Bauhaus-Museum in Weima würdigt Bauhausstadt Krefeld

400 Kilometer entfernt : Neues Bauhaus-Museum in Weimar würdigt Bauhausstadt Krefeld

Wer das neue Bauhaus-Museum in Weimar besucht, begegnet der Bauhaus-Stadt Krefeld vielfach. Eine Tischgruppe aus Haus Esters gehört zu den Exponaten in der Ausstellung, Haus Lange und Haus Esters werden im Mies-van-der-Rohe-Raum ausführlich dokumentiert.

Krefeld spielt im neuen Bauhaus-Museum von Weimar eine nicht unbedeutende Rolle: In dem Raum, der Mies van der Rohe gewidmet ist, ist auch eine Essgruppe zu sehen, die der Welt-Architekt für Haus Esters vorgesehen hat. Dazu gibt es historische Fotos und Informationen über Haus Lange und Haus Esters, die bekanntlich bahnbrechende Bauhaus-Werke sind und über die Krefeld dem weltweiten Bauhaus-Gedenken eingestiftet ist. Und natürlich begegnen einem immer wieder Namen, die auch für das Krefelder Bauhaus-Kapitel bedeutend sind: Neben Mies Itten, Muche, Schlemmer, Kadow, Pfeiffer Watenphul – die Liste ist lang. Alle Krefeld-Bezüge aber sind eingebettet in ein überwältigendes Erlebnis: die Entdeckung eines neuen Museums, das bereits Kritik auf sich gezogen hat und doch reiche, packende, verblüffende, wunderbare Einblicke in dieses Phänomen Bauhaus eröffnet.

Kritik: In der „Süddeutschen“ wurde die Architektur des grauen, schlanken Kubus vernichtend kritisiert: Mausoleum, Klotz, Sarkophag, Kasten. Steht man vor dem hellgrauen Gebäude, dessen Oberfläche in sich aufgelockert ist, muss man dieses Urteil nicht nachvollziehen. Was man sieht, ist ein Purismus der Form, der erst einmal gut das Thema spiegelt: das Bauhaus und seine Lust am kubischen Bauen.

Kritisiert wurde auch die angeblich nicht vorhandene Korrespondenz zu den umgebenden Bauten, vor allem: zu einem monströsen „Gauforum“, das die Nazis dem schönen Weimar als einer ihrer Hochburgen verpasst haben. Auch dieses Urteil muss man nicht nachvollziehen: Der schlanke, hellgraue, neue Bau steht widerständig, im wahrsten Sinne des Wortes schräg in der Umgebung. Fast fühlt man sich an eine Szene aus „Odyssee 2001“ erinnert, als in einer prähistorischen Welt aus den Anfängen der Evolution plötzlich eine kubische Stele aufragt. Auch der Weimarer Bauhaus-Kubus ragt in die Nazi-Architektur, aber auch in die erfreulicherweise noch reichlich vorhandene historische Bausubstanz der Stadt. Möge jeder selber sehen, fühlen und urteilen.

Im Innern dieses Baus springt nach der ersten Viertelstunde das ins Auge, was nun tatsächlich kritikwürdig ist: die unübersichtlichen, ausgesprochen besucherfeindlichen Erläuterungen zu dem, was dort zu sehen ist. An den Wänden hängen lange Reihen von Exponaten – ohne jede Erklärung. Was man sieht, wird in Übersichtstafeln am Rande einer jeden Wand erklärt. Heißt für den Besucher: Er muss die Reihe abschreiten, dann zur Erläuterung eilen, sich in etwa merken, was er wo gesehen hat, zurück in die Reihe eilen und dann hoffentlich den gelesenen Text dem richtigen Exponat zuordnen. Es gehört zu den Marotten moderner Ausstellungen, die Erläuterungstafeln versteckt aufzuhängen, auf dass der Gesamteindruck ja nicht gestört werde. Beim neuen Bauhaus-Museum ist dieses Bestreben mit Händen zu greifen. Die gesamte erste Ausstellungsetage ist erlesen im Bauhaus-Stil gestaltet: schlanke Regale, fein abgestimmte Hängung, die Dramaturgie des Lichts: Alles soll Bauhaus-Purismus atmen. Nur leider ist es mühsam, sich über das zu informieren, was man sieht. Unser Urteil: Nachbessern, dringend.

Stichwort „Was man sieht“: Das allerdings ist großartig und für den, der nicht gerade intimer Bauhaus-Kenner ist, überwältigend. Zwei Dinge seien genannt: Dass mit dem Begriff Bauhaus Architektur und Design verbunden sind, ist ja allgemein bekannt. Wie sehr dieses intellektuelle und künstlerische Milieu aber von spielerischer Energie durchdrungen war und auch neue Wege im Theater, im Ballett oder im Puppenspiel gegangen ist, ist vielleicht nicht so präsent.

Theaterlehrer in Weimar war Oskar Schlemmer, der auch Krefeld besucht hat. Sein „Triadisches Ballett“ entwickelte den Vorrang des Kostüms vor der Bewegung. So auffällig waren die Kostüme, dass Tanz und Tänzer fast zweitrangig wurden. Das Theater war vieles in einem: kleine Revolution, Parodie auf klassisches Ballett– und immer wieder ein großer Spaß. Auerbachs Keller aus Goethes „Faust“ wurde im Bauhaus zu Auerbachs Kellerbar, und es gibt eine Bühnensequenz zu sehen, in dem die Schauspieler als Bauklötzchen über die Bühne zockeln. Passend zu diesem heiligen Unernst ist auch das Engagement auf dem Feld des Puppentheaters. Zu sehen ist eine wunderbare Puppenwelt, die klassisches Theater verfremdet. Übrigens: Einen Eindruck dieses Triadischen Balletts kann man bald in Krefeld im Rahmen von „Kultur findet ­Stadt(t)“ bekommen. Das „Theater der Klänge“ aus Düsseldorf gastiert am 14. und 16. Juni in der City und führt das triadische Ballett open air mitten im Stadtzentrum auf.

Dies alles vor Augen, versteht man besser den Hass, mit dem das Bauhaus spätestens seit 1923 in Weimar verfolgt wurde. Zu den beeindruckendsten Teilen der Ausstellung gehört eine Dokumentation über die öffentliche Auseinandersetzung um das Bauhaus in Weimar, die als Schlagabtausch der Leserbriefe in den Zeitungen ausgetragen wurde. Es gab Kritik und Anfeindungen, einerseits, und leidenschaftliche Befürworter, andererseits, also Leute, die begriffen haben, dass das, was da in Weimar begonnen hat, epochale Bedeutung hat: ein Sprung in die Moderne, der kein Weimarer Phänomen war, sondern Deutschland und der ganzen Welt gehörte.

Die Kritik am Bauhaus war völkisch, nationalistisch, rassistisch antisemitisch gefärbt; das Bauhaus wurde als undeutsch, kommunistisch unterwandert, jüdisch beeinflusst oder schlicht krankhaft dargestellt. Die Stadt Goethes, Schillers, Wielands und Herders, so stellt man als Nachgeborener erschüttert fest, war in dieser Zeit eine Hochburg des Nationalsozialismus. Hitler hat sich dafür ja auch bedankt und der Stadt jenes „Gauforum“ geschenkt, das auf 40.000 Quadratmetern vorführt, wie die Nazis Klassizismus ins Monströse gesteigert haben.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Die Nazis und die Bauhaus-Gegner haben verloren, das Bauhaus mit seinem Schwung in die Moderne hat die Zeit danach vielfach befruchtet. Nach dem Besuch in diesem Museum versteht man besser: Der Spaß am Leben, die Lust an der Form, der Drang zum Neuen, all das Positive und Leichte, für das das Bauhaus steht, haben gewonnen. Auch in der Bauhausstadt Krefeld.

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