1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Als die Paul-Schütz-Straße in Krefeld atomwaffenfrei wurde

Eine Zeitzeugin aus Krefeld berichtet : Als die Paul-Schütz-Straße atomwaffenfrei wurde

Vor 40 Jahren wurde der Krefelder Appell gegen Atomrüstung publiziert. Petra Kelly und Ex-General Gert Bastian von den Grünen waren prominente Sprachrohre. Eine Zeitzeugin berichtet über das Lebensgefühl um 1980.

(vo) Ingrid Vogel ist in Krefeld bekannt als Aktivistin im  Friedensbündnis. Ihr Engagement für Frieden und atomae Abrüstung begann mit der Veröffentlichung des Krefelder Appells am 16. November 1980. Sie – Jahrgang 1949 – war damals junge Mutter von zwei Kindern und hatte wie so viele Angst vor einem apokalyptischen Krieg. Wir baten sie, vom Lebensgefühl, den Ängsten und Hoffnungen jener Zeit zu erzählen. Hier ihr Bericht:

16. November 1980: Pastor Martin Niemöller bei einer Rede im Seidenweberhaus im Rahmen einer Tagung, aus der der Krefelder Appell hervorging.  Niemöller, der während der Nazi-Zeit zur Bekennenden Kirche gehörte, war einer der profiliertesten Figuren in der Friedensbewegung. Foto: Klaus Rose / dpa

     

Podium auf der Bühne des Seidenweberhauses bei einer Tagung am 15./ 16.November 1980 in Krefeld, aus der der  „Krefelder Appell“ hervorging. Zu den Teilnehmern gehörten auch Gert Bastian und Petra Kelly Foto: Klaus Rose / dpa

„Vor 40 Jahren, am 16. November 1980, wurde in Krefeld der Krefelder Appell verfasst, ein Appell an die Bundesregierung, „die Zustimmung zur Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Mitteleuropa zurückzuziehen“ und Möglichkeiten einer alternativen Sicherheitspolitik zu diskutieren. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon so viel atomaren Sprengstoff auf der Welt, um diese mehrmals vernichten zu können. Wenn wir zu meiner Schwiegermutter fuhren, kamen wir immer an der Raketenstation in Kapellen vorbei, wo Trägersysteme mit atomaren Sprengköpfen lagerten.  Während unserer Urlaube in der Eifel litten wir - gerade bei schönem Wetter-  unter Tieffliegern, und einmal, bei einem  Manöver, hielten amerikanische Soldaten ihre Schusswaffen auf die Straße gerichtet, die wir mit unserem Auto zum Einkauf in den nächsten Ort passieren mussten. Das alles machte uns Angst. Unsere beiden Töchter waren noch klein, ich wollte unbedingt etwas tun gegen diesen Wahnsinn.

Im Mai 1981 zogen die Initiatoren des Krefelder Appells auf einer Pressekonferenz im Bonner Tulpenfeld eine erste Bilanz des Appells. Das Foto zeigt unter anderem Petra Kelly (M.) und Gert Bastian (r.); beide gehörten in Krefelder zu den Initiatoren des Krefelder Appells. Foto: Klaus Rose / dpa

Beim Lesen der Zeitung stieß ich 1981 auf eine Anzeige. Der Internationale Krefelder Friedenschor, geleitet von einem Kapellmeister des Stadttheaters, suchte Verstärkung. Ich ging zur nächsten Probe und lernte Friedensaktive aus Gewerkschaft, Kirche und Parteien kennen und auch aus der BIFA (Bürgerinitiative für Frieden und Abrüstung), die sich gerade gegründet hatte. Ich begann Unterschriften unter den Krefelder Appell zu sammeln und hatte mir zum Ziel gesetzt, die Paul-Schütz-Straße, in der wir wohnten, „atomwaffenfrei“ zu machen. Am Ende prangten in vielen Fenstern große Friedenstauben.  Auch Geschäfte hatten den Krefelder Appell ausgelegt, ich erinnere mich an einen feinen Herrenausstatter auf dem Ostwall.

Als ich in meiner evangelischen Gemeinde bei einer Gemeindeversammlung mein Anliegen vortragen durfte, überreichte man mir zur Begrüßung schon ausgefüllte Unterschriftenlisten des Krefelder Appells. Ich habe übrigens in der ganzen Zeit nie die Erfahrung gemacht, beschimpft zu werden. Man warf mir höchstens vor: Warum sagen Sie das nicht den Russen? Und dann erklärte ich, dass ich mich mit meinen Forderungen an meine Regierung wenden müsse. Laut Umfrage waren 75 Prozent der deutschen Bevölkerung gegen eine Stationierung. In Fischeln und in Oppum/Linn erklärten sich übrigens die Bezirksvertretungen zur „atomwaffenfreien Zone“.

Der damalige Oberbürgermeister  Dieter Pützhofen lehnte den Antrag auf ein „atomwaffenfreies Krefeld“ ab mit der Begründung, Verteidigungsfragen fielen in den Zuständigkeitsbereich des Bundes. Genau zu diesem Streitpunkt gründete der Bürgermeister von Hiroshima 1982 „Mayors for Peace“,  „Bürgermeister für den Frieden“, eine Organisation, die sich weltweit einsetzt für eine Abschaffung der Atomwaffen. Krefeld ist übrigens 2010 Mitglied geworden.

Politiker propagierten den Atomkrieg als gewinnbar und überlebbar. In der Bismarckstraße ließ ein Hauseigentümer unter seinem Vorgarten einen kleinen privaten Atomschutzbunker bauen. Krefeld baute für sechs Millionen  DM einen Atomschutzbunker unter dem Rathaus. Um das Groteske dieser Unternehmungen aufzudecken, stellten mein Mann und ich bei der Stadt einen Antrag auf vier Plätze, für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Man antwortete uns abschlägig. Es bestehe noch keine Vergaberegelung, und ein Vollschutz könne niemandem gewährleistet werden.

In den Wochenblättern haben wir daraufhin eine Anzeige aufgegeben: „Eilt! Suche dringend ab 21.11. Platz in einem Atomschutzbunker für 2 Erw. u. 2 Kinder.“ Und überraschenderweise erhielten wir mehrere Antworten von Menschen, die unsere Botschaft verstanden hatten und auch gegen die atomare Aufrüstung waren.

Obwohl der Bundestag am 21.11.1983 die Stationierung der neuen Mittelstreckenatomwaffen beschloss, ging es in der Friedensbewegung weiter. Bei den Landtagswahlen 1985 kandidierte ich in Krefeld für die neu gegründete Friedensliste, ein Personenbündnis von mehrheitlich Kandidatinnen (!), bei dem ich meine frühere Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann wiedertraf, die sich vehement gegen die Stationierung und für Abrüstung einsetzte.

Letzten Endes hat vielleicht auch die starke Friedenbewegung (mehr als vier Millionen Unterschriften unter den Krefelder Appell, mehrere Großdemonstrationen mit Hunderttausenden von Teilnehmern, Blockaden mit Prominenten) dazu beigetragen, dass mit „Wende“ und deutscher Wiedervereinigung der „kalte Krieg“ beendet wurde.

Und heute?

Vor zehn Jahren bin ich wieder aktiv geworden, jetzt als Großmutter und jetzt im Krefelder Friedensbündnis. Die Reden von damals passen immer noch. Die Ostermärsche sind geblieben und auch die Hiroshima-Gedenktage, denn der Atomtod bedroht uns immer noch, ja sogar mehr als damals. Denn die Doomsday-Clock, die Weltuntergangsuhr, die jedes Jahr von internationalen Atomwissenschaftlern neu gestellt wird, steht auf 100 Sekunden vor zwölf, so bedrohlich wie noch nie. Laut Umfrage sind die Bundesbürger immer noch mehrheitlich für die Abschaffung von Atomwaffen. Und wir geben nicht auf. Krefeld hat  heute in Frank Meyer einen aktiven „Bürgermeister für den Frieden“. Der Krefelder Stadtrat hat 2019 mehrheitlich den Bürgerantrag des Friedensbündnisses angenommen „Für das Leben – gegen Atomwaffen! Krefeld für den Atomwaffenverbotsvertrag“. Und unser Oberbürgermeister hat die Aufforderung an die Bundesregierung weitergegeben, den UN-Atomwaffenverbotsvertrag von 2017 zu ratifizieren. 84 Staaten haben ihn unterzeichnet, 2021 tritt er in Kraft. Corona und Klimawandel erzwingen ein politisches Umdenken, denn die durch die Hochrüstung verschwendeten Milliardenbeträge braucht die Menschheit dringend für Investitionen ins Gemeinwohl - in Gesundheit, in Soziales, in Bildung, in Klimarettung.“