerstag leer.Die Leute kaufen also doch so viel, wie es geht. Foto: Bärbel K.einelsen/Bärbel Kleinelsen

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Mit Hinweisen wie diesem hier werben die Geschäfte für Verständnis, dass sie Waren nur in haushaltsüblichen Mengen abgeben. Versucht jemand dennoch, viel mehr einzukaufen, sind die Reaktionen der anderen Kunden schon mal heftig. Foto: Bärbel K.einelsen/Bärbel Kleinelsen

So ganz haben die Leute sich auf die neuen Regeln des Abstands noch nicht eingestellt. Beim Drogeristen dm am Gahlingspfad gab es genervtes Gemurre an der Kasse, weil die Kunden 1,5 Meter Abstand halten sollten. Als dort eine Kundin fünf Pakete Haushaltsrollen aufs Band legte, durfte sie nur zwei mitnehmen. Es gab ein patziges Wortgefecht - und empörtes Gemurmel in der Reihe dahinter über genau diese Patzigkeit, Zitat: „Immer noch nicht kapiert, ja ist die denn völlig bekloppt.“

Erklärgrafik bei Aldi mit dem Hinwies, dass man Abstände zu anderen Kunden einhalten soll: 1,5 Meter sind empfohlen. Foto: Bärbel K.einelsen/Bärbel Kleinelsen

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Auf dem Parkplatz eines großen Lebensmittelgeschäftes in Oppum suchte eine ältere Frau Hilfe. Sie schien verzweifelt zu sein. Ihr Auto habe einen Motorschaden, und sie kenne sich in Krefeld nicht aus. Eigentlich lebe sie in Köln. Aber weil sie allein zu Hause sei, falle ihr inzwischen die Decke auf den Kopf. Um nicht zu vereinsamen, habe sie sich deshalb entschieden, ihre Freundin in Krefeld zu besuchen. Und nun streike das Auto. Die Frau hatte Tränen in den Augen. Die angespannte Situation dieser Tage hinterlässt Spuren. Der Hinweis auf die nächste Werkstatt samt genauer Wegbeschreibung änderte daran leider nur wenig.

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Ernüchterung beim Einkauf am frühen Morgen. Die Hoffnung, direkt bei der Ladenöffnung eine Packung des momentan heiß begehrten Klopapiers zu ergattern, schwand angesichts des leergeräumten Regals. Von wegen früher Vogel fängt den Wurm. Gar nichts ging mehr, wenn erst einmal die Hamsterkäufer da waren. Angesichts des fassungslosen Gesichtsausdrucks einer Einkäuferin nahm ein türkischer Kunde Kontakt auf. Er wisse, wo es noch Toilettenpapier gebe; auf dem Großmarkt wäre gerade was geliefert worden. Und tatsächlich gab es im dortigen Geschäft eine Palette, die noch nicht abgeräumt war. Es ist nicht das vierlagige, weiche Papier, das dort angeboten wird. Aber in Zeiten von Pandemie und Hamsterern tut es jetzt auch das zweilagige aus recyceltem Papier.

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Bei der Rückfahrt vom Einkaufen fährt man derzeit durch Straßen, die so wenig genutzt werden, als wäre jeden Tag Sonntag. Das freut den Radler, zumal das Wetter herrlich ist und die Temperatur angenehm. Doch wo sind all die Kinder, die jetzt schulfrei haben? Vorbildlich leer sind die Spielplätze. Aber auch die Gärten der Eigenheime sind verwaist, genauso wie die Balkone. Kein Kinderlachen ist zu hören und auch kein Geschrei. Im Park sind vor allem Senioren zu sehen, die in Grüppchen spazieren gehen, mit Rollator unterwegs sind oder auf Parkbänken zusammensitzen. Sollten diese Angehörigen der Risikogruppe nicht erst recht zu Hause sein? Was bringt es, die Kinder ins Haus zu verbannen, wenn die Senioren in Scharen in den Lebensmittelläden anstehen oder sich in Gruppen zusammenstellen, um sich zu unterhalten?

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Es gibt auch schöne Momente in der Krise: Nachbarn, die sich von Garten zu Garten unterhalten, Kinder, die alte Spiele neu entdecken, mit Kreide Hinkelhäuschen aufs Pflaster malen, Männer, die sich vor der Haustür auf ein Corona-Bier treffen mit vorschriftsmäßig eingehaltenen zwei Metern Abstand. Kinder, die unter der Woche ansonsten kaum Zeit haben, weil sie Sport treiben, Hausaufgaben machen,  ein Instrument lernen oder alles auf einmal, haben jetzt Zeit für sich.  Sie können faul sein, lange schlafen und sich langweilen. Und entdecken dabei so manche neue Fähigkeit.

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Nun geht es auch den Samtpfoten an den Kragen, oder besser an den Allerwertesten. Haben schon die Menschen das Problem, dass sie nicht wissen, mit was sie sich den Hintern abwischen sollen, so sitzen nun auch die Hauskatzen auf dem Trockenen. In den Drogerien ist die Katzenstreu ausverkauft. Was nun? Gut, dass der Mensch ein kreatives Wesen ist und Lösungen findet. Also wird sich wohl so manche verwöhnte Mieze demnächst wundern, warum sie ihr Geschäft ab sofort in Kleintierstreu verrichten muss.

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(bk/vo/vdeld)