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Krefeld: Begegnung mit einem Trendforscher

Krefeld : Begegnung mit einem Trendforscher

Der Stuttgarter Trendanalytiker Mathias Haas berichtet, wie neue Ideen altes Können überrollen und warum Effizienz Innovation killt.

Zu den verblüffendsten Bildern dieses Abends gehörte eine Animation, die die Reisetätigkeit in Europa im Laufe der letzten zwei Jahrtausende anzeigte: Jede Reise eine Linie - in der Gegenwart ist das anfangs fast schwarz gefärbte Europa von einem unübersehbar dichten Gewebe aus Linien und Lichtern überzogen. Im Prinzip wusste man es - aber es zu sehen, hat einem doch noch einmal die eigene Gegenwart vor Augen geführt. Wir sind alle globalisierte Hektiker geworden. Was weiß man, wenn man das weiß?

 Rund 100 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kamen zu der "Moment mal, Krefeld?!"-Veranstaltung nach Fichtenhain zum Campus 44.
Rund 100 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kamen zu der "Moment mal, Krefeld?!"-Veranstaltung nach Fichtenhain zum Campus 44. Foto: Lammertz Thomas

Antwort gab der Trendforscher Mathias Haas: "Moderne Gesellschaften sind mobile Gesellschaften", sagte er, und die sichtbare, äußere Mobilität verstand er auch als innere Mobilität, als Kreativität im Kopf, als Schlagzahl der Innovationen, mit der wir leben müssen und die uns zuweilen überfordert. Haas war Referent bei der jüngsten Veranstaltung in der Reihe "Moment mal, Krefeld?!". Veranstalter sind Rheinische Post und die "Initiative Zukunft durch Industrie"; Ziel der Reihe ist es, Krefeld durch Fachleute von außen in den Blick zu nehmen und die Stadt neu zu entdecken: Probleme, vor allem aber Chancen und Stärken. Die Zukunft, so lautete Haas' Befund, sei so kompliziert nicht. Nur sie zu verpassen kann tödlich sein für ein Unternehmen. Rund 100 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Bürgerverbänden waren gekommen, um zu hören, was es Neues aus der Zukunft gibt und warum Deutschland mit seiner alternden Gesellschaft ein Innovationsproblem hat.

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Haas' Vortrag wirkte stellenweise wie ein Streifzug durch die Kreativwelt heutiger Startup-Unternehmen, die mit verblüffenden Ideen raschen Erfolg haben. Als tragische Geschichte verwies Haas auf den Erfolg von Tesla: Das Interesse an den autonom fahrenden Autos sei riesig; die neue Idee ziehe demnach eine Aufmerksamkeit auf sich, von der überkommene Autobauer nur träumten. Neue Idee schlägt alte Technik - und sei sie noch so gut.

Haas berichtet teils überaus Amüsantes aus der Welt der "Gadgets", wobei das englische "gadget" für Apparat, Zubehör mit einem Anflug von technischer Spielerei steht. Ein kleiner grüner Dino, der über ein ausgefuchstes Computerprogramm mit Kindern reden kann - "wenn ein Kind damit spielt", sagte Haas, "wird es vielleicht bessere Antworten bekommen als von Mama und Papa". Die Gretchenfrage lautet: "Würden Sie es Ihrem Kind schenken?" - sprich: sich und das Kind auf die neue Technik einlassen?

Haas' Herz, so viel war rasch klar, schlug aufseiten der Neuerung. Da war er ganz Trendforscher, der oft gesehen hat, mit welcher Wucht eine Neuerung einen Markt überrollt und Bewährtes gnadenlos verdrängt. "Wer heute vom 3-D-Drucker überrascht ist, hat 30 Jahre nicht zugehört", sagte Haas einmal. So lange sei die Technik bekannt, erst jetzt sei sie marktreif, verdränge alte Produktionsweisen und ermögliche neue Produkte. Wer nicht zuhört, so lautete Haas' Botschaft auch, verpasst den Augenblick, an einem Trend teilzunehmen, von ihm zu profitieren. Apple, betonte Haas etwa, seien nie die Ersten bei einem Trend gewesen, haben aber ihm zufolge immer dann gehandelt, wenn ein Trend begann, marktreif zu werden und sich neue Produkte am Horizont abzeichneten. So kann man reich werden, während andere noch ein "Gadget", also Schnickschnack, sehen.

Haas wies auf eine amerikanische Entwicklung, die man für 70 Dollar kaufen kann: Eine Gabel mit USB-Stick. "Sie beginnt zu vibrieren, wenn Sie zu schnell essen", sagte er unter Heiterkeit des Publikums. Nur: Eine solche Gabel kann tatsächlich eine Hilfe bei Diäten oder im Gesundheitswesen werden. Haas' Botschaft: Was heute belächelt wird, kann morgen ein lukratives Massenprodukt sein.

Kurz und gut: In der - innerlich wie äußerlich - mobilen Gesellschaft ist Kreativität, die Idee, die Ahnung eines Trends überlebenswichtig für Unternehmen. So glückten Haas auch Sätze, die man nicht mehr loswird: "Effizienz killt Innovation." Stimmt. Ist eine Branche unter Druck, besteht der Hang, das Altbewährte immer effizienter, also billiger und besser zu machen - "wir haben keine Zeit mehr zum Denken", hält Haas dagegen. Es kommt in der Krise, so darf man ihn verstehen, auf die rettende Idee an, nicht darauf, noch mehr und immer mehr zu rödeln. Auch Fragen über das Selbstbild eines Unternehmens bleiben hängen: "Was ist deine absolute Besonderheit?" - "Gibt es einfache Tarife und Abläufe?" und "Wie sehen deine großen Bilder von deinem Unternehmen aus?". Letztere Frage hört sich zunächst wie der Ruf nach einer guten Marketingidee an, entpuppt sich aber schnell als Existenzfrage eines Unternehmens: Wo ist das große Bild, das jeder versteht und - auch darauf kommt es an - jeder mag? Wem die Bilder von sich selbst ausgehen, der hat ein Problem.

Nun mag Kreativität nicht gleich Kreativität sein. Es ist schwer vorstellbar, dass in den klassischen Krefelder Industrien - Metall und Chemie - junge, hippe Nerds plötzlich am Laptop die Branche revolutionieren. Dennoch blieb es bei dem dringenden Plädoyer von Haas: Schafft Raum für Kreativität und Innovation, und macht es, bevor die anderen es tun.

In der Tat bewegte sich die Debatte nach dem Vortrag um die bange Frage, wie mobil, wie innovativ und kreativ die deutsche Gesellschaft noch ist. Ein Zuhörer berichtete aus Südkorea, dass dort Wlan praktisch überall den Zugang ins Internet möglich macht. Er sorgte sich auch über das - schleppende - Innovationstempo in Deutschland. Haas hatte etwa die Erfindung einer Parkbank mit Steckdose gepriesen - besagter Zuhörer berichtete vom Aufwand und den Kosten für die Errichtung einer Stromtanksäule für Elektroautos. Haas' lapidare Antwort - "einfach machen" - funktioniert in einer bis auf die zehnte Stelle hinterm Komma durchjuristifizierte Gesellschaft wie der deutschen eben nicht ohne Weiteres.

Was am Ende blieb, war der Eindruck, dass es zwei zentrale Aufgaben gibt: Man muss sich auch Grenzen setzen, nicht jedem Trend und jeder technischen Möglichkeit oder Neuerung hinterherlaufen - was, worauf eine Zuhörerin hinwies, ja auch mit ethischen Problemen behaftet ist. Siehe Gentechnik. Zum anderen aber muss das Innovationstempo hoch bleiben. Effizienz killt Innovation. Nur Innovation aber führt in die Zukunft. Das gilt für Unternehmen aus Krefeld wie für Krefeld überhaupt.

(RP)