Krefeld: Claudia Jacobsen - die Frau an der Bombe

Krefeld: Claudia Jacobsen - die Frau an der Bombe

Claudia Jacobsen liebt ihren Job - jeden Tag. Und das schon seit 28 Jahren. "Ich mag Menschen. Ich arbeite gerne für sie, und das rund um die Uhr", sagt die selbstbewusste Frau. Bis sie 22 war, verdiente sie ihr Geld als Krankenschwester. Dann bot sich damals die Gelegenheit, in ihren Traumberuf zu wechseln. Zur Polizei.

Es ist Dienstag um 14.05 Uhr, als sich der Tagesablauf für Dienstführerin Claudia Jacobsen in der Krefelder Wache Nord schlagartig ändert. Sekunden zuvor war der Anruf in der Leitstelle der Polizei eingegangen, dass ein Baggerführer bei Ausschachtungsarbeiten auf einen Blindgänger gestoßen ist. Sofort startet bei der Behörde am Nordwall ein Räderwerk, dass sich schon mehrfach bewährt hat. Die stellvertretende Dienstgruppenleiterin ist hierbei ein wesentliches Element. Sie sitzt zu diesem Zeitpunkt bereits im Einsatzwagen, steht knapp 120 Sekunde später neben der Bombe. Und sie weiß: Im Hintergrund setzt sich bereits die BAO in Bewegung, die Besondere Aufbau- und Ablauforganisation.

Innerhalb kürzester Zeit sind 140 Kollegen im Einsatz, eine Stabsstelle im Präsidium ist eingerichtet. Jacobsen ist verantwortlich für knapp 60 Kollegen, die den inneren Zirkel in einem Radius von 250 Metern um den Fundort absichern. Zwei Dinge lässt die 50-Jährige jetzt auf Schritt und Tritt nicht mehr aus den Augen: das Funkgerät - und den Baggerfahrer. "Sollte sein Einsatz an der Bombe nötig sein, müssen wir sofort handeln können. Er ist der Experte für das Spezialfahrzeug, keiner kennt den Bagger so wie er, sollte die Bombe im Boden freigelegt werden müssen."

Bei Bauarbeiten an der Straße "Grüner Dyk" war ein Baggerführer bei Ausschachtungsarbeiten auf einen Blindgänger gestoßen. Foto: Strücken

Weitere Experten rasen derweil mit Blaulicht auf den Fahrzeugen bis unmittelbar vor den Fundort: die Kampfmittelentschärfer. Während die Truppe aus Düsseldorf die Bombe und vor allem den Zünder begutachtet, sperrt das Team um Claudia Jacobsen den unmittelbaren Gefahrenbereich ab. Jeder muss raus aus der Sperrzone, keiner darf rein. Hunderte Bewohner sind betroffen. "Alte und kranke Menschen sind dabei. Mancher will seine Wohnung einfach nicht verlassen." Im Einzelfall sind Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen gefragt. Beides hat die Ex-Krankenschwester. "Letztendlich müssten wir sonst die Wohnung mit Gewalt räumen", weiß die Beamtin.

Während ein Teil der Kollegen die Zufahrtsstraßen absichert, schellen andere an jeder Tür, stehen vor jeder Wohnung. Jacobsen ist zu dieser Zeit fast überall. Sie hält Kontakt zu ihren Einsatzkräften, aber auch zu den Männern an der Bombe. Die 50-Jährige muss letztendlich grünes Licht geben, dass mit der Entschärfung begonnen werden soll.

Sprengstoffexperten bauten den Zünder der Bombe aus. Foto: TL

An ihren Feierabend verschwendet die blonde Frau keinen Gedanken, als gegen 18 Uhr noch immer Anwohner in einen bereitgestellten Bus und eine Schulturnhalle außerhalb der Gefahrenzone gebracht werden. Die Stimme der Hauptkommissarin wechselt zwischen klaren Anweisungen an die Einsatzkräfte und leisen, beruhigenden Worten an ältere Bürger. "Für Menschen, die den Krieg noch miterlebt haben, ist die Belastung in diesem Moment besonders hoch", sagt die Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern.

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Es ist ungefähr 20 Uhr, als es um Claudia Jacobsen mitten in Krefeld sehr einsam wird. Der komplette Gefahrenbereich ist geräumt, die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes stehen an der Bombe - mit der 50-jährigen Polizistin. Sie verlässt als Letzte den unmittelbaren Gefahrenbereich um die 250-Kilo-Bombe und informiert die Stabsstelle im Polizeipräsidium.

Die gefundene Bombe wog rund 250 Kilogramm. Seit mehr als 70 Jahren lag der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg unter der Erde. Foto: Lammertz

Dann können die Männer mit ihrer lebensgefährlichen Arbeit beginnen. Das Verfallsdatum für den Sprengstoff ist mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs weit überschritten. Doch chemische Zwischenprodukte können jetzt sogar noch brisanter sein als der ursprüngliche Sprengstoff - und die Zünder bleiben funktionstüchtig. Es kommt in Deutschland im Schnitt einmal pro Jahr zu einer Selbstdetonation. Der gefährlichste Moment für die Feuerwerker ist das Herausdrehen des Zünders. Bei chemischen Zündern ist oft eine Ausbausperre vorhanden. Sie löst den Zünder sofort aus, wenn er gedreht wird. Dann müssen diese Bomben auf eine besondere Weise entschärft werden. Mit einem Wasser-Granulat-Schneidegerät wird die Hülle zwischen Schlagbolzen und Sprengstoff getrennt und die Bombe so unschädlich gemacht. Die Zeit scheint in diesem Moment still zu stehen. Warten ist angesagt.

Wenn dann die erlösende Nachricht kommt, dass aus der Bombe ein Haufen Weltkriegsschrott geworden ist, führt der Weg von Jacobsen wieder an den Ort des Geschehens. Erst wenn sie grünes Licht gibt, ist der Einsatz abgeschlossen. Während die Bewohner wieder in ihre Wohnungen zurückkehren, werden die Straßensperren aufgehoben, der Dienst von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei beendet.

Es ist nach 22 Uhr, als Jacobsen die Uniform gegen Zivilkleidung tauscht und die Wache verlässt. Auf der Fahrt nach Hause überlegt sie, ob sie noch eine Runde joggen soll. "Um wieder runterzukommen", erklärt sie. "Man lässt beim Laufen den Tag dann Revue passieren." Sicher ist für die 50-Jährige nur eins, als sie die Stadtgrenze überquert: "Ich habe für mich in Krefeld den wunderbarsten Job der Welt gefunden."

(RP)