1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Auf dem Südwall in Krefeld: Festmahl für Obdachlose

Spontane Aktion von zwei Firmen aus Krefeld : Auf dem Südwall – Festmahl für Obdachlose

„Da tut es unglaublich gut, so etwas wie heute zu erleben“, sagt Michael, der aktuell in einem leerstehenden Haus ohne Heizung schläft. „Ich bin ganz bestimmt kein Engel. Aber ich bin ein Mensch. Es tut gut, auch so behandelt zu werden.“

Es ist Mittagszeit: Ein olivgrüner Anhänger steht auf dem Mittelstreifen des Südwalls bei der Querung der Hochstraße. Einige Pavillons, ein paar Tische und etwas Flatterband: Mehr braucht es nicht, um viele bedürftige Menschen anzuziehen. Diese bilden streckenweise Schlangen, denn hier bekommen sie ein besonderes Essen. Es gibt Wildschweinragout mit Reis oder Nudeln und Rotkohl. Ohne jede Prüfung der Person und Bedürftigkeit kann jeder sich sein Essen abholen. „Wir haben insgesamt 200 Portionen vorbereitet. Das Fleisch kommt vom Vater meines Freundes Raimund Krawinkel. Er ist Jäger und hat das Tier selbst geschossen. Es ist also keineswegs Fleisch aus Massentierhaltung“, sagt Daniel Leurs, Inhaber der gleichnamigen Autosattlerei.

Krawinkel selbst, dem das Unternehmen Krawinkel Fachpersonal gehört, kann nicht zugegen sein. „Er hatte einen Notfall in der Familie und musste kurzfristig absagen“, berichtet Leurs. Das Essen kochten er, seine Familie und ein Auszubildender, selbst. „Ich habe ähnliche Aktionen schon mit verschiedenen Vereinen, zum Beispiel dem Kinder- und Jugendverband Falken, bei dem ich Vorsitzender bin, gemacht. In dieser Form ist es aber das erste Mal“, erzählt er. Das habe sich auch gezeigt. „Solche Mengen Reis haben wir zum Beispiel noch nie gemacht. Darum ist er uns leider etwas verkocht“, meint er schmunzelnd.

 Insgesamt 200 Portionen waren vorbereitet: Ohne jede Prüfung der Person und Bedürftigkeit konnte sich jeder ein Essen abholen.
Insgesamt 200 Portionen waren vorbereitet: Ohne jede Prüfung der Person und Bedürftigkeit konnte sich jeder ein Essen abholen. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)
  • Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit : Richtig abnehmen — die besten Strategien
  • Freut sich über den Erfolg: Fleischermeister
    Unternehmen aus Erkelenz : Erfolg für Esser bei Einsatz für Tierwohl
  • Das Streitobjekt: Die Grundschule soll von
    Grundschule in Hamminkeln : Bürgerinitiative legt mit Kritik nach

Den Menschen, die das Angebot in Anspruch nehmen, fällt das freilich nicht auf. Im Gegenteil! „Es ist unglaublich lecker. Ich bin einfach nur glücklich. Das kam genau zum richtigen Moment und das Fleisch ist so zart, es zerfällt geradezu im Mund“, erzählt Andi. Der Obdachlose sitzt zufrieden auf einer Bank unmittelbar neben der Ausgabe. Wichtiger als das Essen ist ihm aber die Geste an sich. „Das Gefühl, wirklich wahrgenommen zu werden, als Teil dieser Gesellschaft, ist noch wichtiger als das tolle Essen. Ich finde es unglaublich schön, dass es solche Menschen gibt. Menschen mit Herz, die sich um andere kümmern. Davon bräuchten wir viel mehr“, sagt er mit Rührung in der Stimme.

Michael, der neben ihm sitzt, fügt hinzu: „Sie waren auch wahnsinnig nett. Man fühlt sich bei der Ausgabe wertgeschätzt. Es war überhaupt nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Das ist leider sehr selten und durch Corona auch noch schlimmer geworden. Ich bin ein guter Esser, aber heute bin ich zum ersten Mal seit einiger Zeit wirklich satt.“ Mehr könne er gerade nicht beitragen, erklärt er entschuldigend. „Ich übernachte derzeit in einem leerstehenden Haus ohne Heizung. Das war saukalt und ich habe kein Auge zugemacht. Ich bin total übernächtigt und kann mich nicht wirklich konzentrieren. Umso besser tut das Essen und die warmen Getränke“, ergänzt er.

 Die Volkspolizei: Ein historisches Gefährt transportierte die Feldküche am Wochenende in die Krefelder City.
Die Volkspolizei: Ein historisches Gefährt transportierte die Feldküche am Wochenende in die Krefelder City. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Dass die Kunde über die Aktion im Obdachlosenmilieu verbreitet wurde, dafür sorgte vor allem die Emmaus-Gemeinschaft. „Die Organisatoren haben uns kontaktiert und um Hilfe gebeten. Wir waren gern dabei und haben unsere Kontakte und Einrichtungen eingebracht“, sagt Emmaus-Geschäftsführerin Elisabeth Kaul. Auch für sie ist die Initiative gut und wertvoll. Doch sie hat auch kritische Gedanken. „Von Daniel und Raimund ist es eine ganz tolle Aktion, die den Menschen auch weit mehr als das Essen selbst bietet. Insofern hat das eine große Wirkung. Aber gesellschaftlich ist das natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Einen Tag satt zu sein hilft, zumal bei dieser Witterung, nur wenig. Wir brauchen gesellschaftliche Lösungen“, mahnt sie an.

Die Emmaus-Gemeinschaft konzentriert sich unter anderem darauf, Obdachlosen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. „Wir haben beispielsweise ein zentrales Projekt, in dem verschiedene Menschen gemeinsam leben. Die vorherigen Obdachlosen arbeiten dann beispielsweise als Verkäufer bei uns. Es ist wichtig, den Menschen eine Perspektive zu geben. Dazu gehört vor allem Wertschätzung“, sagt sie.

Die Aktion am Samstag erfüllt diese Voraussetzung in jedem Fall, wie nicht zuletzt die Reaktionen der Betroffenen zeigen. Für sie jedenfalls war der Samstag ein echter Feiertag. Oder, um es mit Michael zu sagen: „Die Welt ist so kalt geworden. Vor allem seit der Corona-Pandemie. Und ich rede nicht vom Wetter. Menschen kümmern sich nur noch um sich, nicht um andere und schon gar nicht um Menschen wie uns. Da tut es unglaublich gut, so etwas wie heute zu erleben“, so der Obdachlose. „Ich bin ganz bestimmt kein Engel. Aber ich bin ein Mensch. Es tut gut, auch so behandelt zu werden.“