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Begegnungscafe Inhaberin Sabrina Tophofen zu Obdachlosen In Krefeld

Sabrina Tophofen zur Obdachlosenszene Krefeld : „Ein Alkoholverbot bringt gar nichts“

Sabrina Tophofen sagt, die Diskussion um Obdachlose wird falsch geführt. Sie war einst Deutschlands jüngstes Straßenkind. Heute führt sie ein Begegnungscafé an der Marktstraße.

Die Krefelderin Sabrina Tophofen erlangte als Autorin einige Bekanntheit. Die 40-Jährige war, nachdem sie als Missbrauchsopfer ausbrach, Deutschlands jüngstes Straßenkind und lebte in ihrer gesamten Teenagerzeit auf der Kölner Domplatte. Sie schaffte den Absprung mit Hilfe Dritter und ist heute Mutter, arbeitet als Krankenschwester und engagiert sich gegen Kindesmissbrauch und für Obdachlose. Auf eigene Kosten betreibt sie seit Jahren Obdachlosencafés, aktuell an der Marktstraße in Krefeld. Hier bietet sie nicht nur einen warmen Ort im Winter, sondern auch kostenloses Essen und Getränke. Die aktuelle Diskussion über Obdachlose in Krefeld geht für sie an den wahren Problemen vorbei.

Sie haben viel Kontakt mit Obdachlosen in Krefeld. Wie verfolgen Sie die aktuelle Diskussion? 

Tophofen Ich denke, die Lösungsvorschläge gehen an der Realität der Menschen vorbei. Etwas ketzerisch gesagt reden hier die Blinden von der Farbe. Ich bitte, mich nicht misszuverstehen: Ich habe großes Verständnis für beide Seiten, auch für die Krefelder, die sich belästigt fühlen, und die Politik. Wir müssen das Problem lösen. Doch durch Verbote gleich welcher Art ist das nicht zu machen.

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Welche Verbote meinen Sie konkret?

Tophofen Zum Beispiel wenn über ein Alkoholverbot in der Innenstadt gesprochen wird. Das würde nämlich nichts bewirken. Viele dieser Menschen sind suchtkrank. Wenn sie Alkohol brauchen, dann besorgen sie diesen. Egal, ob es erlaubt ist, oder nicht. Den Verkauf generell zu verhindern, ist fast unmöglich. Wer soll das kontrollieren? Wir müssen die Gründe für den Konsum bekämpfen, nicht die Symptome.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe?

Tophofen Wenn man mit den Menschen spricht, dann hört man schnell, dass sie sich als Mensch entwertet fühlen. Sie brauchen einen Lebenssinn, ein Ziel. Und natürlich auch ein menschenwürdiges Leben. Ich denke: Der Ansatz, der in Skandinavien und jetzt auch in Düsseldorf gelebt wird, ist ein wichtiger erster Schritt: Housing first. Diese Menschen brauchen eine Wohnung, ein Zimmer, einen Raum für sich. Eine Rückzugszone, in der sie sich sicher fühlen und sich als Mensch im gesellschaftlichen Sinne fühlen können. Der zweite Schritt ist dann ein Job. Das muss nichts Großes sein. Eine Aufgabe an sich ist wichtig. Die meisten Menschen wollen für ihr Auskommen etwas tun und sich ihren Unterhalt zumindest in gewissen Teilen verdienen.

Wie soll das aussehen? Wohnheime mit angeschlossenen Werkstätten ähnlich einem Heilpädagogischen Zentrum?

Tophofen Das wäre ein Ansatz, ja. Ich denke, wenn man den Menschen diese Wertschätzung gäbe und das Gefühl, sich ihr Leben zu verdienen, dann wären sie von der Straße. Natürlich kann man sie nicht überfordern. Viele sind eben krank, alkoholkrank, aber auch in der Folge physisch und psychisch. Man muss ihnen unter die Arme greifen. Auch finanziell.

Aber diese Hilfe gibt es. Die Menschen haben Anspruch auf Hartz IV und ähnliche Leistungen.

Tophofen Theoretisch ja. Aber praktisch? Gerade Hartz IV ist unglaublich formalistisch. Man muss ja fast studiert haben, um die Anträge richtig auszufüllen. Viele Obdachlose sind dazu schlicht nicht in der Lage. Hinzu kommt, dass die Praxis der ständigen Kontrolle eben auch ein Stück weit entwürdigend ist. Ich selbst habe drei Jobs, ich arbeite fast rund um die Uhr, um meine Familie und die Menschen zu versorgen. Ich kann sehr gut verstehen, dass jemand die Empfindung hat, dass diese Leute für ihr Geld etwas tun müssen. Nur: Sie haben bewiesen, dass sie eben konsequenterweise den Schritt auf die Straße gehen – ob gewollt oder ungewollt – und dann betteln. Entsprechend sollte es uns vielleicht die Sache wert sein, für eine schönere Innenstadt.

Wohnen und Arbeit sind also die Wunderwaffen in Ihren Augen?

Tophofen Natürlich gibt es noch weitere Dinge, aber das sind die wichtigsten, ja. Dieser Tage hatten wir hier den Fall, dass ein Obdachloser, der natürlich auch langzeitarbeitslos war, sich ans Arbeitsamt gewandt hat. Wir fanden dann gemeinsam heraus, dass es die Möglichkeit gibt, ihm einen von Amt bezahlten Ein-Euro-Job hier bei uns im Café zu geben. Vergangene Woche kam er dann mit dem Herrn vom Amt her und stellte sich vor. Er war strenger Alkoholiker, aber ich habe die Regel: Hier wird nicht getrunken. Als er hier war, haben seine Augen geleuchtet, er hat sich unfassbar gefreut und bis heute keinen Schluck getrunken. Ein anderer Mitarbeiter bei mir ist praktisch von Anfang an dabei – also seit mehreren Jahren. Er ist eine Art Hausmeister. Von dem Tag an ist er bis heute, mit wenigen Rückfällen, die er aber immer sofort in den Griff bekam, trocken und ein wertvoller Helfer im Café. Das ist der Weg in meinen Augen.

Wie erleben Sie denn das Betteln in der Innenstadt selbst?

Tophofen Es ist auch in meinen Augen mittlerweile zu viel. Vor allem wird die Art immer aggressiver und aufdringlicher. Viele zeigen auch keine Dankbarkeit, wenn man ihnen hilft. Dass etwas passieren muss, da bin ich voll dabei.

Ist das Problem in Ihren Augen schlimmer geworden? Wenn ja, was sind die Gründe?

Tophofen Ich war, als ich seinerzeit aus Köln nach Krefeld kam, geschockt, wie viel Armut es hier gibt. Aber ich denke, das ist eine Entwicklung, die es in vielen Städten gibt. Das komplizierte und entwürdigende Hartz IV-System spielt eine große Rolle, dass immer mehr Menschen durch das Netz fallen. Auch die Privatisierung des sozialen Wohnungsbaus mit in der Folge immer weiter steigenden Mieten tat ein Übriges. Die endgültigen Lösungen des Problems können also nicht kommunal passieren. Das muss auf Bundesebene laufen.