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Barbara Schwahn ist Superintendentin des Kirchenkreises Krefeld-Viersen

Evangelische Kirche : „Ich bin im Herzen Lutheranerin“

Wir sprachen mit Barbara Schwahn über Zwingli im Kino, Luther heute und die Frage, wo ihr das Herz aufgeht.

Nun sind Sie Chefin vom Kirchenkreis. Gibt es Dinge, vor denen Sie Angst haben, und sei es, dass es ein paar Grad kälter wird?

Schwahn Angst habe ich nicht, nur Respekt vor der Aufgabe. Und dass man sich auch unbeliebt macht, wenn man Dinge voranbringen will, gehört dazu.

Wie sind Sie zum Thema Kirche und Glauben gekommen?

Schwahn Ich wurde von klein auf kirchlich sozialisiert. Meine Eltern hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb. Sie sind in der Landeskirche und in der landeskirchlichen Gemeinschaft, also in etwas frömmeren Kreisen, aktiv gewesen, so dass ich das ganze Spektrum mitbekommen habe.

Dann haben Sie Theologie studiert, das ist ja noch einmal ein Schritt.

Schwahn Ich habe mir auch andere Sachen überlegt. Es hätte auch Jura, Medizin oder Musik werden können. Ich habe in der Oberstufe sehr intensiv Cello gespielt, durchaus mit dem Blick darauf, Musik zu studieren und ins Orchester zu gehen. Aber dann war es irgendwann die Theologie.

Was gab den Ausschlag?

Schwahn Kann ich nicht genau sagen. Es hat mich am meisten gepackt. Theologisch würde man sagen: Es war der Heilige Geist (lacht).

Sie sind promoviert, worüber haben Sie Ihre Arbeit geschrieben?

Schwahn Ich habe nach einer Zeit in Tübingen in München bei Prof. Pannenberg im ökumenisch-theologischen Bereich studiert. Dabei berichtete er auch aus dem ökumenisch-theologischen Arbeitskreis, der jetzt für Schlagzeilen gesorgt hat, weil er gesagt hat, Katholiken und Protestanten könnten aufgrund der theologischen Lage gemeinsamen Abendmahl feiern. Über diesen Kreis und die Entwicklung seiner Arbeit seit seiner Gründung nach dem Krieg habe ich eine Arbeit geschrieben. Dieser Kreis hat sehr früh Ansätze für eine Verständigung in allen einschlägigen ökumenisch brisanten Fragen gefunden, wie dem Abendmahl oder auch dem ordinierten Amt.

Pfarrer als Beruf: Hatten Sie nie Sorge, dass Sie quasi rausrasseln aus Theologie und Kirche und eines Morgens aufwachen und denken: Alles Unsinn und Einbildung, es gibt keinen Gott?

Schwahn Nein, ich habe diese Angst nie gehabt, obwohl ich durchaus auch Zeiten kenne, in denen ich dachte: Hm, und wenn das alles nur ein Denkgebäude ist und nicht stimmt? Ich muss sagen, dass ich in solchen Situationen immer sehr viel Halt in meiner Kirche hatte. Ich halte sehr viel von Stellvertretung im Glauben in der Kirche. Es gab gerade gegen Ende des Studiums Zeiten vor allem in den wunderbaren lutherischen Gottesdiensten in Bayern, in denen ich dasaß, einen Psalm zwar selbst nicht mitbeten konnte, aber die Liturgie erleben konnte und dachte, gut, jetzt stelle ich mich in den Glauben dieser Kirche.

Wir stehen kurz vor dem Reformationstag. Ist Luther ein Fremder für uns, weil er aus einer Zeit spricht, in der Kirchen- und Glaubensfragen persönlich und politisch große Wucht hatten, während heute die Kirche mit schwindender Wahrnehmung und Bedeutung zu tun hat?

Schwahn Es gibt einen neuen Kino-Film über das Leben des Schweizer Reformators Zwingli, der deutlich macht, worum es geht. Das, was heute ganz aktuell ist am Reformationsgeschehen, ist die Frage, was wesentlich zur Kirche gehört und was sich angelagert hat, was also mit dem Ursprünglichen nicht mehr so viel zu tun hat, sondern es sogar verdeckt. Für mich bleibt die Aufgabe von Reformation: Lass uns darauf konzentrieren, was wesentlich ist und dem Leben dient. Alles andere kann sich und muss sich vielleicht auch verändern. Mein Eindruck ist auch, dass das der Punkt ist, an dem wir heute stehen. Kirche wird ja nicht für das kritisiert, was wesentlich an ihr ist, für ihren Glauben oder für die Seelsorge, sondern für andere Dinge. Missbrauch oder Umgang mit Geld etwa.

Gibt es im kirchlichen Leben etwas, wo sich Ihr Herz besonders erwärmt?

Schwahn Beim Stichwort herzerwärmend fallen mir alle seelsorgerliche Begegnungen ein; jede Begegnung, in der wir merken: Da verändert sich etwas, da wird jemand aufgefangen. Auch da kann man theologisch wieder sagen: Da wirkt der Heilige Geist. Das rührt mich immer wieder an, und an diesen Stellen wird Kirche ja auch am meisten wertgeschätzt, dort würde keiner sagen: Wir brauchen Kirche nicht mehr.

Gibt es etwas, das Sie bei Luther rührt und packt?

Schwahn  Ich bin Lutheranerin in meinem Herzen, weil Luther durch seinen neu entdeckten Glauben im Sinne von Vertrauen von einer Freiheit beseelt war, die ihn auch gelassen gegenüber bestimmten Dingen sein lassen konnte. Weil er erkannt hatte, dass allein der Glaube an Gott zentral ist, konnte er sagen, wir beten weiter zu Maria, schlagen das Kreuz, haben wunderbare Gemälde in der Kirche, das kann alles sein, so lange ich weiß, dass nur mein Glaube entscheidend ist. Aus dieser Freiheit heraus lassen die Lutheraner mehr Musik, mehr Bilder, mehr Festlichkeit im Gottesdienst zu. Da geht mir das Herz auf.

Gibt es Ziele und Projekte, die Sie angehen wollen?

Schwahn  Die zentrale Aufgabe wird es sein, dass die Gemeinden und Dienste, auch wenn sie kleiner werden, sich so aufstellen und profilieren, dass sie wahrgenommen werden und zum Ausdruck bringen: So wollen wir glauben, hier schlägt unser Herz. Strukturell müssen wir sehen, wie wir unsere Ressourcen bündeln, ob und wie wir Regionen bilden.

Das erinnert an die Gemeinschaft der Gemeinden, die die Katholiken gebildet haben.

Schwahn Ja. Wir brauchen in einem Kirchenkreis, der so weit verzweigt ist, die Zusammenarbeit von Gemeinden, so dass nicht jede Gemeinde alles machen muss. Die eine hat den Schwerpunkt bei der Konfirmandenarbeit, die andere bei Seniorenarbeit, und so weiter.

Bei den Katholiken sind die Probleme brennend, vor allem was den Pfarrermangel angeht. Bei den Protestanten auch?

Schwahn Im Prinzip ja. Die Gläubigen werden weniger, das Geld auch, und Mitte der 20er Jahre wird es eine Pensionierungswelle bei den Pfarrern geben. Dann werden wir erleben, dass Pfarrstellen nicht mehr ohne weiteres besetzt werden können.

Der Zölibat wird gern für den Pfarrermangel auf katholischer Seite verantwortlich gemacht. Doch auch bei den Evangelischen gibt es immer weniger Theologiestudenten.

Schwahn Ja. Zu meiner Zeit haben viele Theologie aus Motivationen studiert, die nicht rein religiös begründet waren. Da waren Naturschützer, Menschenrechtler, Friedensbewegte, philosophisch Begeisterte, Leute eben, die die Welt voranbringen wollten. Heute studieren solche Leute nicht mehr Theologie, sondern vielleicht Psychologie.

Man kann den Eindruck haben, dass viele Pfarrer ihren Beruf quasi unintellektuell ausüben, weil sie irgendwann aufhören, Theologie zu betreiben und zum Beispiel überhaupt noch Fachliteratur lesen. Richtiger Eindruck?

Schwahn Das kann man nicht pauschalisieren. Es gibt den Typ, der nach dem Studium sagt: Jetzt kommt endlich das Eigentliche, die Gemeindearbeit. Und es gibt den akademisch-theologisch Begeisterten, der so in der Theologie gefangen ist, dass er in der Gemeinde Probleme hat, konkret zu werden. Ich habe beides nie verstanden. Beides gehört zusammen.