Krefeld: 41 Jahre Einsatz für Menschen in Not

Krefeld: 41 Jahre Einsatz für Menschen in Not

Die 82-jährige bisherige Vorsitzende des Eine-Welt-Ladens, Gerlinde Wientgen, legt nach mehr als vier Jahrzehnten die Verantwortung für das Geschäft und den Verein in "jüngere Hände". Nachfolgerin Christa Redeker ist 70 Jahre alt.

Die Ex-Vorsitzende des Eine-Welt-Ladens, Gerlinde Wientgen, kommt aus dem Schmunzeln nicht heraus. Vor rund zwei Wochen hat die engagierte Krefelderin den "Chefposten" in dem kleinen Geschäft am Westwall geräumt - nach 41 Jahren. "Ich war von der Arbeit stets begeistert, auch die Verantwortung als Vorsitzende habe ich gerne getragen", sagt die 82-jährige Ex-Dozentin der Fachhochschule. Es sind "familiäre Gründe", die die Frau mit der jugendlichen Ausstrahlung und dem federleichten Gang in ihrem Einsatz für die Dritte Welt künftig kürzer treten lassen. "Mein Mann ist 87 Jahre alt, meine Familie braucht mich jetzt", ergänzt sie. "Ich bin froh über den Stabwechsel, es ist richtig, dass der Vorsitz jetzt in jüngere Hände geht." Und dieses verschmitzte Lächeln tritt dabei wieder in ihr Gesicht. Das hat seinen Grund: Schließlich ist die neue Vorsitzende, Christa Redeker, auch schon 70 Jahre alt.

"Christa Redeker macht das prima, sie hat viel Erfahrung und das gewisse Gefühl, das man braucht, wenn es um die Dritte Welt geht", sagt Gerlinde Wientgen. In der Tat ist Christa Redeker in der "Szene" ein alter Hase. In Fischeln verkauft sie seit mehr als 20 Jahren sonntags nach dem Gottesdienst in St. Clemens Dritte-Welt-Produkte. "Sie ist eine Expertin, wenn es um fair gehandelte Ware geht. Beim Zweiten Vorsitzenden, Heiner Peters, ist zudem die Planung in besten Händen", weiß Gerlinde Wientgen.

Für die 82-Jährige stand und steht die Hilfe für Menschen in Not im Mittelpunkt ihres Lebens. Gerechtigkeit und Chancengleichheit - dafür hat sie sich auch schon vor mehr als 40 Jahren eingesetzt, als sie mit der Arbeit im Eine-Welt-Laden begann. Der hieß 1976 noch Dritte-Welt-Laden und hatte an der Neuen Linner Straße seine Heimat. Alle Fäden liefen stets bei Gerlinde Wientgen als der Vorsitzenden des Vereins "Arbeitskreis Dritte Welt" zusammen, der hinter dem Laden steht.

Bis heute hat sich einiges geändert. Der Laden ist in ein Geschäftslokal am Westwall 62 umgezogen, vorne ein liebevoll eingerichteter kleiner Verkaufsraum, hinten ein Mini-Lager. Das ist alles. "Etwas spartanisch, das ist geblieben", sagt die studierte Pädagogin, die bis heute dieses gewisse Etwas an lässiger Unordnung liebt. "Es weckt Erinnerungen an frühere Zeiten", gesteht die mehrfache Mutter. Geblieben ist die konsequente Ausrichtung des Eine-Welt-Ladens. Es gibt nur fair gehandelte Produkte. Die allerdings in großer Anzahl und hochwertig. Neben Trommeln, Shirts, Hosen und Säften sind rund zwei Dutzend Kaffeesorten im Angebot, parallel eine reichhaltige Auswahl Tees aus Indien und Sri Lanka. Auch die Freunde süßer Leckereien kommen auf ihre Kosten. Schokolade liegt im Regal, hergestellt wird die allerdings in Deutschland, jedoch aus angeliefertem fair gehandeltem südamerikanischen Kakao und Zucker, nur die Biomilch steuern heimische Kühe bei. "Wir wollen mit unseren Maßnahmen helfen, die Lebenssituation der ärmeren Bevölkerung in der sogenannten Dritten Welt zu verbessern. Ziel ist es, einerseits zum Nachdenken anzuregen und andererseits eine größere Gerechtigkeit zu bewirken", sagt Wientgen.

Und dann ist es da, das leicht rebellische Feuer in den Augen und die Gedanken, die seit 40 Jahren nichts an Aktualität verloren haben: "Wir wehren uns gegen die Ausbeutung und Zerstörung der Natur unserer Erde zugunsten weniger und zum Schaden der weit überwiegenden Mehrheit der Menschen auf dieser Welt", sagt die Ex-Vorsitzende. "Wir müssen unser Verhalten im reichen Norden zugunsten der Entwicklungsländer nachhaltig verändern."

Obwohl diese Ziele geblieben sind, hat sich im Eine-Welt-Laden eines grundlegend gewandelt: "Vor 40 Jahren saßen in dem kleinen Ladenlokal fast ausschließlich junge Leute. Es wurde über den Krefelder Appell diskutiert und so manche Aktion vorbereitet. Trotzdem war und ist für alle der Laden mit seinen fair gehandelten Produkten die Herzkammer", erinnert sich die 82-Jährige. Inzwischen sind die Aktiven von damals älter geworden. Das beschäftigt Gerlinde Wientgen. Sie weiß, dass derzeit etwa 20 Ehrenamtler für den Verein im Einsatz sind. Sie sorgen dafür, dass das Geschäft an sechs Tagen in der Woche geöffnet ist, Waren bestellt, gelagert und ausgezeichnet werden sowie an mehr als 20 Wochenenden im Jahr sich der Eine-Welt-Laden mit seinen Produkten auch außerhalb der eigenen Wände präsentiert. Doch Mitte vergangenen Jahres ist der Altersdurchschnitt des Vereins deutlich nach unten gegangen. Celiena Gianforcaro, eine 24-jährige Deutsch-Italienerin, arbeitet inzwischen mit: " Ich kam am Laden vorbei und sah, dass hier ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht wurden. Ich wusste sofort, das ist mein Ding." An zwei Tagen in der Woche steht die junge Frau inzwischen hinter der Theke.

Zwei Mal in der Woche schaut auch Gerlinde Wientgen in "ihrem" Laden vorbei: "Ich halte mich aber aus dem aktuellen Geschäft komplett raus", sagt sie. "Das gehört sich so. Ich bin nur noch einfaches Mitglied im Verein. Und das ist gut." Das Internet ermöglicht der Ex-Vorsitzenden noch immer, Projekte in aller Welt zu begleiten, ohne unmittelbar vor Ort zu sein. "Mit unserem Erlös werden zum Beispiel in Indien Mutter-Kind-Projekte gefördert oder mehr als 300 Meter tiefe Brunnen gebohrt. Erst in diesen Tiefen ist dort salzfreies Wasser vorhanden. Diese Aufgabe liegt mir weiterhin am Herzen. Dafür hat auch meine Familie großes Verständnis."

(RP)