Bei der MUT-Tour fahren die Teilnehmer durch Deutschland um auf Depression aufmerksam zu machen.

Radtour in Krefeld : Mut machen im Kampf gegen Depression

Menschen aus ganz Deutschland, Erkrankte, Angehörige und Gesunde, fahren derzeit mehrere tausend Kilometer mit dem Rad durch Deutschland, um in der MUT-Tour auf Depression aufmerksam und Betroffenen Mut zu machen.

Lina Kirsch ist eine hübsche, freundliche junge Frau. Lächelnd steht sie in der Runde und erzählt gemeinsam mit Volker Heese und Lydia Bauer über die Tour, die die drei derzeit machen. Was ein Außenstehender ihr nicht zuletzt durch das gewinnende Lächeln nicht ansehen kann: Sie leidet derzeit akut unter einer Depression. Heese und Bauer haben das bereits hinter sich. Sie waren ebenfalls erkrankt, haben sich aber, anders als Kirsch bisher, mit viel Arbeit und Hilfe aus dem Tal der Depression heraus gekämpft. Hinter dem fröhlichen Lächeln der jungen Frau verbirgt sich also eine Psyche, die derzeit schwer angeschlagen ist.

Die Teilnahme an der Tour aber ist für die Teilnehmer nicht nur ein Aufwand, der anderen betroffenen helfen soll, es ist auch ein Stück Therapie. „Sport, der Aufenthalt im Grünen und sozialer Umgang sind Dinge, die einer Depression entgegen wirken. Damit ist die MUT-Tour nicht nur eine Veranstaltung, die auf die Krankheit aufmerksam macht, sondern eine, die zugleich auch heilsam oder vorbeugend wirkt“, erläutert Hesse. Der Duisburger ist erstmals bei der Radtour dabei, die auf der Nord-Tour von Fulda aus in der ersten Etappe bis Bonn führte. Sechs Fahrer auf drei Tandems absolvierten diese Strecke in 60-Kilometer-Tagestouren in knapp zwei Wochen. Hier übernahmen die drei Genannten gemeinsam mit Franziska Radczun, Daniel Neumann und Werner König. Sie werden bis Osnabrück fahren. Von dort geht es für andere Teams in einem Bogen über Cuxhaven, Wismar, Berlin und Jena bis nach Braunschweig. Parallel führt die Süd-Tour ebenfalls von Fulda nach Nürnberg, Regensburg, Friedrichshafen, Freiburg und Heidelberg bis Trier.

Seit 2012 gibt es die MUT-Tour, und die vielen Teilnehmer absolvierten zusammen bereits weit über 30.000 Kilometer. „Es geht darum, die Wahrnehmung von Depression zu verändern. Es ist keine Schwäche, es ist eine Krankheit, die jeden treffen kann“, sagt Kirsch. „Wenn ich meinem Arbeitgeber sage, ich müsse am Morgen zwei Stunden zum Zahnarzt, dann ist das kein Problem. Sage ich, ich gehe zwei Stunden zum Therapeuten, ist die Wahrnehmung eine ganz andere. Das muss sich ändern“, fährt sie fort.

Zwar habe sich schon einiges getan und viele Unternehmen hätten Schritte gegen starke Belastung unternommen, genug sei es aber lange nicht. „Wir brauchen mehr Therapeuten. Wartezeiten von sechs Monaten sind nicht akzeptabel. Dass Therapeuten ihre Ausbildung komplett bezahlen müssen ebenfalls nicht“, sagt Heese. Er litt vor einiger Zeit an dem der Depression verwandten Burnout, Bauer an einer Depression. „Ich konnte mich einfach zu nichts mehr aufraffen, lag nur noch im Bett und hatte nur noch ein einziges Gefühl: Angst“, erinnert sie sich. Diese Zeiten sind aber vorbei.

„Ich habe die Krankheit überwunden. Das ist eine wichtige Botschaft: Heilung ist möglich. Aber man braucht zumeist Hilfe“, sagt sie. Wichtig sei, offen damit umzugehen. Und hier ist auch das Problem. „Depression ist heute kein Tabu mehr, aber immer noch ein Stigma“, sagt Kirsch. Das müsse sich ändern, damit die vielen Betroffenen gut mit der Krankheit umgehen könnten und Hilfe erhielten.

Es folgt ein Foto, auf dem Kirsch ihr Gesicht verbirgt. Es ist jedoch nicht ihr persönlicher Wunsch, nicht im Bild zu erscheinen, sondern ein Symbol. „Nicht jeder möchte, dass seine Krankheit im Umfeld bekannt wird. Trotzdem sind diese Menschen genauso wichtig und brauchen genauso viel Hilfe. Für sie steht der Smiley“, sagt Kirsch. Auf der ganzen Tour und bei jedem offiziellen Bild zeigt mindestens einer der Teilnehmer sein Gesicht nicht, sondern verbirgt es hinter dem Smiley.

Heese kann der Krankheit im Nachhinein sogar etwas Gutes abgewinnen. „Viele Menschen ziehen sich in dieser Phase zurück. Die, die bleiben sind wahre Freunde, die man sonst vielleicht nie gefunden hätte“, sagt er. Um diese, Familie und Freizeit gehe es unter dem Strich. „Wir brauchen wieder die Balance zwischen Arbeit und Leben. Dann ist vielen Erkrankungen bereits gut vorgebeugt“, lautet seine Botschaft.

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