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Brandbrief von Krefelder Erzieherinnen an Minister

Späte Impfung und fast Normalbetrieb : Erzieherinnen schreiben Brandbrief an Familienminister

Späte Impfung, nur noch Schnelltests und eine viel zu großzügige Regelung für den Zugang zu Kitas – der angebliche „Notbetrieb“ bedeutet für Erzieherinnen oft genug fast Normalbetrieb. Jetzt protestieren Krefelder Erzieherinnen aus Angst um ihre Gesundheit und die der Kita-Kinder.

In einem Brief an NRW-Familienminister Stamp (FDP) haben Erzierherinnen aus Krefeld beklagt, dass sie spät geimpft werden sollen. Zugleich riefen sie den Minister auf, die Regeln für den Kita-Besuch im Lockdwon enger zu fassen. Claudia Raem, die den Brief mit ihrer Kollegin Natalie Stieg  unterzeichnet hat, berichtet von Kolleginnen, die im Lockdown 32 von regulär 35 Kindern zu betreuen hätten. „Wir Erzieher sind dem Virus im vollsten Maße, trotz dem Einhalten aller Hygienemaßnahmen und dem Tragen einer FFP2-Maske, ausgesetzt“, heißt es in dem Schreiben. Stamps’ Entscheidungen, wer seine Kinder noch in die Kita schicken darf, seien unfair – „nicht nur uns gegenüber, sondern auch den Kindern, die berufsbedingt durch ihre Eltern unbedingt in die Kita kommen müssen und dem Infektionsrisiko durch die Kinder, die unserer Meinung nach nicht kommen müssten, ausgesetzt sind“. 

 Erziehern sei es aus pädagogischen Gründen kaum möglich, eine Maske zu tragen; „es fehlt jegliche Art von Mimik, die die  Kommunikation unterstützt.“ Wickeln, Wechseln von Kleidung, Trösten, Zuwendung, Spielen  erforderten Kontakt zu den Kindern; „es gibt kaum einen Beruf, der so viel Nähe zum Menschen bedeutet“.   Erzieher erhielten „keinerlei Schutz“; die meisten Corona-Krankschreibungen seien  in dieser Berufsgruppe zu finden. Kritisiert wird auch, dass den Erziehern nur noch Schnelltests und  nicht mehr die zuverlässigeren PCR-Tests zustünden. „Wir Erzieher“, heißt es, „haben große Ängste uns und unsere Familien zu infizieren“.

Hier der komplette Text des Schreibens:

„Sehr geehrter Hr. Stamp,

 hiermit meldet sich ein „Heldenteam“ wie Sie uns so schön betiteln mit einigen persönlichen Worten.

Über die lange Zeit, in der wir uns nun schon in der Pandemie befinden und stets die Stellung gehalten haben, können wir mit Stolz behaupten, dass wir die Motivation für die gemeinsame Arbeit mit den Kindern nicht verloren haben.

Jedoch fällt es uns zunehmend schwerer, die tägliche Arbeit unter den von Ihnen gegebenen Voraussetzungen zu erfüllen.

Wir Erzieher sind dem Virus im vollsten Maße, trotz dem Einhalten aller Hygienemaßnahmen und besonders dem Tragen einer FFP2-Maske, ausgesetzt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es aus pädagogischen Gründen kaum möglich ist, eine Maske in der Arbeit mit den Kindern zu tragen. Es fehlt jegliche Art von Mimik, die die nonverbale und unterstreichende Kommunikation in unserer Arbeit unterstützt.

Hier ein paar alltägliche Beispiele, wo das Thema Abstandhalten absolut unmöglich ist. Das mehrfache Wickeln, das Wechseln von Kleidung die bei einem „Malheur“ nass geworden ist. Das Trösten und die körperliche Zuwendung. Beim gemeinsamen Mittagessen oder durch den Kontakt als direkter Spielpartner. Es gibt kaum einen anderen Beruf, der so viel Nähe zum Menschen bedeutet.

Nun kommen wir auf das Thema „Wer Anspruch auf einen Betreuungsplatz hat“.  Wir haben vollstes Verständnis dafür, dass systemrelevante Berufsgruppen auf die Betreuung ihrer Kinder angewiesen sind. Natürlich gibt es auch besondere Notsituationen in Familien, die ebenfalls die Betreuung benötigen. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie Verantwortung übernehmen und klare Formulierungen finden wer Anspruch auf einen Betreuungsplatz hat. So oder so sind ihre bisherigen Entscheidungen unfair. Nicht nur uns gegenüber, sondern auch den Kindern, die berufsbedingt durch ihre Eltern unbedingt in die Kita kommen müssen und dem Infektionsrisiko durch die Kinder, die unserer Meinung nach nicht kommen müssten, ausgesetzt sind.

Wir Erzieher erhalten durch ihre Regelung keinerlei Schutz. Oft wird in den Medien nur von Lehrern berichtet, die man zu schützen hat. Was ist mit uns? Wo bleibt unser Schutz?

Die Infektionszahlen unter Erziehern sind so hoch, dass die meisten Krankschreibungen aufgrund von Covid 19 in unserer Berufsgruppe zu finden sind. In diesem Zusammenhang prangern wir die neuen „Schnelltests“ an, die uns Erziehern nur noch zustehen. PCR-Tests sind im Gegensatz zu den Schnelltests zuverlässiger und präziser. Warum wird an dieser Stelle gespart?

Und ganz wichtig, warum werden wir erst so spät geimpft?

Wir Erzieher haben große Ängste uns und unsere Familien zu infizieren.  Auch wir haben Angehörige, die gepflegt werden und eigene Kinder die fremdbetreut werden müssen.

Die uns von Ihnen zur Verfügung gestellten zusätzlichen Kinderkranktage würden bei Inanspruchnahme dazu führen, dass ein laufender Kitabetrieb zusammenbrechen würde. So ist es uns als gewissenhafte Mitarbeiter nicht möglich, das Angebot anzunehmen. Wir appellieren an Ihre Fürsorgepflicht auch für uns Erzieher und erbitten uns dahingehend strengere Maßnahmen.  Wir wünschen uns sehr, dass Sie dieser Brief persönlich erreicht und wir eine Rückmeldung erhalten.“