Alte Krefelder Synagoge digital wieder erlebbar

Stadtgeschichte in Krefeld : Alte Synagoge wieder erlebbar

Ein bewegendes Stück Stadtgeschichte kann dank digitaler Technik bei Youtube betrachtet werden: die Synagoge, die 1938 in der Reichspogromnacht zerstört wurde. Mit ein paar Fingerbewegungen hat man Eindrücke dieses Bauwerks.

Das Verfahren ist für viele touristisch interessante Bauwerke längst Standard: Mit etwas Fingerwischen über den Bildschirm seines Smartphones oder Tablets kann man den Innenraum zum Beispiel einer Kathedrale erkunden, als stünde man im Bau und bewegte den Kopf. Mit dieser Technik kann man nun ein Bauwerk ermessen, das zu den schönsten Krefelds gehörte: die alte Krefelder Synagoge an der Petersstraße. Am Donnerstag wurde das Projekt in den Räumen der neuen jüdischen Gemeinde an der Wiedstraße vorgestellt. Die alte Synagoge wurde bekanntlich in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 von den Nazis angesteckt und zerstört.

Der Termin am Donnerstag war kein Zufall. „Heute ist in Israel Holocaust-Gedenktag“, sagte Michael Gilad als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, „um zehn Uhr ertönen die Sirenen, das ganze Land steht still und hält inne.“ Die Idee, eine 3D-Animation der zerstörten Synagoge zu schaffen, entstand im vergangenen Jahr im Rahmen des Gedenkens an die Reichspogromnacht 80 Jahre zuvor.

Michael Rotthoff fand als Sprecher der Sparkassen-Kulturstiftung, die das Projekt finanziert hat, bewegende Worte über die Motivation der Stiftung. Ihn führt die Nacht des Schreckens 1938 auch in seine Familiengeschichte: Sein Vater, Krefelds früherer Stadtarchivar Guido Rotthoff, sei als Junge zusammen mit seinem Freund Hermann Lunkebein, dem späteren Pfarrer von Hüls, Zeuge der brennenden Synagoge gewesen, berichtete Rotthoff. „Das hat sein Leben tief geprägt“, sagte er. „Die Erhabenheit des Innenraums kann man nur gefühlsmäßig aufnehmen“, so Rotthoff weiter, „und zwar mit großer Trauer, dass dieses Bauwerk verlorengegangen ist, und mit großer Wut, wie es verlorengegangen ist.“ Es habe in der Stiftung schnell Konsens gegeben, das Projekt zu stützen. Die Aussicht, dass Krefeld wenigstens in einer visuellen Annäherung etwas zurückgegeben werden könne, „was durch ungeheuerlichen Frevel verlorenging“, habe überzeugt.

Technisch umgesetzt hat das Projekt die Firma „Weltenweber“, die bereits mit ähnlichen Projekten hervorgetreten ist, etwa mit der Rekonstruktionen des Ostwalls aus den 60er Jahren zur geriatrischen Therapie. „Wir haben uns im Wesentlichen auf Pläne und zwei Skizzen aus dem Jahr 1928 gestützt“, berichtet Lukas Kuhlendahl von „Weltenweber“. Leider gebe es keine Fotos aus dem Innenraum, ergänzte Sandra Franz, Geschäftsführerin der NS-Dokumentationsstelle, die das Projekt begleitet hat.

Dort, wo nichts bekannt war, ließ man in der 3D-Animation Leerstellen. Andererseits wurden drei Fenster des Künstlers Jan Thorn Prikker, die laut Gilad 1922 in der Synagoge verbaut wurden, in die Darstellung eingearbeitet. „Das Endergebnis ist ein 360-Grad-Video, also ein Video, in dem man sich in einem Panoramabild umsehen kann“, resümiert Kuhlendahl.

Die Baugeschichte der Synagoge, die lange selbstverständlich zur Silhouette Krefelds gehörte und ein beliebtes Postkartenmotiv war, ist verwickelt. 1853 wurde das jüdische Gotteshaus klassizistisch streng errichtet; 1903 erfolgte ein Um- und Neubau, der die Fassade mit orientalisch anmutendem Zierrat versah. Ab 1928 erfolgte eine erneute Modernisierung; der äußere Zierrat wurde weitgehend wieder abgenommen. Die Zerstörung am 9. November 1938 war dann der Auftakt für die Shoa, den Mord an sechs Millionen Juden.

Von der schönen Krefelder Synagoge blieb nur ein Ziertürmchen, das jahrzehntelang in einem Garten in Fischeln stand und heute einen Platz in Krefelds neuer Synagoge gefunden hat.

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