Ausstellung in Krefeld: Explosive Kunst im Staatszirkus

Ausstellung in der Pförtnerloge : Explosive Kunst im Staatszirkus

Die Künstler Sven Vieweg und Laas Abendroth schlüpfen in die Rolle von Clowns. Als Akteure im Staatszirkus entpuppen sie sich eher als Freunde der Eulenspiegelei. Ab Freitag lädt das Duo zu Vorstellungen in die Pförtnerloge der Fabrik Heeder. Doch Achtung: Das gesellschaftskritische Programm birgt jede Menge Sprengstoff.

Die Lunte brennt. Dynamit oder Feuerwerk, das ist noch unklar. Die Antwort gibt es nach der Zündung. Und bis dahin dürfen sich die Besucher des Staatszirkus’ Soll in Vermutung ergehen. Endet die Vorstellung mit Blut und Tränen oder mit Lachen und Freude? Die Fragen bekommen umso mehr eine Bedeutung, wenn der Staatszirkus zum staatlichen Zirkus – sprich zu einem Gemeinwesen wird, in dem die Akteure (Regierungen) den Besuchern (Volk) nurmehr etwas vorspielen. Etwa die Mär von der Chancengleichheit. Wer arm ist, bleibt in der Regel arm – jedenfalls in Deutschland. Die fehlende Durchlässigkeit liegt im System. Etwa im Bildungssystem, wie die neueste Pisa-Studie unterstreicht. Die guten Abschlüsse machen in der Republik diejenigen, deren Eltern schon Akademiker sind.

Das Künstlerduo Laas Abendroth und Sven Vieweg bespielen ab Samstag mit ihrer Kunst die Pförtnerloge der früheren Tapetenfabrik Heeder an der Virchowstraße. Die Ausstellung ist die erste „raumbezogene Installation“ der beiden Schulfreunde aus Mülheim an der Ruhr. Zu sehen ist ein überdimensionales Plakat, auf dem zwei Clowns abgebildet sind. Der eine wirft einen Sprengsatz mit der Aufschrift Quittung, und der andere scheint erschrocken über die Aktion und fürchtet sich vor der Konsequenz. Als zweites Exponat steht ein kleines Zirkuszelt mit geschätzt 50 Zentimeter Durchmesser und 30 Zentimeter Höhe auf dem Fußboden. Aus dem Innern ist Lachen und Musik zu hören.

Laas Abendroth (links) und Schulfreund Sven Vieweg bilden das Künstlerduo Soll. Foto: Norbert Stirken

Die Proportionen scheinen aus dem Gleichgewicht geraten. Ein riesiges Plakat, aber ein winziges Zelt. Abendroth und Vieweg dekonstruieren die Wirklichkeit. Die Verschiebung verzerrt die Sicht auf die Dinge. Wie im richtigen Leben. Der Kunstbetrachter bleibt außen vor. Ihm ist der Zugang ins Zelt versperrt. Er ist zu groß, um ins Zelt als Zentrum der Ausgelassenheit und Lebensqualität zu kommen. Er hört nur davon und bekommt eine Ahnung, wie andere den Alltag gestalten – unbeschwert und ausgelassen. Sie machen sich offenbar keine Sorgen um Morgen. Darum, ob am Ende des Monats noch Geld auf dem Konto ist.

Ein riesiges Plakat an der Wand der früheren Pförtnerloge der Fabrik Heeder kündet von einer Vorstellung des Staatszirkus. Die Clowns liefern das Hauptprogramm. Foto: Norbert Stirken

Die Arbeit des Künstlerduos Soll ist auf jeden Fall politisch. Sie ist gesellschaftskritisch, metaphorisch, verspielt. Wer bekommt hier eigentlich die Quittung für was? Der Staat für seine Ungerechtigkeit und dafür, dass die Schere zwischen Wohlstand und Armut immer weiter aufgeht. Oder die Resignierten, die sich mit den Gegebenheiten schon lange abgefunden haben und lieber in dritter Generation Hartz IV beziehen, statt sich zu engagieren. Soll heißt Soll, weil das Duo im Gründungsjahr 1998 in der Spalte Haben eher nichts Pekuniäres vorzuweisen hatte, berichtet Vieweg.

Abendroth hat die Staatliche Kunstakademie übersprungen und arbeitet seit dem Jahr 1992 freiberuflich als Musiker und mittlerweile hauptsächlich als Bildender Künstler. Er ist 1967 in Mülheim an der Ruhr geboren, lebt und arbeitet immer noch dort. Doch seine im heimatlichen Atelier entstandenen Arbeiten sind weltweit unterwegs, ob in Kalkutta, Sao Paulo, Chicago, Istanbul und Rom oder näher dran wie in Berlin, Nürnberg, Würzburg, Wiesbaden, Köln, Düsseldorf und Oberhausen – doch bisher nie in Krefeld.

Vieweg gründete während des Grafik-Design-Studiums in Düsseldorf 1995 die Künstlergruppe „tausendmeister“, die bis 2000 existierte und zahlreiche Ausstellungen und Performances realisierte. 1998 fanden die beiden zum Duo Soll zusammen. Ihre Arbeit begann mit Tonaufnahmen als künstlerische Editionen. Bislang sind sieben Multiples unter dem Namen Soll erschienen. Zu ausgewählten Aufnahmen entstehen Videos und Animationen, die auch bei ihren Live-Auftritten projiziert werden.