Krefeld: Beuys: "Madonnen gehen immer"

Krefeld: Beuys: "Madonnen gehen immer"

"Aufgereiht standen die Madonnen auf der Fensterbank, " erinnert sich Ingeborg Seegers an ihre Besuche im Dachgeschoss der Kunstakademie Düsseldorf. Dort teilten sich Joseph Beuys und Erwin Heerich als Meisterschüler Ewald Matarés ein Atelier. Beuys hatte die kleinen Statuen mehr oder wenig gleichförmig aus Ton geformt und gebrannt, quasi als Notgroschen.

Auch Krippenfiguren gehörten zu seinem Repertoire. Denn wenn er mal wieder klamm war – was in der "schlechten Zeit" recht oft vorkam – packte er sich einige ein und fuhr in den Marien-Wallfahrtsort Kevelaer, um sie dort an die Gläubigen zu bringen. Sein lakonischer Kommentar: "Madonnen geh'n immer".

Der Austausch zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Industrie – der 1907 mit der Gründung des Deutschen Werkbundes beflügelt werden sollte – bestimmte auch in den Jahren des Neubeginns nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg das Bild der Kunstszene. Zwischen Lehrern und Studenten der Kunstakademie und des Werkseminars Düsseldorf herrschte reger Austausch, und zudem zeigten sich Krefelder Textilunternehmer für ihre Stoffkollektionen interessiert an innovativen Entwürfen des künstlerischen Nachwuchses.

Was lag für Ewald Mataré, seines Zeichens Direktor der Kunstakademie (KA) Düsseldorf und Kunstprofessor, also näher, als die Wünsche der Industriellen zu erfüllen und seinen Meisterschülern Aufträge zuzuschanzen, die ihnen das Nötigste ermöglichten. So lernte er auch Fritz Steinert, den Inhaber der Storck GmbH, kennen und freundete sich mit dem lebensfrohen Industriellen an, der ein offenes Haus pflegte und regelmäßig Künstler und Intellektuelle zum Meinungsaustausch in sein Haus einlud. Bewirtung inbegriffen – was im Alltag rationierter Lebensmittel schon viel hieß.

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Für eine der ersten Kunstausstellungen nach Kriegsende in Krefeld öffnete Steinert am 1. und 2. April 1950 sein Haus. Ausgewählte Kunststudenten wurden von Mataré aufgefordert, Arbeiten für diese Schau anzufertigen. Beuys stellte einen 42 Zentimeter langen, 15,5 Zentimeter breiten Holzlöffel her. Das archaisch anmutende Stück erwarb Steinert, seine Tochter Renate Hauser erbte es.

Eine lange Freundschaft verband Ernst J. Althoff und Beuys, seit sie sich als Studenten an der KA Düsseldorf kennengelernt hatten. Der eine studierte Architektur bei Hans Schwippert, der andere Monumentalbildhauerei bei Ewald Mataré. Althoffs Krefelder Atelier befand sich seit 1956 am Stadtrand, an der Mittelstraße 33 in einem Haus aus dem Jahr 1867, errichtet auf dem alten südlichen Graben. Bis 1963 traf sich dort ein buntes Völkchen. Besprechungen fachlicher Art in Sachen "Holz" fanden dort statt, aber auch kulturpolitische und philosophische Diskussionen. Häufige Gäste waren Beuys und Rainer Lynen im Kreis anderer Künstler wie Holger Runge und Hans Ostendorf, dem der Architekt Rolf Crummenauer und der Chefredakteur der Neuen Post, Günter Rudorf, sich zugesellten wie auch Georg Hirtz (Geschäftsführer der Krefelder Textilfirma Storck). Hirtz brachte den befreundeten Schriftsteller Franz Schonauer (Gruppe 47) mit, später auch Heinar Kipphardt.

Althoff baute ein Bett und einen Schrank für Beuys. In der Krefelder Tischlerei von Althoff senior wurden die Tore und das Riesenkreuz für Beuys' einziges Monument das Ehrenmal Büderich, gefertigt. Beuys Verbundenheit mit seines Freundes Vater Johannes Althoff drückt sich in der Empfehlung aus, die er bei keinem Abschied vergaß: "Und grüß mir deinen Vater!"

(RP)