600 feiern in Krefeld Festival gegen für Toleranz – AfD darf nicht sprechen

Krefeld : 600 feiern Festival – AfD darf nicht sprechen

Es sollte ausdrücklich ein „Festival für etwas“ und nicht allein gegen etwas werden – dennoch zwang der AfD-Bundestagsabgeordnete Kay Gottschalk die Stadt als Veranstalter zu einer Entscheidung: Er bat kurzfristig und unangemeldet auch um das Recht, bei dem Festival zu reden. Oberbürgermeister Frank Meyer untersagte es.

Während die AfD in der voll besetzten Linner Museumsscheune einen Bürgerdialog mit drei ihrer Bundestagsabgeordneten veranstaltete, demonstrierten in der Linner Vorburg rund 600 Menschen gegen die Rechtspopulisten, indem sie an einem von der Stadt ausgerichteten „Festival für Meinungsfreiheit & politische Visionen“ teilnahmen. Es gab flammende Plädoyers für Weltoffenheit, Freiheit, Toleranz der Religionen und gegenüber allen sexuellen Orientierungen ebenso wie Appelle gegen jede Form von Hass, der in dem Mord an dem hessischen CDU-Politiker Walter Lübcke einen furchtbaren Höhepunkt erreicht hat. „Wir sind die Mehrheit der Gesellschaft. Wenn wir uns unterhaken, dann ist Krefeld stark“, rief Oberbürgermeister Frank Meyer unter Applaus den Gästen zu; er sei stolz auf Krefeld als „eine wunderbare, positive, bunte, offene, freie Stadt“.

„Omas gegen rechts“ – hier: Ingrid Schupetta, ehemalige Leiterin des NS Dokumentationszentrums (l.), und die grüne Ratsfrau Barbara Behr. Foto: Jens Voss

Am Rande der Veranstaltung wurde bekannt, dass auch der für Krefeld zuständige AfD-Bundestagsabgeordnete Kay Gottschalk spontan um die Erlaubnis gebeten hatte, ein Grußwort zu sprechen. Jennifer Morscheiser, Leiterin des Museums Burg Linn, hatte spontan zugestimmt; der FDP-Bundestagsabgeordnete Otto Fricke sagte zu der Situation, er hoffe, dass Gottschalk in Ruhe ausreden könne; doch dann untersagte Oberbürgermeister Meyer den Auftritt des AfD-Mannes. „Ich werde von meinem Hausrecht Gebrauch machen. Herr Gottschalk spricht hier nicht“, sagte Meyer, „Gottschalk hat hier zum Boykott türkischer Geschäfte aufgerufen und sich damit in Krefeld disqualifiziert. Wer die AfD hören will, soll zu deren Veranstaltung gehen“, sagte Meyer. Er bezog sich auf einen Auftritt Gottschalks beim AfD-Neujahrsempfang in Krefeld im Januar 2018; Gottschalk wollte seinerzeit seinen Boykottaufruf als Protest gegen Erdogans Kurdenpolitik verstanden wissen und hat sich später dafür entschuldigt.

Das „1.Krefelder Festival für Meinungsfreiheit und politische Visionen“ wollte auch Volksfest sein – hier mit einer bulgarischen Trachtengruppe. Foto: Fabian Kamp

Es gab gegen Gottschalks möglichen Auftritt auch Sicherheitsbedenken, erläuterte ein Stadtsprecher weiter; „es gibt die Sorge, dass dies zu einer Situation führt, die nicht mehr zu kontrollieren ist. Hier sind schließlich auch Kinder.“

Einig (v.l.): Ansgar Heveling (CDU MdB), Otto Fricke (FDP MdB), Marc Blondin (CDU MdL), Dezernent Markus Schön, Ina Spanier-Oppermann (SPD MdL). Foto: Fabian Kamp

Das Festival war von Oberbürgermeister Frank Meyer eröffnet worden. Er rief zu Toleranz und Weltoffenheit auf und beklagte Bedrohungen von Kommunalpolitikern bis hin zu Todeslisten, Angriffe auf Juden mit Kippa, tägliche Beleidigungen von Homosexuellen als Angriff auf den gesellschaftlichen Konsens  friedvoller Toleranz.

Museumsleiterin Morscheiser betonte, das Festival sei nicht nur Zeichen gegen Gewalt und Rechtsextremismus, sondern habe das Ziel, „für etwas zu sein“, nämlich für ein gewaltfreies Miteinander. Sie brach eine Lanze für die Vision, zitierte Martin Luther Kings „I have a dream“ und dann die ersten fünf Artikel des Grundgesetzes als die Vision, in die die Deutschen nach den Verbrechen der Nazi-Zeit hineingewachsen seien. „Dahinter wollen wir keinen Schritt zurück“, rief sie unter Applaus.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Otto Fricke warb für die Verschiedenheit der Menschen; „Unterschiedlichkeit ist keine Schwäche“, sagte er, rief dazu auf „liberal im Sinne der Nächstenliebe“ zu sein und sagte: „Wir können verdammt noch mal stolz sein auf unsere Demokratie.“

Der CDU-Landtagsabgeordnete Marc Blondin erinnert an seine Jugend, als eine Welle vietnamesischer Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sei. Man habe zusammen Sport getrieben, man sei zusammen zur Schule gegangen; eine Vietnamesin sei heute Küsterin in Traar. „Integration ist etwas Normales“, rief er; es gebe aber „Leute, die wollen nicht, dass wir friedlich miteinander leben“, und gegen sie setze man heute ein Zeichen.

Sandra Franz vom Krefelder NS-Dokumentationszentrum sagte: „Meine Eltern brachten mir bei, dass jede Form von Abweichung eine Bereicherung ist, die neugierig machen sollte, anstatt zu erschrecken. Sie brachten mir bei, aus der Geschichte zu lernen und Kinder und Jugendliche mit ihren Visionen und Hoffnungen nicht als naiv hinzustellen, sondern ihnen zuzuhören, Demokratie zu verteidigen und Meinungen zu respektieren, so lange sie in Einklang mit dem Grundgesetz sind.“ Nach einer kurzen Pause schloss sie mit ihrem Traum: „Ich wünsche mir, dass diese Welt, die mir beigebracht wurde, sich nicht in einigen Jahren als Seifenblase herausstellt, die zerplatzt.“

Noch weiter in die Vergangenheit blickte der CDU-Bundestagsabgeordnete Ansgar Heveling zurück. Er sei rund 15 Kilometer angereist. „Vor einigen hundert Jahren, als Linn noch zu Kur-köln gehörte und Krefeld zu Preußen, da hätte ich dafür bis zu fünf Grenzen überqueren müssen“, stellte er fest. Das sei heute ganz anders, und diese Grenzenlosigkeit bringe es mit sich, dass auch der Begriff Heimat überdacht werden müsse. Was Heimat sei, das unterliege auch einem Wandel der Zeiten. „Darum“, so schloss er, „lasst uns über Heimat nachdenken.“

Die grüne Bundestagsabgeordnete Ulle Schauws sagte: „Freiheit sollte nach dem Wozu fragen, nicht nach dem Wovon. Eine Freiheit ohne Solidarität ist Neoliberalismus.“ Freiheit bedeute, kritisch zu sein. Diese Freiheit mache „immun gegen  diese braunen Rattenfänger da drüben“, rief sie unter Applaus und meinte die AfD, die ein paar hundert Meter entfernt tagte.

Tagrid Yousef vom Integrationszentrum sagte, sie freue sich über die schöne und bunte Veranstaltung. „Das hier ist, was Krefeld kann, was Krefeld ausmacht. Ich wünsche mir eine offene Gesellschaft, die sich nicht spalten lässt und so ist, wie dieser Abend.“

Auf die Gefahren von Teilung, Spaltung und Diskriminierung wies auch eine Gruppe des Gymnasiums Fabritianum hin, die sich im Rahmen des gerade abgelaufenen Roze-Zaterdag-Jahres mit der Verfolgung Homosexueller zur Nazi-Zeit beschäftigt hatte. „Homosexuelle nehmen doch nichts weg“, sagten sie. In zehn Ländern der Welt werde Homosexualität mit dem Tode bestraft wird, beklagten sie und trugen Geschichten von Krefeldern vor, die im Dritten Reich aufgrund ihrer Homosexualität ermordet worden waren. „Hannah Arendt hat gesagt: Verbrechen gegen die Juden sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das gilt auch für Verbrechen gegen Homosexuelle“, sagten sie und trugen zum Abschluss Artikel drei des Grundgesetzes leicht abgewandelt vor.

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