Agnessa Nefjodow inszeniert "Boris Godunow" in Krefeld als russische Tragödie in trübem Licht

Oper in Krefeld : Russische Tragödie im trüben Licht

Agnessa Nefjodow inszeniert Mussorgskijs Oper „Boris Godunow“ in Bildern von depressiver Stimmung. Die Ära unter Zar Boris wird als Dämmerepoche weit vor der Aufklärung gekennzeichnet. Die Musik sorgt für Aufhellung.

Es ist 24 Jahre her, dass „Boris Godunow“ am Theater Krefeld gespielt wurde. Nur eine einzige Mitwirkende der damaligen Inszenierung wirkt auch in der aktuellen Neuproduktion der in sieben Bilder gegliederten Oper in der Urfassung mit: Als Schenkwirtin stößt Sopranistin Janet Bartolova  mit zwei verlotterten Wandermönchen an. Indirekt auch auf ein persönliches Jubiläum. Denn schon 1995 hatte Bartolova mitgesungen, damals als Marina. Anlässlich ihres nunmehr 25-jährigen Wirkens am Niederrhein ehrte Intendant Michael Grosse nach der Premiere die aus Bulgarien stammende, jung gebliebene Sängerin. Ein freundlicher Lichtblick im Glasfoyer.

Unten blieb zuvor die Bühne, die Eva Musil mit einem rohen Holzverhau bestückte, der sich rasch für wechselnde räumliche Spielerfordernisse umbauen lässt, dagegen im Halbdunkel. Daran konnten die Lichtstäbe, welche die Akteure über die Bühne schieben oder tragen, nicht viel ändern, zumal die Beleuchter mit dem Einsatz von Scheinwerfern knausern. Die an Infusionsständer erinnernden Geräte liefern nur ein funzeliges Dämmerlicht, Sinnbild für die historische Situation Russlands um 1600, als die Aufklärung in weiter Ferne lag, der Zar noch wie ein Gott verehrt wurde, aber beim leidenden Volk auch verhasst war.

Schwarz vor Menschen ist die Bühne, wenn der Vorhang auffährt. Michael Preiser, der zur Zeit der Arbeit an „Boris Godunow“ im Frühjahr noch Interims-Chordirektor war, hat fast 70 Choristen aus dem Chor und Extrachor samt Gästen versammelt. Ihre pure Masse an bewegten Leibern verdeutlicht, wer die eigentliche „Hauptperson“ des auf Alexander Puschkin zurückgehenden Dramas ist. Preiser hat die quirlige Manövriermasse an Stimmen für ihre Aufgaben hervorragend ertüchtigt, das ist in jeder Szene mit Hochgenuss zu hören. Und Generalmusikdirektor Mihkel Kütson gelingt es souverän, dass die Abstimmung zwischen den Niederrheinischen Sinfonikern, Chor und Solisten geschmeidig, ohne Brüche funktioniert. Dabei stemmt sich die durchaus auch hell leuchtende, kraftvoll artikulierte oder zart im russischen Volkston dahinträumende Musik gegen die tragische Grundstimmung. Kütson verzichtet dabei mutig auf dekorativen Glanz. Eindruck machen auch die eingespielten Glockenklänge aus Moskauer Kathedralen. Als am Schluss der Chor, nunmehr unbewegt und mit ernsten Mienen, erneut an die Rampe tritt, spüren wir, dass mit dem Tod des mörderischen Zaren Boris, den die Dämonen seines Gewissens nicht zur Ruhe kommen ließen, die Geschichte für einen Moment zum Stillstand gelangt. Das Volk weiß aber, dass das Leben sich auch unter dem nächsten „Gosudar“ (Herrscher) nicht bessern wird. „Das Volk bleibt immer am gleichen Fleck“, befand der Komponist 1872 in einem Brief an den Kunstkritiker Wladimir Stassow.

Die deutsch-russische Regisseurin Agnessa Nefjodow sorgt dafür, dass die Charaktere der Handelnden in Mimik und Gestik klar gezeichnet sind, was den meisten bei der Übertragung aus Mönchengladbach gut gelingt. Etwas schwer mit der Ausgestaltung der Rolle tut sich der Bass Mischa Schelomianski in der Titelrolle. Der Gast springt in Krefeld für den Bassbariton Johannes Schwärsky ein, der bedingt durch andere, fordernde Aufgaben das Godunow-Team verlassen musste. Schade! Der in Moskau aufgewachsene Schelomianski legt seine Partie eine Spur zu ästhetisierend an. Seine sonore Stimme klingt zwar brillant, aber die Ausdruckstiefe von Schwärskys Spiel erreicht er nicht ganz. In weiteren tragenden Rollen gefallen Sophie Witte als Zarentochter Xenia, Hayk Dèinyan als Chronist Pimen, der Tenor Igor Stroin als machtgieriger Usurpator, Kairschan Scholdybajew als intriganter Bojarenfürst und David Esteban, ein jammernder Gottesnarr. Das Krefelder Premierenpublikum dankte mit begeisterten Ovationen.