Krefeld: "Autoverkehr wird Händler nicht retten"

Krefeld: "Autoverkehr wird Händler nicht retten"

Es sind neue Töne, die nicht nur für Uerdingen interessant sind: Erreichbarkeit mit dem Auto gilt der Interessengemeinschaft Oberstraße nicht als Allheilmittel gegen Leerstand. Sie setzt auf Flair und besondere Angebote.

Dieses Experiment ist spannend: Jahrelang hat die Uerdinger Oberstraße mit Leerständen für Negativschlagzeilen gesorgt. Nun schicken sich Anwohner, Unternehmer und Einzelhändler an, die Wende zu schaffen. Was aufhorchen lässt: Die Öffnung der Straße für den Autoverkehr lehnen die Mitglieder der kürzlich gegründeten "Interessengemeinschaft Oberstraße" (wir berichteten) ausdrücklich ab: "Der Autoverkehr wird den Einzelhandel nicht retten", sagt Feddo Loer, der sich mit einem ungewöhnlichen Geschäft zur Pflege historischer Nähmaschinen an der Oberstraße angesiedelt hat. Und Andreas Zühlke ergänzt: "Man muss die Leute bei den Emotionen packen. Die Oberstraße ist nicht tot. Da tut sich durchaus etwas."

Treffen in einem Geschäft fast wie ein Museum (v.l.): Madleen und Marion Siemer, Andreas Zühlke, Karl-Heinz Eiberg, Feddo Loer und Monika Eiberg von der Interessengemeinschaft Oberstraße im Geschäft von Feddo Loer. Er repariert und pflegt historische Nähmaschinen. Foto: Thomas Lammertz

Der Tiefpunkt war vor drei Jahren erreicht, berichtet Karl-Heinz Eiberg, der sich mit seiner Frau Monika um die Dekoration leerstehender Schaufenster kümmert, damit das Straßenbild nicht trist wirkt. Damals hätten zehn Geschäfte leergestanden. Heute sind es noch fünf. Der Optimismus, dass es weiter aufwärtsgeht, ist wohlbegründet. "Es findet ein Generationswechsel statt", sagt Zühlke. Häuser würden verkauft, neue Besitzer ziehen ein und fangen an zu investieren. Zühlke selbst ist ein Beispiel: Er ist Fotograf, seine Frau bildende Künstlerin; beide wollen ihr Haus umgestalten, ein Atelier einrichten und die Räume so herrichten, dass dort regelmäßig Ausstellungseröffnungen stattfinden können. So hoffen Zühlke und seien Mitstreiter, dass sich der Investitionsstau Haus um Haus auflöst.

Die Debatte um die Öffnung für den Autoverkehr hatte aus Sicht der IG-Aktiven klärende Kraft. "Seit März wurden 1400 Unterschriften für die Beibehaltung als Fußgängerzone gesammelt", berichtet Marion Siemer. Zühlke ergänzt, es habe sich herausgestellt, dass es so etwas wie Freunde der Oberstraße gibt. Er selbst ist überzeugt, dass man die Straße im Ganzen der Uerdinger Altstadt sehen müsse: Die Entschleunigung ist aus seiner Sicht prägend für die Atmosphäre. Die Öffnung der Straße für Verkehr "wäre keine sinnvolle Variante für die Entwicklung Uerdingens". Stattdessen setzen er und seine Mitstreiter darauf, das Straßenbild aufzuhübschen und besondere Geschäfte anzusiedeln, Geschäfte wie das von Feddo Loer. Sein Nähmaschinen-Service wirkt auf den ersten Blick wie ein Museum; Loer gehört deutschlandweit zu einer kleinen Zunft von Spezialisten für historische Nähmaschinen - und es gibt genug Liebhaber, die ihre Schätzchen bei ihm auf Vordermann bringen lassen. "Kunden kommen gezielt zu mir", sagt er, will sagen: Er ist nicht auf Laufkundschaft angewiesen. Darin sieht auch Zühlke die Zukunft der Oberstraße: besondere Geschäfte, besondere Angebote handwerklich-künstlerischer Natur, die Kunden gezielt aufsuchen.

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Die Aufhübschung der Oberstraße hat begonnen. Erste Aktion: Mit Blumen ausstaffierte Jeanshosen säumen die Straße; weitere Blumenkästen sollen folgen. "Matthias Melcher hat sich bereiterklärt, die Pflanzen zu stiften", sagt Zühlke. Wo ein Aufbruch ist, stellt sich eben auch Hilfe ein. Im zauberhaften "Klöske" werden regelmäßig Kammerkonzerte stattfinden. Am 8. Juni, 20 Uhr, ist in der Kingslounge-Cocktailbar ein Konzert von "The Viersche Ratpack", die zu Swing und Entertainment einladen und an das legendäre Ratpack mit Frank Sinatra, Sammy Davis Jr. und Dean Martin erinnern.

Und für den 2. September ist ein Straßenfest geplant - mit Freiluftgottesdienst, diversen Handwerkern und anderen Angeboten. "Das wird eine lebendige Veranstaltung", verspricht Zühlke. Ihm ist wichtig, dass die Kirche mitzieht. Wie berichtet, hat die St.Nikolaus-Gemeinde auf der Oberstraße ein Haus gekauft und richtet dort ein Pfarrzentrum ein, in dem Veranstaltungen für bis zu 180 Personen stattfinden können. Auch dies wird zur Belebung der Oberstraße beitragen.

(RP)
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