Ausstellung der AKD im Deutschen Textilmuseum

Deutsches Textilmuseum : Antike Textilien inspirieren Künstler

Historische Stickmuster auf Plastiktüten, eine schwebende Mauer oder Halskragen aus Kulis: 22 Künstler haben sich von Sammlungsstücken des Textilmuseums anregen lassen. Eine Ausstellung zeigt spannende „Reflexionen“.

Nofretete hat teures Geschmeide getragen. Hätte die ägyptische Königin nicht im 14. Jahrhundert vor Christus gelebt, sondern heute und die Probleme mit dem Plastikmüll im 21. Jahrhundert gekannt, vielleicht hätte sie ihren Halsschmuck aus Wegwerf-Kugelschreibern oder Eislöffelchen gewählt. Nofretete-Kragen aus Kunststoffmüll haben sich Monika Bergrath, Susanne Gautzsch-Mautendorfer und Heike Reul ausgedacht. Sie sind drei von 22 Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk am Niederrhein (AKD), die vom 24. Juni bis zum 9. September 2018 ihre Arbeiten im Deutschen Textilmuseum zeigen. „Reflexionen — Kunsthandwerk trifft Textilmuseum“ heißt die Ausstellung. Das Besondere: Die Künstler und Kunsthandwerker haben sich inspirieren lassen von den antiken Textilien aus der Sammlung des Museums.

Schon lange hat Museumsleiterin Annette Schieck den Wunsch gehabt, mit zeitgenössischen Künstlern zu arbeiten. Da war die AKD gerade richtig. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten sich bundesweit diese Gemeinschaften als Wirtschaftsfördervereine für Klein- und Kleinstbetriebe. Heute werden vor allem Designer und Handwerksmeister in die AKD aufgenommen.

Angelika Hansen (r.) präsentiert Keramik mit Mustern antiker Stoffe. Neben ihr Nilufar Badiian (l.) und Museumsleiterin Annette Schieck. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Für 22 AKD’ler, zehn von ihnen sind Träger des „Manufactum“-Staatspreises für Kunsthandwerk, hat Schieck die Schränke und Schubladen des Museumsarchivs geöffnet. „Damit knüpfen wir an die ursprünglichen Aufgaben unserer Sammlung an, die damals den angehenden Textilgestaltern als Inspirationsquelle diente“, sagt Schieck. Sie war erstaunt, dass die Künstler binnen Minuten ihre Entscheidungen für ein Stück trafen, das sie inspirierte. „Es waren vor allem Objekte, die Spuren von menschlicher Nutzung hatten, also durchaus auch zerstörte Textilien.“

„Reflexionen - Kunsthandwerk trifft Textilmuseum“ heißt die Ausstellung. Christof Ludwig hat sich vom traditionellen Nähkästchen inspirieren lassen und einen mannshohen Schrank gebaut, der mit Garnspulen, Zwirnrollen und Accessoires bestückt ist - eine Fundgrube nicht nur für Nostalgiker. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

In der Ausstellung treffen 45 Objekte aus der Sammlung auf 88 neue Kreationen. Es geht durch alle Epochen und Kulturen. Ägypten, Asien, Persien und die Mode sind die großen Themen, zu denen künstlerisch gearbeitet wurde. Manche Werke sind ganz nah an der historischen Vorlage, andere sehr frei in ihrer Interpretation. Nilufar Badiian hält in ihrer Arbeit die historischen Techniken ihrer iranischen Heimat lebendig. Für die Schau hat sie traditionelle Muster der persischen Textilgeschichte aufgegriffen wie die blauen Spitzovale, die von Gold umrandet werden, den Vogel mit den Blüten. Sie hat die Muster auf transparente selbstgewebte Seide gebracht, die sie nach altpersischen Vorlagen-Stoffen mit Lapislazuli und pflanzlichen Pigmenten gefärbt hat. Die Bahnen, die vor einander von der Decke herabhängen, bewegen sich im Luftzug. Dass die Vögel des vorderen Stoffs manchmal in den Gittern der hinteren Bahn gefangen scheinen, ist Badiians Ausdruck für die Unfreiheit unter dem Regime im Iran.

Dieser Nofretete-Kragen besteht aus Plastik-Kugelschreibern. Foto: Petra Diederichs

Die Keramikerin Angelika Jansen hat sich von einem Kebe angezogen gefühlt, einem buddhistischen Mönchsgewand für rituelle Handlungen, das aus Stücken edler Gewänder von Verstorbenen, die dessen Angehörige dem Tempel stifteten, neu zusammengesetzt wurde: Das Sammlungsstück aus dem 19. Jahrhundert, zeigt wie das Patchwork noch die Pracht des Stoffes erahnbar macht, aber mit seiner nach strenger Ordnung zusammengesetzten Stoffsäulen auch symbolische Bedeutung hat. Mit Fliesen und zarten Schalen hat Jansen den Mandala-Charakter nachgebildet.

Thomas Klein  „webt“ mit Glasstäben und Stahl. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Gisbert Scheuss steuert das schwerste Werk bei: eine 180 Kilogramm schwere Backsteinmauer. Sie hängt an einem Eisengerüst und wirkt erstaunlich leicht. Die geschwungene Form soll an einen seidenen Schal erinnern. „Reflexionen“ ist ein Spiel von Beziehungen, die sich zwischen historischem Stück und neuer Interpretation, aber auch untereinander knüpfen lassen. Besucher werden manches Sammlungsstück erstmals sehen oder aus einem ganz neuen Blickwinkel. Etwa wenn indische oder koptische Stickereien plötzlich die hauchdünnen Plastiktüten orientalischer Gemüsemärkte adeln: Die würde niemand achtlos wegschmeißen. Oder wenn Papier zu Schmuck wird, der antiken Grabbeigaben ähnelt.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 24. Juni, um 11 Uhr, in der Museumsscheune, Albert-Steeger-Straße 5, eröffnet. Zu sehen sit sie bis 9. September im Deutschen Textilmuseum, Andreasmarkt 8.

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