Krefeld: Autohändler-Mörder: noch mehr Taten?

Krefeld : Autohändler-Mörder: noch mehr Taten?

Der 45-jährige Fred W., der am 19. Mai in Krefeld einen türkischen Autohändler getötet haben soll, hatte auch Autohändler in Mönchengladbach und Düsseldorf ausspioniert. Außerdem wird er verdächtigt, in Belgien einen weiteren Autohändler getötet zu haben.

Zweieinhalb Monate nach der Festnahme des Tatverdächtigen auf Mallorca, wo er bei einer Freundin untergetaucht war, führen die Ermittlungsergebnisse der Polizei wahrscheinlich sogar zur Exhumierung des getöteten Krefelder Autohändlers in der Türkei. Ein entsprechender Rechtshilfeantrag wurde von der Staatsanwaltschaft gestellt.

Bislang wurde davon ausgegangen, dass das Opfer in Krefeld durch einen Schlag auf den Kopf getötet wurde, der ein Hirnbluten ausgelöst hatte. Am Tatort war unter einem Schrank eine Patronenhülse gefunden worden, die zunächst keinen Bezug zu haben schien, da weder Schmauchgeruch vorhanden war, noch ein Projektil gefunden werden konnte.

Im Auto des Tatverdächtigen, das er bei seiner Flucht am Flughafen in Dortmund zurückließ, fand die Polizei neben anderem Beweismaterial eine Pistole Kaliber 7.65 Millimeter und einen Revolver Kaliber 6.35 Millimeter sowie einn selbstgebauten Schalldämpfer. Es stellte sich heraus, dass die Hülse vom Tatort aus dieser Waffe abgefeuert worden war.

Untersuchungen eines Neuropathologen an Gewebematerial aus dem Kopfbereich des Opfers ergaben Hinweise auf Knochenabsplitterungen, die die Hirnblutung ausgelöst haben (nicht etwa ein Aneurysma, wie es bei einem Schlag der Fall gewesen wäre). Die Rechtsmedizin geht nun davon aus, dass ein Schuss in den geöffneten Mund des Opfers abgefeuert wurde, in der Schädelbasis stecken blieb und die Knochenabsplitterung verursachte. An der Mündung des Schalldämpfers wurden DNA-Spuren des Opfers gefunden, die auf einen aufgesetzten Schuss hindeuten.

Eine vergleichbar außergewöhnliche Fallkonstellation dürfte es in der Geschichte der Rechtsmedizin noch nicht gegeben haben, sagten Staatsanwaltschaft und Polizei bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Donnerstag. Es sei davon auszugehen, dass das Opfer gefesselt wurde, ihm auf den Kopf geschlagen wurde und anschließend in den Mund geschossen wurde.

Da nach dem aktuellen Sachstand davon auszugehen sei, dass sich das Projektil noch im Schädel des Opfers befindet, wurde von der Staatsanwaltschaft Krefeld ein Rechtshilfeantrag auf Exhumierung des Toten in der Türkei gestellt.

Doch der Fall scheint sich noch weiter auszudehnen.

In seinen ersten Verhören hatte der Tatverdächtige bereits vier bewaffnete Raubüberfälle 1990 und 1995 in Preetz und Wuppertal gestanden. Die bei der Tat in Krefeld verwendete Pistole 7.65 Millimeter benutzte er schon 1995 bei einem Banküberfall.

Im Zusammenhang mit dem Mord an dem türkischen Autohändler in Krefeld räumte der 45-Jährige ein, weitere Autohändler in Mönchengladbach, Düsseldorf und Belgien ausspioniert zu haben.

Die Ermittlungen ergaben, dass am 30. November 2007 in Schilde/Belgien ein Autohändler in seinem Büro erschossen wurde. Laut Aussage der belgischen Behörde war der Autohändler in der Mittagszeit von einem Täter in seinem Büro aufgesucht worden, der ihm zunächst in den Rücken schoss. Während ein weiterer Schuss neben dem Opfer in den Boden drang, wurde der Mann mit einem Schuss in die Stirn getötet. Bargeld war nicht entwendet worden, aber ein Koffer mit Autoschlüsseln. Anschließend hatte der Täter ein Feuer gelegt, das allerdings nur wenig Schaden verursachte.

Ein beim Bundeskriminalamt durchgeführter Vergleich der Hülsen und Projektile vom Tatort ergab, dass der belgische Autohändler zweifelsfrei mit der Waffe des hiesigen Tatverdächtigen erschossen wurde. Der Tatverdächtige, dem nunmehr vorgeworfen wird, zwei Autohändler erschossen zu haben, bestreitet die Tat.

Er behauptet, die Waffe einem unbekannten, nicht zu ermittelnden Holländer verkauft zu haben, der beide Tötungen begangen haben soll. Bei der Tat in Krefeld will er für den "Unbekannten" Schmiere gestanden haben. Als er einen Schuss hörte, sei er hingelaufen. Der Täter sei schon weg gewesen und er habe das blutenden Opfer auf dem Boden gefunden. Er habe das Opfer angefasst und so seine DNA-Spuren an ihm hinterlassen.

Zu seinem Erstaunen habe er "seine" Waffe neben dem Opfer gefunden und diese mitsamt einem Laptopkoffer mitgenommen, der dort stand. Darin befand sich ein Notebook und eine Fotokamera, die beim Opfer entwendet wurde, sowie der von ihm selbst gebaute Schalldämpfer. Er nahm alles mit und flüchtete mit dem Fahrrad. Von der Mordkommission durchgeführte Schusstests am Tatort ergaben, dass er von seinem angeblichen Standort den Schuss mit Schalldämpfer gar nicht hätte hören können.

Anhaltspunkte dafür, dass tatsächlich eine weitere Person beteiligt war, konnten trotz intensiver Ermittlungen nicht festgestellt werden. Es liegen eine Reihe von Beweisen vor, die belegen, dass es den angeblichen Holländer gar nicht gibt und der Tatverdächtige sich eine Geschichte zurechtlegte, um nicht wegen Mordes belangt zu werden, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilen.

Wie Gerd Hoppmann, Leiter der Mordkommission, sagte, gäbe es Anhaltspunkte dafür, dass der Tatverdächtige weitere Straftaten im In- und Ausland begangen haben könnte, zu denen aber wegen der laufenden Ermittlungen keine weiteren Angaben gemacht werden könnten.

Der 45-jährige Fred W. stammt gebürtig aus Schleswig-Holstein und ist in Kiel aufgewachsen. Der Kraftfahrzeugmeister lebte einige Jahre in der Türkei und in Spanien, wo er selbständig im Bootsgewerbe tätig war. Seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder zogen nach einer Trennung vor einigen Jahren nach Belgien.

Seitdem lebte Fred W. bei seiner Freundin auf Mallorca, flog aber fast wöchentlich nach Deutschland und fuhr dann mit dem Auto nach Belgien, um die Familie zu besuchen. Niemand ahnte etwas von seinem Doppelleben.

Zuletzt nutzte Fred W. insbesondere einen roten Opel Vectra und einen dunkelblauen älteren Mercedestransporter MB 100 in Deutschland, Belgien und den Niederlanden. In Deutschland bewegte er sich insbesondere zwischen NRW und Schleswig-Holstein aber auch im süddeutschen Bereich.

Personen, die verdächtige Beobachtungen im Zusammenhang mit dem Mann oder den Fahrzeugen gemacht haben, werden gebeten, sich mit der Mordkommision in Krefeld oder jeder anderen Polizeidienststelle in Verbindung zu setzen. Von Interesse sind auch Kontakte zu anderen Personen außerhalb der Familie. Hinweise an die Polizei unter Telefon 02151-6340.

(rpo)
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