90. „Heimat“: der Tag, als die Belgier nach Krefeld kamen

Heimatgeschichte : Der Tag, als die Belgier nach Krefeld kamen

Der Verein für Heimatkunde hat die neueste Ausgabe der „Heimat“, der Zeitschrift für niederrheinische Kultur- und Heimatpflege, herausgegeben. Auf 276 Seiten berichten die verschiedenen Autoren.

„Die Heimat“ Nummer 90 trägt elegantes Grau und führt mit ihren beiden Titelfotos gleich in einen der Beiträge ein. Die neue Feuer- und Rettungswache an der Ritterstraße steht im deutlichen Gegensatz zu einer Aufnahme aus der Florastraße von 1910. Schriftleiter Stefan Kronsbein schreibt zusammen mit André Wiegratz „Von der Krüppelfuhre bis zum modernen Rettungsdienst“. Der Betrag läuft unter Medizin und Technik. Es sind in diesem 276 Seiten starken Band selbstverständlich auch wieder alle anderen Bereiche vertreten: Vereinsgeschichte, Geschichte, Städtebau, Kunst und Kultur, Natur und Landschaft, Religion, Mundart und Aus dem Heimatleben; zudem die Rubriken Neue Bücher und Personen mit Jubiläen und Auszeichnungen.

Den Auftakt bildet wie immer der Rückblick auf das verflossene Jahr. „Von Oktober bis Oktober“ (Dirk Senger) ruft die Erinnerungen zurück. Das geschieht auch in den ersten beiden Beiträgen, die sich beide auf die 100-Jahr-Feier des Vereins im Vorjahr beziehen. Zuerst denkt die Historikerin Ursula Broicher an die Tochter Karl Remberts, Ilse Rembert, die eine enge Freundin ihrer Mutter war und der Familie lange verbunden blieb. Liebevolles Gedenken gilt auch Reinhard Feinendegen, der im April 2012 verstorben ist. Margot Feinendengen schreibt über seine Familie, seine Verflechtung mit der Geschichte der Stadt und sein Engagement im Verein. Wer erinnert sich nicht daran, mit welcher Liebe zum Detail Feinendegen in seiner Zeit als Schriftleiter die Zeitschrift zum einem Ganzen aus einem Guß fügte – mit gespitztem Bleistift, enormer Kenntnis und feinem Humor?

Feinendegens Mitherausgeberschaft der fünfbändigen Stadtgeschichte – für die er zusammen mit Hans Vogt denn auch den Niederrheinischen Literaturpreis erhielt – wird hier nochmals erwähnt. Die Bedeutung dieses Werks zeigt sich auch deutlich wieder in dieser „Heimat“: Kaum ein Artikel kommt ohne den Bezug auf diese Schriften aus.

Der bekannte Künstler Bart Koning malte 1997 Reinhard Feinendegen in Öl auf Leinwand. Foto: Heimat / Kronsbein/Heimat/ Kronsbein

Auf Nummer 89 bezieht sich eine kartographischen Analyse zum „Schadensfall“ 1943: Volker Steinbeck geht auf Details in den Karten zur Bombennacht ein. Zu Flugblättern und Fotos aus derselben Zeit äußert sich Klaus Zok. Der stellvertretende Museumsleiter Christoph Dautermann blättert den Nachlass eines Krefelders auf, der seine gesamte Einrichtung dem Museum Burg Linn überlassen hat und untersucht die Erinnerungskultur nach soziologischen Gesichtspunkten.

An der Hochstraße Nummer 115 lud das belgische Kasino im  Jahr 1920 zum Zeitvertreib. Foto: Heimat / Kronsbein/Heimat/ Kronsbein

Die Blütezeit der Samt- und Seidenstadt kommt in zwei Beiträgen zur Geltung, die sich mit zwei Familien des 18. Jahrhunderts befassen. Der ehemalige Direktor des Gymnasiums am Moltkeplatz, Rolf Neumann, berichtet über Adam Wilhelm Scheuten, der diese Schule stiftete und nach dem auch die Bibliothek benannt ist.

Margarete von Lövenich lebt 1722 bis 1793 und war eine geborene Scheuten. Foto: Heimat / Kronsbein/Heimat/ Kronsbein

Mit den von der Leyens befasst sich ein Förderprojekt mit dem Titel „Parvenue“, in das Museum Burg Linn und das Deutsche Textilmuseum eingebunden sind. Beide Beiträge sind durch feine inhaltliche Fäden miteinander verwoben und teilen sich übrigens auch Abbildungen der Familie Lövenich.

Nicht nur die Gründung des Vereins liegt 100 (+1) Jahre zurück. Die wieder fest gebundene Heimat widmet sich auch der Gründung der Volkshochschule vor genau 100 Jahren, der Entstehung der Franziskusschwestern 1919 (Andreas Henkelmann) und dem Bauhaus (Sandra Franz, NS-Dokumentationsstätte). 1919 ist auch das erste Jahr der belgischen Besatzungszeit.

Der Bericht des Archivleiters Dr. Olaf Richter zu dieser Zeit bildet mit 75 Seiten das umfangreichste, das Hauptstück dieses Bandes. Am Morgen des 7. Dezember 1918 traf ein 18-köpfiges belgisches Radfahrerbataillon ein; an ihrer Spitze ein Kommandeur zu Pferde. In der erst zwölf Jahre zuvor errichteten Husarenkaserne bereiteten sie die Ankunft der nachfolgenden Truppen vor. Die Offiziere wurden privat untergebracht: in Hotels wie dem Krefelder Hof, in Gasthöfen und bei Bürgern der Stadt. Vier Tage später, am 11. Dezember, rückten 4000 Mann unter dem Kommandanten General de Koninck ein. Die St.-Anna-Kirche im Inrath (heute Heiligste Dreifaltigkeit) wurde zur Garnisonskirche für die belgischen Soldaten. Es „ließ der Beginn der belgischen Besatzungszeit, die dem Kriegsende folgte und mehr als sieben Jahre andauern sollte, unter der Bevölkerung durchweg nachteilige Veränderungen für ihren Lebensalltag befürchten“ schreibt dazu Olaf Richter.

Sein Betrag ist reich bebildert mit Fotografien, Flugblättern, Zeitungsausschnitten, Landkarten, Dokumenten und Veröffentlichungen der Belgier. Die Einschränkungen für die Bürger sind zunächst streng, werden später gelockert. „Die Anwesenheit der fremden Truppen ist auch in Anbetracht der nicht wenigen positiven menschlichen Begegnungen überwiegend als eine große Belastung empfunden worden.“

Fazit: Es lohnt sich sehr, diese Spurensuche und Bewertungen genau nachzulesen und nachzuvollziehen.

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