Ausstellung in Krefeld: Als in den Museen die Korsetts fielen

Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld : 1900: Als im Museum die Korsetts fielen

Das Kaiser-Wilhelm-Museum zeigt Reformkleider. Die opulente Schau „Auf Freiheit zugeschnitten“ zeigt das Künstlerkleid um 1900 als Revolution für Mode, Kunst und ein neues Körperbewusstsein. Die Befreiung der Frauen begann mit der Befreiung vom Korsett – Krefeld war dabei maßgebend.

Im August 1900 erfuhren moderne Krefelderinnen, was in den kommenden Jahren en vogue werden würde, nicht aus Modejournalen, sondern aus dem Museum. Friedrich Deneken, Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Museums (KWM), zeigte die erste Ausstellung künstlerischer Reformkleider in Deutschland. Es war der Beginn einer Revolution, die nicht nur das Ende der weiblichen Wespentaille bedeuten würde, sondern einen gesellschaftlichen Umbruch. Mit den eng geschnürten Korsetts, die immer klarer als gesundheitsgefährdend erkannt wurden, fiel auch das tradierte Frauenbild. Die Dame des Hauses war nicht mehr länger eingeengt, auf die häuslichen Salons begrenzt und schmückend. Sie wurde selbstbewusst, ging in die Öffentlichkeit, trat für ihre Selbstbestimmung ein. Zwischen1900 und 1914 entwickelte sich außerdem ein neues Verständnis von Kunst, neue Disziplinen entstanden.

Diesen bewegten Zeitraum deckt die Ausstellung „Auf Freiheit zugeschnitten. Das Künstlerkleid um 1900 in Mode, Kunst und Gesellschaft“ ab, die heute um 19.30 Uhr im KWM eröffnet wird. Sie dockt thematisch an Denekens richtungsweisende Schau an und hat entsprechenden Stellenwert. Damals betonte der Gesamtkünstler Henry van de Velde: „Von heute an sind Ausstellungen von Damen-Kleidern in die Kategorie der Kunst-Ausstellungen eingereiht.“

Künstlerin Anna Muthesius auf einer Fotografie von 1909. Foto: Rudoplf und Minya Dührkoop / Repro: ped

Deneken, der in Europa bestens vernetzt war, setzte vor 118 Jahren ein Zeichen für ganz Deutschland. Und für die jetzige Schau gilt: Sie ist die erste, die umfassend die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Kunst, Mode, Fotografie und Tanz in der Reformbewegung interdisziplinär darstellt. Der 300 Seiten starke Katalog zur Ausstellung wird ein Standardwerk zum Thema werden, davon ist Magdalena Holzhey überzeugt. Sie kuratiert gemeinsam mit Ina Ewers-Schultz eine prachtvolle Zeitreise.

Das Museum hat sich in seine Entstehungszeit zurückverwandelt. In den Räumen sind architektonische Salons entstanden, Themenzimmer die mit Kleidern, Tapeten, Interieurs, Kunst und Alltagsgegenständen Zeitgeist spiegeln. Das ist keine Moden-Schau, sondern stellt das Kleid als kulturelles Phänomen in einer Umbruchzeit aus.

Van-de-Velde-Raum mit Mode, Entwürfen, Tapete. Der Stuhl ist aus dem Wohnhaus des Künstlers. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Es waren nicht die Couturiers, die das „Reformkleid“ entwarfen, sondern Künstler. Schnittformen, die Schultern und Taillen Bewegungsfreiheit einräumten, waren Teil einer neuen Ästhetik, eines umfassenden Kunstbegriffs, in dem von der Architektur über das Design der Alltagsgegenstände bis zur Kleidung alles passte. Der Gedanke des Gesamtkunstwerks im Jugendstil ist selten begreifbarer gezeigt worden. Schön ist zu sehen, wie sich Tapeten, Teppiche und Kleiderstoffe aufeinander beziehen. „Ganz lebendig werden diese Interieurs erst, wenn sich dekorativ gekleidete Frauen darin bewegen“, war dazu 1911 die Auffassung von Karl Scheffler. Anna Muthesius hatte zu dieser Zeit bereits die Ideologie des „Eigenkleides“ vertreten. Ein Kleid müsse individuell auf Teint, Haar und Figur der Trägerin abgestimmt sein. Sie vertrat den Typus der modernen Frau, die sich weder geistig noch körperlich einengen ließ und selbst bestimmte, wie sie sich inszenierte. Frauen wie Maria van de Velde, Emilie Flöge, die Lebensgefährtin von Gustav Klimt, und Sonia Delauny haben echte Blickfänge kreiert.

Die Ausstellung lebt von kostbaren Leihgaben aus namhaften Museen und privaten Sammlungen. Ein Originalmantel von Paul Poiret, eine Originalbluse von Virgina Woolfs Schwester oder Teekleid-Besätze und dazu passend die Entwurfszeichnungen von van de Velde: Es gibt etliche Originale, auch originalgetreue Nachbildungem, die mit Gemälden, Fotografien und Film ergänzt werden. „Solche kostbaren Leihgaben hätten wir vor der Sanierung niemals bekommen“, sagt Holzhey.

Fotografie gewinnt für die Künstler jener Zeit an Bedeutung, für Frauen ist sie ein willkommenes Medium, ihre neuen Freiheiten zu dokumentieren. Sie treiben Sport — und Tanz erlebt als Kunstform eine neue Ausdrucksvielfalt, dank der neuen Kleider. Isadora Duncans Tanzästhetik wäre ohne die Reformkleider und die Kleiderreform undenkbar gewesen.

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