Ausstellung "Erinnerung lernen" in der Krefelder Villa Merländer

Ausstellung: An Schicksalen Erinnerung lernen

In der Villa Merländer in Krefeld und im ukrainischen Kremenets wurde zeitgleich eine Ausstellung eröffnet, die an die Nazi-Gräuel in Osteuropa erinnert. Zur Eröffnung von „Erinnerung lernen“ kam auch der Zeitzeuge Herbert Rubinstein.

Erinnerung setzt sich zusammen aus persönlichen Erfahrungen. Was passiert, wenn es einmal niemanden mehr gibt, der von seinen eigenen Erlebnisse aus der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte berichten kann? Dann muss man Erinnerung lernen. Die NS-Dokumentationsstelle in der Villa Merländer zeigt seit gestern eine Ausstellung, die unter dem Titel „Erinnerung lernen“ genau das will: Wach halten, was nicht vergessen werden darf.

„Wir haben in Deutschland eine besondere Erinnerungskultur entwickelt für die Zeit des Nationalsozialismus. Das ist nicht unumstritten“, sagte Bürgermeisterin Gisela Klaer am Donnerstag bei der Eröffnung. Umso wichtiger sei ein Haus wie die Villa Merländer, das kein grauseliger Ort sei, aber die Schnittstelle für die Lebenswege zweier Menschen mitten aus Krefeld, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden: der Kaufmann Richard Merländer und der Künstler Heinrich Campendonk. „Erinnerung lernen“ ist die erste Wechselausstellung, die Sandra Franz als Leiterin der Dokumentationsstelle ins Haus holte. Eine Ausstellung, die ihr am Herzen liegt. Sie setzt den Schwerpunkt auf die Verfolgten in Osteuropa. In der Ukraine sind mehr als 1,8 Millionen jüdischer Menschen umgebracht worden. „Die Pflicht, auch an diese Opfer zu erinnern, liegt bei uns“, sagte sie. In Zeiten kaum begrenzter digitaler Möglichkeiten gab es gestern sogar eine Live-Schalte ins ukrainische Kremenets,  wo die gleiche Präsentation zeitgleich eröffnet wurde.

Ein privates Foto von Herbert Rubinstein aus seiner Kindheit in Czernowitz. „Es war eine heile Welt“, sagt er. Das Foto ist in der Ausstellung zu sehen. Foto: Petra Diederichs

Texte und Fotografien auf Stellwänden können tief berühren: In der Villa Merländer werden Lebensgeschichten erzählt, Erinnerungen von und an Menschen, die die Gräuel erlebt haben. Einer, der die Zeit überlebt hat, ist der Düsseldorfer Herbert Rubinstein, der zur Eröffnung gekommen ist. Seine Geschichte ist Texttafeln und Fotografien angerissen. 1936 ist er in Czernowitz geboren, der Hauptstadt der Bukowina in der heutigen Westukraine. Rubinstein erinnert sich an eine behütete, schöne Kindheit. „Kulturell, politisch und wirtschaftlich war es ein wichtiges Zentrum der österreichisch-ungarischen Monarchie. In der Kultur vergleichbar mit Wien. Das war noch spürbar. Aber ich bin als Zehnjähriger von dort weg, und die Erinnerung glorifiziert man gerne. Da überwiegen die schönen Momente“, sagt er. Fast liebevoll blättert er in einem Kunstführer von Czernowitz. Berühmte Künstler sind dort geboren, unter anderem Rose Ausländer und Paul Celan. Es war die Gegend, wo Menschen und Bücher lebten, heißt es noch heute in Bukowina.

Zeichnung des ukrainischen Künstlers Sinowi Tolkatchev (1903-1977). Foto: Petra Diederichs
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Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Region zu Rumänien, ab 1939 war sie unter sowjetischer Kontrolle. „Da wurde es schon schwieriger. Auch für ein Kind ist es schrecklich, von einer Demokratie in eine Diktatur gepresst zu werden.“ Die Familie sprach zuhause weiterhin Deutsch, aber in der Schule war Russisch obligatorisch. Jüdische Familien wurden überwacht - und manche verschwanden nach Sibirien. Rubinsteins Vater wurde in die Rote Armee zwangseingezogen.  Im Juli 1941 drang die erste Armee des mit Nazi-Deutschland verbündeten Rumänien in die Stadt ein. Tausende Juden wurden damals umgebracht. Herbert Rubinstein war damals fünf Jahre alt. Die Familie kam ins Ghetto. In Erinnerung ist Rubinstein ein Raum, vollgepfercht mit Menschen, und ein alles überlagernder Kotgestank. Durch einen Zufall, der den Rubinsteins polnische Papiere zuspielte, wurde die Familie im letzten Moment aus dem Deportationszug herausgeholt. 50.000 Menschen aus dem Ghetto hatten weniger Glück. Aber den Rubinsteins war es in allem Elend immer wieder mal hold. Ein ehemaliger Auschwitz-Häftling, berichtet Rubinstein in der Ausstellung, hatte bei ihnen Unterschlupf gefunden. Er ermöglichte ihnen die Flucht nach Amsterdam: Als Zehnjähriger hatte Herbert Rubinstein erstmals wieder das Gefühl, sicher zu sein - unbeschwertes Kind sein zu dürfen.

So unterschiedlich die Schicksale auf den Textwänden sind, sie gehen nahe: In einer Biografie kommt in 20 Sätzen zigmal „erschossen“ vor. Es tauchen Familien, von denen niemand überlebte. Bewegend ist auch das Schicksal der Dichterin Debra Vogel, die poetische Texte in Jiddisch verfasste. Im August 1941 wurde sie im Lemberger Ghetto zusammen mit 15.000 anderen Juden getötet. Ihr Freund, der Maler Henryk Streng, hat ihre Überreste später bei Aufräumarbeiten gefunden.

Am 3. Oktober wird in der Ausstellung in der Villa Merländer, Friedrich-Ebert-Straße 42, der Film „Ich war hier gezeigt“, dazu gibt es ein Gespräch mit Herbert Rubinstein. Ausschnitte aus dem Film können in der Ausstellung mit einem  QR-Code  angesehen werden.

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