Krefeld: 200 Jahre alter Verein vor der Auflösung

Krefeld : 200 Jahre alter Verein vor der Auflösung

1821 wurde die auch politisch einflussreiche "Gesellschaft Verein" zum Zweck "angenehmer und nützlicher" Gestaltung der Freizeit gegründet. Zuletzt prägten Vorträge das Vereinsleben. Seit Jahren gibt es aber keine Aktivitäten des Gesamtvereins mehr.

Eine der ältesten Vereinigungen Krefelds, die 1821 gegründete "Gesellschaft Verein" , kommt am heutigen Dienstagabend zusammen, um über die Auflösung zu debattieren. "Falls diese erste Mitgliederversammlung nicht beschlussfähig sein sollte, wird es eine zweite Versammlung geben, die dann entscheiden kann", erklärt der Vorsitzende der Gesellschaft, Professor Dr. Sawko W. Wassilew. Grund für die Überlegungen zur Auflösung sei der mangelnde Zuspruch. "Seit einigen Jahren gibt es keine Aktivitäten der Gesamtgesellschaft mehr; nur einige Stammtische treffen sich noch."

Namhafte Vertreter der Krefelder Oberschicht - Fabrikanten, Kaufleute, Mediziner, Juristen, Künstler - hatten die nationalliberal gesinnte, kaisertreue und unternehmerfreundliche Gesellschaft Verein vor 196 Jahren gegründet. Spitzen der Behörden und des Militärs, die Geistlichkeit und der Rektor der höheren Stadtschule wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt, wie Reinhard Feinendegen, der 2012 verstorbene Vorsitzende des Vereins für Heimatkunde, in seinem Beitrag für das Jahrbuch des Vereins ("die heimat", 79/2008) ausführte. "Wenn ein junger Mann seine Braut vorstellte, war eine der ersten Fragen: ,Was ist sie für eine Geborene?'", schrieb der Heimatforscher und zitierte den satzungsgemäßen Zweck der Gesellschaft Verein, "den Mitgliedern die Gelegenheit zu verschaffen, in geselligem Verkehr auf angenehme und nützliche Weise ihre freien Stunden zu verbringen". Die nützlichen Aktivitäten umfassten "gelegentlich" auch finanzielle Unterstützung gemeinnütziger Krefelder Einrichtungen.

Im Stil der Neo-Renaissance ließ sich die Gesellschaft Verein Ende der 1830er Jahre ihr Domizil am Ostwall erbauen. Legendär ist das riesige Weinlager im Keller des prunkvollen Hauses. Foto: Stadtarchiv

Es war aber durchaus nicht nur die Geselligkeit, der die Mitglieder frönten: Unter ihnen waren auch Oberbürgermeister und Stadtverordnete - 1844 waren es 22 von 30. "Sicher ist, dass nichts Wesentliches in der Stadt geschah, das nicht vorher im ,Verein' vorberaten und beschlussreif gemacht worden wäre", schrieb Feinendegen.

Die Mitglieder der Gesellschaft Verein organisierten sich in "Tischen" mit originellen Namen wie "Die Nüchternen", "Die Genügsamen", "Tutti Frutti" "Krutparsch" oder "Saurer Tropfen". Letztere Bezeichnung durfte sich aber kaum auf die Qualität des Weines bezogen haben, denn im Keller des repräsentativen Domizils, das sich die Gesellschaft Ende der 1830er Jahren am Ostwall zwischen Rheinstraße und St.-Anton-Straße hatte bauen lassen, hortete sie enorme Mengen an edlen Kreszenzen, mit denen auch Handel betrieben wurde. Dort soll Platz für rund 200.000 Flaschen gewesen sein. Der Keller "überlebte" auch die Bombennacht im Juni 1943, die von dem Haus am Ostwall nicht viel übrig ließ. Das Weingeschäft wurde übrigens erst in den 1960er Jahren aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben.

In der Zeit des Nationalsozialismus hatten nur Arier Mitglied in der Gesellschaft Verein werden dürfen. "Der Kreisleiter der NSDAP behielt sich bei Neuaufnahmen ein Einspruchsrecht vor; die Funktionsträger der Partei wurden Mitglieder oder erhielten - in Uniform - Gaststatus", so Feinendegen in der "heimat".

Nachdem des Haus am Ostwall zerstört worden war, verkaufte die Gesellschaft das Grundstück 1963 und baute an der Steckendorfer Straße ein neues Domizil, das mit dem Restaurant "Silberkelch" 1966 eröffnet wurde. Vor allem Vorträge und gemeinsame Ausflüge bestimmten das Vereinsleben, das auch nach einem Brandanschlag, der die Gesellschaft ins Souterrain zwang, insbesondere mit Stammtischen in fremden Räumen intakt blieb. - Bis heute kommt noch ein Teil dieser Stammtische zusammen.

Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 hatte sich der bekannte, vielfach engagierte Krefelder Rechtsanwalt Kurt Kähler um den Fortbestand der Gesellschaft Verein eingesetzt. Aus diesem Jahr stammen auch die letzten Listen der Vereinsmitglieder, deren Zahl heute nach Einschätzung von Rechtsanwalt Klaus Kalenberg, bis heute Mitglied der Gesellschaft, bei etwa 100 Personen liegt. Nach dessen Auskunft beläuft sich das Vereinsvermögen auf einige Hundert Euro., die satzungsgemäß an die Stadt Krefeld gehen - wenn nach Abwicklung der nötigen Schritte zur Auflösung des Vereins noch etwas übrig bleibt.

(RP)
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