Alex Michaels ist Artist beim Zirkus Flic Flac und begibt sich am Trapez täglich in Lebensgefahr.

Zirkus Flic Flac : Der Mann, der täglich sein Leben riskiert

Alex Michaels’ Auftritt im Zirkus Flic Flac ist spektakulär. In 14 Metern Höhe turnt er ungesichert am Trapez. Vor acht Monaten wurde er Vater. An seinem gefährlichen Beruf änderte sich dadurch jedoch nichts.

Wer derzeit in Krefeld aufmerksam soziale Medien verfolgt, der findet sehr oft Wortmeldungen von Besuchern des Zirkus Flic Flac. Diese reichen zumeist von „faszinierend“ bis „spektakulär“. Besonders mit letzterem ist unter anderem die Nummer von Alex Michaels gemeint. Der 42 Jahre alte Artist springt in 14 Meter Höhe von Trapez zu Trapez oder hangelt sich über zehn Griffe von einem zum anderen – mit dem Kopf nach unten und an den Füßen. Das Besondere: Michaels hat keine Sicherung. Ein Fehler bedeutet den fast sicheren Tod oder im besten Falle ein Querschnittslähmung.

Dabei ist der Brasilianer im vergangenen Jahr Vater geworden. Denkt er da nicht darüber nach, seine Nummer zu verändern? „Nein“, sagt er. „Das ist, was ich tue. Ich liebe das Ardenalin, Ich mache es mein ganzes Leben lang. Und mit Sicherung wäre die Nummer normal, austauschbar. Die Gefahr macht sie erst besonders“, sagt er. An dieser Einschätzung habe auch das nun acht Monate alte Kind nichts geändert. „Natürlich denke ich heute mehr darüber nach, was mit meiner Tochter passieren würde. Aber trotzdem: Das ist, was ich mache, was ich bin.“

Seine Frau Romy lernte er vor rund fünf Jahren in einem Zirkus in der Schweiz kennen und lieben. Seit zweieinhalb Jahren sind beide verheiratet. Auch sie ist Teil der Show, wird ebenfalls unter die Decke gezogen, ist dabei aber stets mit dem Seil fest verbunden und wirbelt Tücher und Hula-hoop-Reifen umher. Ihrem Mann schaut sie nicht gern zu. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir die Show früher nie angesehen, sondern nur backstage auf die Reaktionen gelauscht. Ich weiß genau, wann das Publikum aufschreit, wann es Teil der Show ist. Wenn zu anderen Zeiten eine Reaktion kommt weiß ich, etwas läuft nicht nach Plan“, sagt sie. Im aktuellen Programm aber muss sie zusehen. „Ich bin direkt nach Alex dran und stehe auf der Treppe, während er dran ist“, sagt die attraktive Italienerin.

Sie beherrscht insgesamt vier verschiedene Nummern. Training ist heute nicht mehr so viel nötig. „Das Warm-up vor der Show reicht eigentlich“, sagt sie. Das gilt auch für Alex. „Als ich jung war, habe ich viel trainiert. Aber seit ich etwa 24 bin eigentlich gar nicht mehr. Die Griffkraft habe ich, mehr brauch ich nicht wirklich“, sagt er. Die Nummer erbte er weitgehend von seinem Vater. „Als ich anfing, natürlich nicht so hoch, stand er mit ausgestreckten Armen unter mir, um mich zu fangen“, erzählt Alex lachend. Angst habe er nie. „Die Höhe ist mir völlig egal. Zwölf, 14, 20 Meter, das macht kaum einen Unterschied. Nur am Seil hochzuklettern ist natürlich bei größeren Höhen anstrengender“, sagt er.

Schwierig sei nur, wenn es im Zelt sehr warm ist. „Dann wird es unter dem Dach schnell über 40 Grad. Dann schwitzt man stark und die Konzentration schwindet. Das ist wirklich gefährlich“, sagt der Artist. Darum wurde aktuell die Klimatisierung stark verbessert. Im April, bei einer Aufführung in Düsseldorf, sei es hier grenzwertig gewesen. „Da wurde mir leicht schwindlig“, sagt Michaels. Einmal wurde dort sein Auftritt auch abgesagt. Draußen war Sturm und das Trapez schwankte zu stark. „Das wäre zu gefährlich gewesen“, gesteht selbst der adrenalinversessene Artist ein.

Ob die Tochter auch einmal Artistin wird? Die Eltern schauen sich an. „Das entscheidet sie selbst. Alex will ihr das Trapez zeigen. Mir wäre lieber, sie macht etwas weniger gefährliches“, sagt Romy lachend. Und wenn sie gar nicht beim Zirkus bleiben will? „Dann ist das auch okay. Es ist ihr Leben und ihre Entscheidung“, sagen beide Eltern einhellig. Wie lange sie noch auftreten können? Alex ist mit 42 schon vergleichsweise alt, Romy hat mit 30 noch einige Jahre vor sich. „Mein Vater hat mit 52 aufgehört. Mal sehen, wie lange es bei mir geht“, sagt der junge Vater.

Für das Leben danach haben beide noch keine Pläne. „Vielleicht bleiben wir beim Zirkus und werden Fahrer und Crew. Oder wir lassen uns nieder, da haben wir noch keinen Plan“, sagt Romy. Bis dahin aber soll noch viel Zeit vergehen. Und viele Auftritte, natürlich ohne Zwischenfälle. Noch bis zum Sonntag ist der Zirkus in Krefeld. Es gibt also noch Gelegenheiten, die beiden zu bestaunen.

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